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Wikimedia-Mitgliederversammlung Wenn Wikipedia politisch wird

Die Online-Enzyklopädie sieht sich neuen Problemen gegenüber. Die Zahl der Autoren sinkt und die Projekte werden immer größer. Und dann sind da noch die Fragen zum Urheberrecht.

Besucherin bei der Wikimedia-Tagung
Wikipedia hat viele Kritiker widerlegt: Ihre Inhalte sind seriös und qualitativ solide. Foto: afp

Das Herz der Wikipedia – im Klangdom in der ersten Etage des Zentrums für Medien und Kommunikation in Karlsruhe, kann man es an diesem Samstag hören. Es klingt ein bisschen, wie die Raummusik des Komponisten Karlheinz Stockhausen. Ein kurzer Ton hier, ein längerer dort. Eine kleine Änderung in der Wikipedia hier, eine größere dort. Das Kunstprojekt zeigt: Das Onlinelexikon lebt, es erneuert sich, verändert sich, wie ein lebendiger Organismus. 

Doch einfach sind die Zeiten nicht, wie sich eine Etage weiter unten zeigt. Dort tagen die Mitglieder von Wikimedia Deutschland, des Vereins hinter dem Online-Lexikon, in einem futuristisch in blaues Licht getauchten Raum. Der geschäftsführende Vorstand, Abraham Taherivand, hat zwar zahlreiche Erfolge zu berichten, doch eine zentrale Kennzahl bereitet Sorgen. Immer weniger Autorinnen und Autoren arbeiten an der deutschen Version des Lexikons. 

Aktuell editieren noch etwa 20.000 Menschen wenigstens einmal pro Monat einen Beitrag. Der Versuch, den seit zehn Jahren anhaltenden Abwärtstrend zu stoppen, hat im vergangenen Jahr nicht gefruchtet. „Unser Ziel ist, dass unsere Autorenzahl nicht weiter sinkt“, sagt Taherivand, „das haben wir nicht erreicht.“

Das geringere Engagement betrachtet Taherivand als eine Gefahr für die Lebendigkeit und Vielfalt der Wikipedia-Gemeinschaft und für die Qualität der Inhalte der Enzyklopädie. Sein Verein versucht deshalb, gegenzusteuern. Auf der Website wurden Nutzer im vergangenen Jahr aufgefordert, Inhalte nicht nur zu konsumieren, sondern auch selber etwas beizutragen, etwa indem sie Fehler in Texten korrigieren oder Bilder zu Artikeln beisteuern. Wer auf die Banner klickte, wurde zu Erklärvideos, Hilfsangeboten und Online-Trainings weitergeleitet. 

Das führte zu 1531 Neuregistrierungen, von denen zum Jahresende noch mehr als 300 Konten aktiv waren. Kein zufriedenstellendes Ergebnis, aber man habe wertvolle Erfahrungen gesammelt, so Taherivand.

An anderer Stelle verbucht Wikimedia hingegen fast schon sagenhafte Erfolge. Die Zahl der Vereinsmitglieder ist um 12 000 auf 65 000 Personen gestiegen. Und auch die Einnahmen konnte der Verein deutlich erhöhen, sie kletterten von 5,2 auf 6,8 Millionen Euro. Das meiste Geld floss in die Weiterentwicklung der Software hinter der Wikipedia und in ein Projekt namens Wikidata, das seit 2012 betrieben, und dem eine große Zukunft vorausgesagt wird. 

In Wikidata wird die Welt des Wissens in ihre Einzelteile zerlegt, also zum Beispiel in einzelne Wörter und Begriffe. Diese werden umfassend beschrieben, untereinander und mit Quellen verknüpft – und das in 49 Sprachen. Mittlerweile liegen fast 50 Millionen solcher strukturierter Datensätze vor, die von Mensch und Maschine verstanden werden können. Das schafft einen ganz neuen Zugang zum Wissen. So können an die Datenbank zum Beispiel Fragen gestellt werden, etwa: Welche Dichter hatten einen Rechtsanwalt als Vater? Oder: Welche Bahnhöfe in Estland wurden nach 1990 gebaut? Gleichzeitig schafft die Datenbank die bisher vermutlich beste Grundlage dafür, dass Menschen in natürlicher Sprache mit Computern kommunizieren können. Die Sprachassistenten Alexa und Siri greifen zum Beispiel darauf zu.

„Im Grunde wissen wir noch gar nicht, welche Möglichkeiten Wikidata einmal eröffnen wird“, sagt Franziska Heine, die bei Wikimedia die Software-Entwicklung leitet. „Aber wir können schon Dinge erfahren, nach denen wir bislang nicht einmal fragen konnten.“ Die Datenbank sei vergleichbar mit der Erfindung des Röntgens oder des Mikroskops. „Es brauchte neue Werkzeuge, um die Welt besser verstehen zu können. Das ist die Magie.“

Um ihrem Ziel, Wissen frei verfügbar zu machen, näher zu kommen, entwickelt sich die Wikimedia-Gemeinschaft aber auch verstärkt zu einer politischen Organisation. Im vergangenen Jahr wurde der globale Strategieprozess „Wikimedia 2030“ angestoßen. Seither bekennt sich Wikimedia zum ersten Mal dazu, „eine soziale Bewegung zu sein, die weit über die Grenzen der Enzyklopädie hinaus auf die Gesellschaft wirken will“. 

In einem Prozess, der im Sommer vom Bundesgerichtshof entschieden werden soll, geht es zum Beispiel darum, inwieweit Museen die Verbreitung von Digitalisaten ihrer Bilder akzeptieren müssen. Wikimedia streitet mit den Mannheimer Reiss Engelhorn Museen. Ein Wikipedianer hatte dort ein Bild von Richard Wagner abfotografiert und in der Enzyklopädie veröffentlicht. Das gefiel dem Museum nicht. Es beansprucht, alleine über die Rechte an dem Werk verfügen zu dürfen.

„Das ist ein Aufbauen von Mauern, das wir Wikipedianer überhaupt nicht verstehen können“, sagt Wikimedia-Präsidiumsmitglied Lukas Mezger. Er lobt Museen wie das holländische Rijksmuseum, das Metropolitan Museum of Art in New York oder auch das Naturkundemuseum in Berlin. Sie alle haben Teile ihrer Exponate für Wikimedia zugänglich gemacht. 

Schließlich einen die Museen und Wikipedia ja eigentlich der gesellschaftliche Auftrag, Menschen zu bilden. Und das geschieht gelegentlich auf sehr spielerische Weise. Aus den Aufnahmen von Vogelgezwitscher des Naturkundemuseums machten Freiwillige die App „ZZZwitscherwecker“, der nicht nur ein sanftes Aufwachen beschert, sondern mit einem Vogelstimmenrätsel auch lehrreich ist.

Politisch aktiv ist Wikimedia auch auf europäischer Ebene. Dort kämpft die Organisation gegen die Einführung sogenannter Upload-Filter, die Urheberrechtsverletzungen im Netz verhindern sollen. Der Europäische Rat hat diese Woche ein solches Gesetzesvorhaben angeschoben. „Ein Schlag in den Magen“ sei das, sagt Wikimedia-Geschäftsführer Taherivand. Upload-Filter sind aus Sicht der Organisation alles andere als geeignet, sinnvoll Urheberrechtsverletzungen zu verhindern. 

So seien schon jetzt Beispiele bekannt, wo zum Beispiel Kunstprofessoren im Rahmen von Vorlesungen Kunstwerke zeigten und dann Videos ihrer Vorträge ins Netz laden wollten. Diese seien jedoch der Zensur zum Opfer gefallen, obwohl die Bildzitate rechtlich völlig in Ordnung gewesen seien. Die Upload-Filter sieht man deshalb als große Bedrohung für die Wikimedia-Projekte. Taherivand zeigt sich kämpferisch. „Da werden wir nicht klein beigeben.“

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