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Social Media Week Berlin Die neuen Grundrechenarten

Profis und Laien tauschen sich bei der Social Media Week über Facebook und Co. aus. Das Interesse ist riesig. Über 12.000 Besucher haben sich bereits registrieren lassen. Manche Workshops sind bereits seit Wochen ausgebucht

27.09.2012 17:00
Andrea Beyerlein
Facebook, Twitter und Co.: Das Interesse an der Berliner Social Media Week ist riesig. Foto: dpa

Dieser Satz war nicht zu erwarten. Schon gar nicht von diesem Mann. Joel Dullroy ist der Organisator der Berliner Social Media Week und Gründer eines kleinen Berliner Internet-Unternehmens. Aber der 30-jährige Australier sagt: „Ich hasse Facebook. Und ich hasse Twitter.“ Doch irgendwann habe er einsehen müssen, dass er sich diesen Luxus nicht mehr leisten kann. „Du brauchst sie für den Job. Sie sind Teil des modernen Lebens.“

Jetzt setzt Dullroy viel Zeit und Kraft dafür ein, Facebook und Co. für alle, die es nötig haben, nutz- und beherrschbar zu machen. Das ist natürlich auch eine gute Werbung für seine Firma Deskwanted. Aber vor allem ist die Social Media Week, die noch bis Freitag andauert, ein grandioses Fortbildungsangebot für Profis und Netz-Laien. Und voller Überraschungen. 12.000 Besucher haben sich bis Mittwoch registrieren lassen. Und das alles ganz umsonst.

Na ja, fast. Der Kaffee kostet in den Messeräumen an der Andreasstraße einen Euro. Als Spende. Das eingenommene Geld soll an ein sinnvolles Projekt gehen. Welches, ist noch nicht entschieden. Das Unternehmen Nespresso, das den Kaffee spendiert, gehört wie auch Nokia oder die Car-Sharing-Firma DriveNow, zu den Sponsoren der Social Media Week. Es vertreibt seine Produkte auch über das Internet.

Programmierer gesucht

Montana Hoda arbeitet an dem Nespresso-Stand. Er wundert sich. „Hier sind so viele Frauen und alle Leute sind super nett. Ich dachte, hier trifft man nur diese Nerds.“ Nerds, das ist der inzwischen gängige Begriff für junge, blasse, im realen Leben nicht sonderlich kommunikationsfähige Männer, die den größten Teil ihrer Wach-Zeit hinter dem Computer-Bildschirm verbringen. Aber im Foyer und in den Konferenzräumen sind ganz unterschiedliche Leute unterwegs. Junge, mittelalte, auch die Generation 50 plus. Frauen und Männer in löchrigen Jeans, im Business-Kostüm oder in Anzug und Schlips.

Die Andreasstraße 10 nahe dem Ostbahnhof ist der Sitz der Firma Immoscout24 und einer von drei Standorten der Berliner Social Media Week. Das Internet-Portal ist in der Immobilienbranche eine nicht mehr wegzudenkende Größe und beschäftigt in der Berliner Zentrale 600 Mitarbeiter. Das Unternehmen stellt seine Räume zur Verfügung. In der Kantine hängen Jobangebote. Programmierer dringend gesucht.

Es gibt Vorträge und Workshops darüber, wie sich soziale Netzwerke für die Kommunikation mit der Kundschaft und für die Kontaktpflege nutzen lassen. Ältere lernen von Jüngeren. Gestandene Mittelständler lassen sich von den Gründern junger Low-Budget-Firmen die für sie neue Welt erklären. Im Gegenzug bekommen Letztere gute Kontakte.

Karin Schade hat ihr IPad mitgebracht und wartet in der Lobby auf den Beginn des Workshops „Erstellung und Pflege einer Facebook-Unternehmensseite“. Der ist wegen der hohen Nachfrage zusätzlich ins Programm aufgenommen worden. Karin Schade arbeitet schon lange in der Immobilienbranche. Vor einigen Monaten hat sie sich selbstständig gemacht und will nun auch ihre Internet-Präsenz verbessern. Die 52-jährige Maklerin ist von den Informationsangeboten, der entspannten Atmosphäre und dem freundlichen, offenen Umgangston auf der Messe begeistert. Nur dass viele Vorträge auf Englisch gehalten werden, findet sie gewöhnungsbedürftig, „Man muss sich wieder reinhören. Aber das ist eben die Sprache der Online-Welt.“

Auch am Moritzplatz hat die dort ansässige Design Akademie ihre Räume der Messe zur Verfügung gestellt. Es gibt Erfahrungsberichte von erfolgreichen und gescheiterten Start-ups, so nennt man die meist ganz klein beginnenden Firmenneugründungen in der Internetbranche. Keiner der Referenten bekommt ein Honorar. Zentrales Thema hier ist die gesellschaftliche und politische Relevanz von Facebook und Co., die Chancen und Grenzen für mehr demokratische Teilhabe.

Workshops schon wochenlang ausgebucht

Rico Valtin gehört zu dem 20-köpfigen Organisationsteam der Messe. Besonders stolz ist der 29-jährige Dresdner auf den für Donnerstag um 17 Uhr geplanten Auftritt der Botschafterin des Südsudan. Dort gibt es Bestrebungen, alle relevanten Daten ins Netz zu stellen. „Das wäre die erste Piratenrepublik weltweit“, sagt Valtin.

Bis Freitag wird es die Social Media Week auf die stattliche Zahl von rund 200 Veranstaltungen gebracht haben. Manche Workshops waren bereits Wochen zuvor ausgebucht. Auch die Industrie- und Handelskammer hat ihre Mitglieder auf die Veranstaltungen hingewiesen. Am dritten Standort, dem Club Sternchen Naherholung in der Berolinastraße in Mitte, geht es um Vernetzungs- und Vermarktungschancen für die Kunst- und Musikszene.

Seit 2010 findet die Messe jedes Jahr statt, inzwischen haben die Organisatoren die Zielgruppen etwas separiert. Das erleichtert die Netzwerkbildung. „Aber für alle gilt das gleiche“, sagt Rico Valtin. „Die sozialen Netzwerke haben sich zu einer Art Grundrechenart entwickelt. Die muss man beherrschen, um zu bestehen.“

Joel Dullroy beherrscht sie natürlich schon lange, trotz aller Abneigung. „Man muss auch Mechanismen entwickeln, um nicht süchtig zu werden“, sagt er. Vor vier Jahren ist der Australier nach Berlin gekommen. „Weil du hier mit relativ geringem Risiko etwas Neues starten kannst. Das ist so in keiner anderen Stadt möglich.“ Ein Jahr lang hat er an dem Konzept für seine Firma gearbeitet. Deskwanted vermittelt Plätze in Bürogemeinschaften, weltweit.

Das hat für Freiberufler nicht nur den Vorteil, dass sie auch bei befristeten Auslandsaufenthalten unkompliziert an einen funktionierenden Arbeitsplatz kommen. Sie finden auch schneller Kontakte. In der Startphase hat Dullroy von 500 Euro im Monat gelebt. „Das ist in Berlin zu schaffen. Noch jedenfalls. Dann kann man eben nur Sternburg-Bier trinken.“ Inzwischen hat er sechs feste Mitarbeiter und über 1000 Anbieter weltweit in seiner Kartei. Und Dullroy kann sich Augustiner-Bier leisten.

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