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„Schutzranzen“ Überwachte Grundschüler

1. UpdateEin GPS-Tracking-Tool soll Kinder vor Unfällen im Straßenverkehr schützen - um den Preis der digitalen Totalüberwachung. Im Netz hagelt es Kritik an VW und dem „Schutzranzen“.

Kinder auf dem Schulweg
Ein GPS-Sender im Schulranzen oder alternativ eine App auf dem Smartphone soll den Schulweg sicherer machen. Doch der Preis dafür ist hoch. Foto: Imago

Kinder besser vor Unfällen schützen und ihre Schulwege sicherer machen: Wer würde ein solches Vorhaben nicht unterstützenswert finden? Viele, wie sich zeigt - wenn das hehre Ziel um den Preis der digitalen Überwachung von Grundschülern erreicht werden soll. Der Automobilkonzern Volkswagen bekommt im Netz gerade volle Breitseite für seine Kooperation mit dem Startup Cooldriver, die derzeit das Projekt „Schutzranzen“ in  Ludwigsburg und Wolfsburg testen. 

So funktioniert der „Schutzranzen“: Eine App auf dem Smartphone oder ein im Ranzen integrierter GPS-Sender übermitteln die aktuellen Positionsdaten an eine Cloud. Eine Software berechnet die Distanz zwischen Autofahrern und Kindern und schlägt über die App Alarm, wenn der Sicherheitsabstand unterschritten wird.  Das Konzept funktioniert natürlich nur, wenn sowohl die Autofahrer als auch die Kinder mit der Technik ausgerüstet sind. 

Kinder vor Unfällen mit Autos schützen, indem man Autofahrer durch eine Warnung auf dem Handy von der Straße ablenkt? In den sozialen Medien sorgt das für Kopfschütteln. „Abgelenkte Fahrer sind eine Gefahr. Eine weitere Ablenkung soll helfen“, wundert sich Frederik Merten auf Twitter. Der Widerspruch wird auch im offiziellen Werbe-Video augenfällig: In dem Film spaziert ein Schulkind unbekümmert auf dem Gehweg, während ein Auto heranbraust, dessen Fahrer aufs Handy schaut. Als der Bub plötzlich auf die Straße läuft, wird der Fahrer gewarnt - durch eine Nachricht aufs Smartphone, das nun erneut seine Aufmerksamkeit beansprucht.  „Abgelenkte Autofahrer, zu schnelles Fahren und unübersichtliche Straßen bringen Grundschulkinder in Gefahr. Eine App, die für weitere Ablenkung sorgt, vergrößert die Risiken eher“, kommentiert  Arne Cypionka auf Netzpolitik.org.  

Neben Zweifeln an der Wirksamkeit entzündet sich Kritik vor allem an der Überwachung von Kindern. In einem offenen Brief fordert der Verein Digitalcourage Volkswagen und weitere beteiligte Unternehmen auf: „Stoppen Sie das Kinder-Tracking!“ Man wolle „keine Welt, in der Kinder zu Objekten im ,Internet der Dinge' degradiert werden.“

Cooldriver wirbt für sein Produkt, für das 75 Euro pro Jahr plus 19 Euro Aktivierungsgebühr fällig werden, nicht nur mit dem Argument Verkehrssicherheit. Die „Eltern-Funktion“ erlaubt besorgten Vätern und Müttern nämlich auch, auf Knopfdruck den Aufenthaltsort des Kindes auf einer Karte sichtbar zu machen.

Es sei „falsch, Kinder mit vernetzten Gegenständen zu überwachen“, schreibt der Verein Digitalcourage. „Eltern sollen nicht entscheiden müssen zwischen ,mein Kind wird von Unternehmen überwacht' und es hat einen gefährlicheren Schulweg“. Sichere Schulwege sind für alle Kinder möglich – ohne Überwachung“. Arne Cypionka sieht das auf Netzpolitik.org ganz ähnlich: „Besorgte Eltern erreichen wahrscheinlich mehr für die Sicherheit ihrer Kinder, wenn sie sich für verkehrsberuhigte Zonen oder Tempolimits einsetzen“.

Twitter-Nutzer Tim Albers hätte da einen Vorschlag: „Also wenn man schon die Möglichkeit ausnutzt dann kann man auch eine Zwangsdrosselung der Autos in Städten und in der Nähe von Schulen, Kindergärten und Altenpflegeheimen machen. Dann spart man sich auch die Blitzer dort.“

Die Stadt Wolfsburg, die den Kontakt zwischen Anbieter und zwei Wolfsburger Schulen vermittelt hat, reagierte inzwischen  auf die Kritik und empfiehlt den Beteiligten, den ab Februar geplanten Start der Testphase an den Schulen auszusetzen. Begründung: Es gebe noch „Klärungs- und Kommunikationsbedarf“. Der Verein Digitalcourage begrüßte das und twitterte: „Wir wollen, dass auch VW die Kooperation beendet und sich auch zukünftig von Tracking verabschiedet!“

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