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Selfie-Kultur Spieglein, Spieglein in der Hand

Das „Zeitalter des Narzissmus“ hat mit den digitalen Medien richtig Fahrt aufgenommen. Das Selfie gilt als harmloser Ausdruck einer zwanghaften Selbstliebe, deren Bestätigung mühelos durch digitale Aktivitäten zu erzielen ist. Was daran schlimm sein soll?

Selfie
Harmloser Ausdruck einer zwanghaften Selbstliebe: das Selfie. Foto: rtr

Nachdem sich im Januar 2016 die Nachricht vom Tod David Bowies verbreitet hatte, dauerte es nicht lange, bis sich der Platz vor dem Haus in der Hauptstraße 155 in Berlin in ein Blumenmeer verwandelte. Die Fans wollten es sich nicht nehmen lassen, ihrem Idol zu huldigen. Die Berliner fühlen sich schon seit geraumer Zeit wohl damit, den britischen Popstar als einen der Ihren zu betrachten. Von 1976 bis 1978 hatte Bowie in Schöneberg gelebt, vorübergehend gemeinsam mit dem Exzess-Rocker Iggy Pop. Einem Anwohner aber gingen die Trauerbekundungen entschieden zu weit. Nachdem immer neue Blumen vor dem Haus angehäuft worden waren, legte sie oder er ein Pappschild mit der Aufschrift hinzu: David Bowie wohnt hier nicht mehr.

Es war eine wohltuende ironische Brechung der demonstrativen Trauerwut. Der Ausdruck der Anteilnahme für einen, den man nahezu ausschließlich über Medienprodukte wahrgenommen hat, führt tief hinein ins Feld der Psycho-Pathologien, die man leichthin zu einem typischen Fan-Verhalten normalisiert. Was ist schon dabei, wenn Menschen angesichts des Todes von Leonard Cohen und David Bowie traurig sind, deren Musik doch das eigene Leben über Jahrzehnte begleitet oder sogar beeinflusst hat? Das Mitgefühl für das Idol fungiert nicht zuletzt als Selbstvergewisserung über die Formen des eigenen Empfindens.

Fragwürdige Phänomene, einen Klick weit entfernt

Dem amerikanischen Psychologen Christopher Lasch war dieses Phänomen bereits in den 70er Jahren als allgemeine Zeitgeisterscheinung aufgefallen, die ihn dazu veranlasste, vom „Zeitalter des Narzissmus“ zu sprechen. Obwohl Lasch betonte, einen auf klinischen Befunden basierenden Narzissmusbegriff zugrunde gelegt zu haben, wurde sein Buch vor allem als Zuspitzung mit feuilletonistischem Deutungsüberschuss verstanden.

Was eben noch als Störung eines narzisstischen Persönlichkeitstyps beschrieben werden konnte, schien mehr und mehr die sozialen Normen der Zeit zu bestimmen. Das gesteigerte Bedürfnis, bewundert zu werden und andere zu bewundern, schlägt sich mehr denn je in einem expansiven Show- und Sportsystem nieder, das auch über ein enormes wirtschaftliches Potenzial verfügt.

Das „Zeitalter des Narzissmus“, das Lasch heraufziehen sah, hat aber so richtig erst Fahrt aufgenommen mit der Durchsetzung digitaler Medien. Seither gilt das Selfie als ein harmloser Ausdruck einer zwanghaften Selbstliebe, deren Bestätigung mühelos durch digitale Aktivitäten zu erzielen ist. Was soll daran schlimm sein?

Die fragwürdigeren Phänomene sind nur einen Klick weit entfernt. Der Suizid des Linkin-Park-Sängers Chester Bennington wurde über Nacht zu einem sozialen Ereignis des Informationsexzesses via Facebook, Twitter und Co. Natürlich gab es auch hier Fans, die einfach nur traurig waren. Die gesteigerte Bedeutung des Todes eines verletzlichen Rockstars aber reichte über die bisherige Fanbasis der Band bei weitem hinaus. Trauer, Tragik, Drama und Ausweglosigkeit, aber auch die Freundschaft zum ebenfalls durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Musiker Chris Cornell, wurden binnen kurzer Zeit zu einem Feuerwerk der Empathiebekundungen. Und es wird sich wiederholen. Auf der Suche nach einem auf Dauer gestellten Karneval der Gefühle sind die sozialen Netzwerke nicht wählerisch.

Über die gewachsene Bedeutung der Merkmale narzisstischer Persönlichkeitsstörungen im Zusammenhang mit dem intensiven Gebrauch sozialer Netzwerke ist längst eine engagierte Diskussion entbrannt. Am Beispiel des amerikanischen Präsidenten lässt sich studieren, wie sehr die Charakteristika eines erfolgreichen Menschen mit den Merkmalen der Psychopathologie korrespondieren.

Die hiesige Wirtschaftsforschung ist da allerdings schon ein paar Schritte weiter. So berichtete der Branchendienst Horizont kürzlich über eine Studie der Digitalagentur Syzygy, der zufolge ein kausaler Zusammenhang besteht zwischen einem erhöhten Narzissmuslevel der Generation der Millennials und deren Nutzung von Selfies, sozialen Netzwerken und On-Demand-Apps wie Netflix und Lieferheld. Bei den Millennials handelt es sich um die erste Generation der Digital Natives, die zwischen 1981 und 1998 geboren wurden und mit Smartphone, Tablet und Co. groß geworden sind. Der Studie zufolge ist es die häufige Nutzung dieser Technologie, die aus der jungen Generation eine „Generation Narzissmus“ macht. Deutsche Millennials, so Horizont, seien um 13 Prozent narzisstischer veranlagt als ältere Generationen.

Es ist nicht die Sorge um das seelische Wohlbefinden der Millennials, die das Informationsbedürfnis des Branchendienstes angeregt hat. In einem weiteren Beitrag werden Tipps gegeben, mit deren Hilfe man sich die diffusen narzisstischen Energien für die eigenen Geschäftsideen zu Nutze machen kann. Ein Beispiel: „Narzissten glauben, dass sie dazu berechtigt sind, zu den Besten zu gehören. Sie sind davon überzeugt, dass sie stets Privilegien oder Sonderbehandlungen verdienen. Effektive EgoTech sollte Millennials das Beste oder eine Premium-Version bieten. Digitale Dienstleistungen oder Produkte können so besser beworben werden.“

Der elegant über die Lippen gehende Ausdruck EgoTech gehört zu einer auf die Spitze getriebenen Konsumpsychologie der digitalen Ökonomie, für die Zynismus zum Geschäftsmodell gehört. „Laut Syzygy neigen Narzissten dazu“ so Horizont weiter, „ausbeuterisch zu agieren und ohne Empathie zu handeln. EgoTech soll dieser Meister-Sklave-Beziehung nachgeben und Millennials denken lassen, sie hätten die Welt in der Hand. Dienste wie Allyouneedfresh, Foodora, Deliveroo oder Uber zentralisieren die Welt der Nutzer und lassen Sklaven für einen arbeiten.“

Da sage noch einer, dass sich ein Psychologiestudium heute nicht mehr lohnt.

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