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Social Media „Likes“ als Selbstzweck

Mit Likes, Scores und Sternchen entfernen wir uns von Klartext und Selbstreflexion. Doch das wahre Leben findet im echten Leben statt.

Facebook
Auf den üblichen Social-Media-Kanälen wird die Bewertung der Posts und Mitteilungen über die Menge an Likes oder Followern ausgewiesen. Foto: Imago

Der Autoverkäufer übergibt die Schlüssel für den neuen Wagen, zieht im letzten Moment zurück und hat da doch noch eine Bitte: „Wenn Sie angerufen werden, dann freue ich mich über eine Fünf-Punkte Bewertung“. Ein so unverhohlenes Buhlen um eine gute Bewertung schmälert gleich die Begeisterung für das neue Gefährt. Ob beim Autokauf, der Hotelübernachtung oder beim Besuch eines Seminares, stets folgt die Bewertung im Punktesystem und meist auch die Bitte um die Höchstpunktzahl.

Denn ein „Gut“ scheint nicht mehr gut genug. Auf den üblichen Social-Media-Kanälen wird die Bewertung der Posts und Mitteilungen über die Menge an Likes oder Followern ausgewiesen. Und auch hier gilt oft: Poste, was Likes bringt. Die Krönung findet über den Klout-Score statt. Der nämlich gibt auf einer Skala von 1 bis 100 an, wie hoch der eigene Online-Einfluss ist. Donald Trump übrigens liegt bei 94. Tinder dagegen ist schön einfach. Die Menschen werden in attraktiv / nicht-attraktiv unterschieden. Fertig. Neuerdings gibt es da noch dieses ganz besondere „Super-Like“.

Wohin aber führt das alles? Ganz einfach, es wird zum Selbstzweck. Der Autoverkäufer fokussiert nur noch auf die Bewertung am Ende, Profile werden gefakt, wir verhalten uns konform zur Höchstpunktzahl und leben in einer Scheinwelt (oder in mehreren).

Wir entfernen uns von Klartext, Selbstreflexion und unserem eigenen Leben. Die Folge „Sturzflug“ der Fernsehserie Black Mirror zeigt auf drastische Weise, was passiert, wenn Menschen jede Begegnung miteinander auf einer Punkteskala irgendeiner App bewerten. Wer widerspricht oder gar flucht wird schnell heruntergestuft. Unter einem bestimmten Schwellwert beginnt die Ausgrenzung und der soziale Abstieg. Läuft man nicht konform zur gefakten Gesellschaft, ist die Landung auf dem realen Boden der Tatsachen verdammt hart.

„Fake it till you make it“ – diese Phrase wird oft als gut gemeinter Ratschlag verkauft und in einem gesunden Maß mag das auch sinnvoll sein. Sobald sich die eigenen Gedanken zu sehr um Likes, Sternchen und Scores drehen, sollten wir uns eines wieder bewusst machen: Das wahre Leben findet im echten Leben statt.

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