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Uganda Eine App gegen die Korruption

In Uganda sollen einfache Bürger mit ihrem Smartphone zu Whistleblowern werden. „Action for Transparency“ in Uganda ist ein Pilotprojekt des schwedischen Medieninstituts „Fojo“. Nach ersten Erfolgen gibt es die App mittlerweile auch in Sambia und Kenia.

Aktivist Gerald Businge schult Landsleute in der neuen App. Foto: March

Ein Dutzend Erwachsene haben sich auf die niedrigen Holzbänke der Gombe Kayunga Grundschule gezwängt. Viele haben diesem Nachmittag entgegengefiebert. Einige haben sich sogar extra schick gemacht. Wie wissbegierige Schüler hängen sie an den Lippen eines 35-Jährigen in dunklem Anzug, der sein Smartphone in die Luft hält. Es sei eine Waffe gegen Korruption, sagt Gerald Businge. „Wir haben eine App entwickelt, die die Regierungsbudgets für Schulen und Kliniken anzeigt. So kann jeder nachprüfen, ob das Geld auch tatsächlich angekommen ist und ob es wie geplant ausgegeben wurde.“ Ziel ist es, damit ganz normale, einfache Bürger in die Lage zu versetzen, Korruption und Misswirtschaft aufzudecken.

Businge ist der Programmdirektor von „Action for Transparency“ in Uganda, einem Pilotprojekt, das auf eine Initiative des schwedischen Medieninstituts „Fojo“ zurückgeht. Nach ersten Erfolgen gibt es die App mittlerweile auch in Sambia und Kenia. Fasziniert schauen die Dorfbewohner zu, wie Businges Finger über das Display seines Handys fährt. Eine Landkarte erscheint, die per GPS den aktuellen Standort darstellt. Kleine Symbole markieren alle staatlichen Kliniken und Grundschulen. Mit einem weiteren Klick öffnet sich eine Tabelle: Dort steht, wie viel Geld diese Grundschule pro Jahr und Quartal vom Staat erhalten soll und welche Mittel zweckgebunden sind. Ein Raunen geht durch die Schulbänke.

Was einfach aussieht, sei harte Arbeit gewesen, erzählt der Journalist und Dozent für soziale Medien. „Wir haben über ein Jahr gebraucht, um diese Daten zusammenzutragen.“ In den Ministerien wurde er von einem Mitarbeiter zum nächsten geschickt. Denn eine zentrale Datenbank existiere nicht. „Es war mühsame Kleinarbeit, die Detailinformationen für die einzelnen Schulen und Kliniken herauszufiltern, so dass die Bürger sie auch tatsächlich vor Ort überprüfen können.“ Ob beispielsweise Geld für ein neues Klassenzimmer angewiesen, aber keines gebaut wurde. Ob Gehälter für zwölf Krankenschwestern bezahlt werden, obwohl an der Klinik nur sieben arbeiten. Wem eine solche Diskrepanz auffällt, der klickt einfach auf das Whistleblower-Symbol der App und meldet so den Vorfall.

Alle wollen das direkt ausprobieren. Viele besitzen selbst ein Smartphone, andere schauen ihrem Nachbarn über die Schulter. Businge geht durch die Bankreihen und erklärt geduldig jeden Schritt. „Zwar sieht man überall in Uganda Leute mit Mobiltelefonen, aber nur wenige wissen, wie man eine App bedient.“ Doch die meisten lernen schnell dazu. Grundschuldirektorin Josephine Nabwani kann kaum fassen, wie einfach es geht. Sie hatte bisher keine Ahnung, wie viel Geld das Bildungsministerium für ihre Schule vorgesehen hat. „Das sind doch Regierungsinformationen!“ Widerspruchslos hatte sie sich seit Jahren mit den kargen Summen zufrieden gegeben, die überwiesen wurden. Jetzt kann sie zum ersten Mal nachprüfen, ob das tatsächlich alles war. Stirnrunzelnd vergleicht sie die Informationen der App mit den handgeschriebenen Zahlenkolonnen ihrer Buchhaltung.

Alle Hinweise aus der Bevölkerung laufen bei „Transparency International“ in Uganda zusammen, im Büro von Moses Karatunga. Vetternwirtschaft gehöre im Land zum Alltag, erklärt er. Im weltweiten Korruptionswahrnehmungsindex rangiert das ostafrikanische Land im letzten Viertel. „Es gibt viele Korruptionsfälle, in die auch hochrangige Regierungsmitglieder verwickelt sind. Leider kommen sie jedoch meistens ungestraft davon.“ Zwar gebe es gute Gesetze, aber es hapert wie so oft an der Umsetzung und dem politischen Willen. Ugandas Präsident Yoweri Museveni regiert schon seit bald drei Jahrzehnten und will bei den Wahlen Mitte Februar erneut antreten. Die politische Monokultur fördert den Filz.

Kleinere Korruptionsfälle an Schulen und Kliniken würden auf den ersten Blick natürlich wie Peanuts wirken, räumt Karatunga ein. Aber sie dürften deshalb nicht ignoriert werden. „Wir müssen den Bürgern zeigen, dass Transparenz im Umgang mit öffentlichen Geldern generell wichtig ist. Nur so können wir die Korruption im Keim ersticken.“ Alle Hinweise sind anonym und werden vertraulich behandelt. In einem autokratisch regierten Land wie Uganda, in dem die Pressefreiheit eingeschränkt ist, Kritiker mundtot gemacht und Oppositionelle festgenommen werden, ist das entscheidend. Wenn sich ein Hinweis als stichhaltig herausstellt, nimmt „Transparency International“ Kontakt zu den entsprechenden Behörden, der Polizei oder den Ministerien auf.

Dicke Fische sind den Anti-Korruptionskämpfern durch die App noch nicht ins Netz gegangen. Aber sie sind trotzdem zufrieden mit den ersten Erfolgen ihres Projekts: So wurde beispielsweise ein Beamter überführt, der jahrelang Gelder für eine Schule einkassiert hatte, die nur auf dem Papier existierte. Über die App hatten Bürger gemeldet, dass es dort weder Lehrer noch Schüler gebe. Fälle wie dieser hätten Signalwirkung, betont Gerald Businge. „Viele Studien belegen den Zusammenhang zwischen Korruption und mangelnder Information. Wer sich unbeobachtet fühlt, stielt weiter!“

Und zwar Geld, das eigentlich für Bildung und Gesundheit bestimmt ist, für die Entwicklung des bitterarmen Landes. „Aufgeklärte, mündige Bürger sind das beste Mittel im Kampf gegen die Korruption.“ Dazu hat Businge selbst an diesem Nachmittag wieder ein bisschen beigetragen. Ermutigt gehen die Dorfbewohner nach Hause, als potenzielle Whistleblower.

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