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Shift Fairer gründen

Immer mehr Start-ups machen Nachhaltigkeit zum Kern ihres Geschäftsmodells, so auch zwei Hessen mit ihrer Smartphone-Firma.

Waldeck
Samuel (l.) und Carsten Waldeck wollen sozial verantwortlich wirtschaften. Foto: Jonathan Linker

Die Smartphone-Branche ist ein Haifischbecken: Viele Anbieter – fast alle aus China, Korea oder den USA – und ein ständiger Kampf um Preise und technologischen Vorsprung. Braucht es da wirklich ein kleines Start-up aus der nordhessischen Provinz, das auch noch auf den Markt drängt? Samuel und Carsten Waldeck finden: ja – weil ihr Unternehmen „Shift“ vieles besser mache als die Konkurrenz.

Die Brüder, die den Hessischen Gründerpreis in der Kategorie „Gesellschaftliche Wirkung“ gewonnen haben, entwickelten ein Smartphone, das aus verschiedenen Modulen zusammengesetzt ist. Im Gegensatz zu iPhone & Co. kann man es dadurch auseinandernehmen und reparieren. Und im Fall der Fälle nimmt „Shift“ es zurück und recycelt die verbauten Rohstoffe. Auch sonst gehen die Gründer ungewöhnliche Wege: Sie finanzieren sich über Crowdfunding. Sie verzichten auf das umstrittene Edelmetall Coltan. Und sie achten auf gute Arbeitsbedingungen – nicht nur in Deutschland, auch in China. 

Samuel und Carsten Waldeck haben sich für ihr Start-up ein Credo gegeben, das sie oft wiederholen: „So viel Gutes tun, wie wir können, und dabei so wenig Schaden anrichten wie möglich“. Sie sind damit nicht die Einzigen. Immer mehr Gründer wollen sich lösen von einem unternehmerischen Verständnis, das in erster Linie auf Profite abzielt. Ganze Studiengänge widmen sich mittlerweile dem, was in der Gründerszene als „Social Entrepreneurship“ oder „Sustainable Entrepreneurship“ bezeichnet wird – also als soziales oder nachhaltiges Unternehmertum. 

Davon, dass sich nachhaltige Geschäftsmodelle nicht nur moralisch lohnen können, sondern auch finanziell, ist Klaus-Michael Ahrend überzeugt. Der Wirtschaftswissenschaftler ist Honorarprofessor der Hochschule Darmstadt und lehrt dort unter anderem zu „unternehmerischen Chancen in der Nachhaltigkeit“. „Die meisten Studien belegen, dass sich nachhaltige Geschäftsmodelle langfristig rentieren“, sagt er. „Wenn die Kunden das honorieren – und meist tun sie das, wenn man es gut vermittelt –, kann es sogar ein Wettbewerbsvorteil sein.“ Auch aus diesem Grund wird Unternehmen oft vorgeworfen, mit blumigen Bekenntnissen zu Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung in erster Linie Marketing zu betreiben. 

Viele Start-ups wollen diese Prinzipien dagegen zum Kern ihres Geschäftsmodell machen. Um damit erfolgreich zu sein, müssten Gründer einiges beachten, sagt Klaus-Michael Ahrend. Wichtig sei etwa, sich zu überlegen, ob das Produkt oder die Dienstleistung, die man anbieten möchte, den potenziellen Kunden zusätzlichen Nutzen bringe oder sich genug von den Wettbewerbern abhebe. „Es macht auch Sinn, sich schon in der Anfangsphase Partner zu suchen, etwa aus Wirtschaft und Wissenschaft, um das eigene Geschäftsmodell zu erarbeiten.“ Dann muss man sich alle Unternehmensbereiche anschauen – von der Beschaffung über die Produktion bis hin zum Vertrieb – und prüfen, wie Fairness und Nachhaltigkeit hier umgesetzt werden kann.

Das haben auch die beiden „Shift“-Gründer getan – und sind auf einige Hindernisse gestoßen. Los ging es bei der Endfertigung, die sie wie fast alle Unternehmen nach China verlagerten, weil es momentan noch zu teuer und kompliziert wäre, alle nötigen Bauteile nach Deutschland zu transportieren. Doch als Carsten Waldeck in die Smartphone-Hochburg Shenzhen flog, stellte er bald fest, dass sie in den großen Fabriken dort als winziger Kunde weder die Chance hatten, Arbeitsbedingungen zu beeinflussen, noch technische Extrawünsche durchzusetzen. 

Nur durch Zufall, persönliche Kontakte und die Hilfe der lokalen NGO Taos fanden sie schließlich Mitstreiter vor Ort, die bereit waren, sich auf das Experiment einzulassen. Mittlerweile hat „Shift“ eine eigene kleine Produktionsstätte mit zehn festen Mitarbeitern eröffnet – ihr Gehalt liegt nach Angaben der Gründer mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnittslohn in den großen Fabriken. Sie arbeiteten höchstens 50 Stunden pro Woche und seien krankenversichert.

Als ungleich schwieriger erwies es sich, Einfluss auf die früheren Phasen der Lieferkette zu nehmen – die Herkunft einiger Rohstoffe wie Gold bleibt im Dunkeln. „In einer perfekten Welt könnten wir alles kontrollieren“, sagt Samuel Waldeck. In der Welt, wie sie ist, allerdings, könne man nicht einfach zu einem Hersteller gehen und fair produzierte Hauptplatinen fordern. Also müssen die Brüder andere Wege gehen. Derzeit sind sie mit verschiedenen NGOs und Zulieferern in der Demokratischen Republik Kongo im Gespräch.

Doch das Agieren in der Nische und die Unabhängigkeit von großen Investoren hat für die „Shift“-Gründer auch viele Vorteile. So konnten sie Dinge umsetzen, die für große Unternehmen einen immensen Aufwand bedeuten würden, sagt Waldeck. Das Gerätepfand von 22 Euro etwa, der Kunden motivieren soll, die Handys nicht einfach in den Müll zu werfen.

Also für immer Nische? An soziale oder nachhaltige Start-ups wird oft die Erwartung gestellt, als Pioniere vorauszugehen und irgendwann den Massenmarkt zu erobern. Doch dort als Gründer mit nachhaltigem Geschäftsmodell zu bestehen, sei nicht einfach, sagt Klaus-Michael Ahrend. Als Negativbeispiel wird immer wieder Bionade genannt. Nach einem sprunghaften Wachstum – von zwei Millionen verkauften Flaschen im Jahr 2003 zu 200 Millionen im Jahr 2008 – brach der Verkauf nach einer Preiserhöhung stark ein. Als die Marke dann von der zum Oetker-Konzern gehörenden Radeberger-Gruppe übernommen wurde, verlor sie endgültig ihr ökologisches Underdog-Image.

„Wir wollen schon weiter wachsen und eine Alternative bieten für Menschen weltweit, die auf der Suche sind nach einem Smartphone-Hersteller, der verantwortungsvoller mit der Welt umgeht“, sagt auch Samuel Waldeck. 2018 hat „Shift“ 10.000 Geräte verkauft, im ersten Geschäftsjahr – 2015 – waren es nur 2000. Zugleich aber wollten sie immer nur einen Schritt nach dem anderen zu tun, den Überblick über ihr Unternehmen nicht verlieren. Das Geschäftsmodell sei „nicht unendlich skalierbar“. 

Klaus-Michael Ahrend hofft darauf, dass nachhaltiges Unternehmertum „vom Randthema zum Mainstreamthema wird“. Viel Potenzial – und Nachholbedarf – sieht er etwa bei den Energie- und Verkehrsunternehmen. 

Doch noch fehle es an den nötigen Strukturen – etwa bei der Finanzierung. Zwar gibt es bereits einen Markt für grüne Anleihen und spezielle Crowdfunding-Plattformen. „Aber insbesondere die Banken haben sich bisher von der Debatte in keiner Weise beeindrucken lassen“, sagt Ahrend. „Da heißt es dann: Das Geschäftsmodell muss sich wirtschaftlich tragen, Punktum.“ Ahrend ist überzeugt, dass die Platzhirsche in allen Bereichen gut daran täten, sich mit dem Thema zu befassen: „Aus meiner Sicht ist die Entwicklung nicht mehr aufhaltbar.“

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