Lade Inhalte...

re:publica „Das System bestimmt, wer Du bist“

Die re:publica versucht, mit Selbstvermarktern ins Gespräch zu kommen und befasst sich mit der digitalen Identität.

Sybille Berg
Sibylle Berg wirbt für „digitale Selbstverteidigung“. Foto: dpa

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“, fragte Richard David Precht in seinem gleichnamigen populärphilosophischen Buch. Erschienen ist es in jenem Jahr 2007, in dem auch die Digitalkonferenz re:publica in Berlin zum ersten Mal abgehalten wurde. Elf Jahre später erscheint die Frage der Vielfachidentitäten im Angesicht von digitaler Selbstvermarktung, aber auch von Massenüberwachung und „big data“ aktueller denn je.

Zunächst zur Selbstvermarktung. „Digitale Identität“ ist eines der Diskussionsthemen auf der diesjährigen re:publica, die sich dazu einige Kuriositäten ins Haus geholt hat. Rafael Horzon zum Beispiel, selbsternannter Berliner Unternehmer, Instagram-Influencer und Apfelkuchenhändler. Oder Möbelhändler. Oder Zigarettenverkäufer. Horzon hat schon so viele Unternehmen gegründet, man könnte schnell auf die Idee kommen, dass das alles gar nicht ernst gemeint ist. Oder dass es zumindest weniger um den Verkauf von Produkten als um den Verkauf der eigenen Person geht. Das Ich in verschiedenen Facetten, das Ich als Kunstfigur. Auch wenn Horzon keine Gelegenheit auslässt, darauf zu bestehen, dass das alles rein gar nichts mit Kunst zu tun habe. Seine Statements auf der Bühne klingen wie auswendig gelernte Werbeslogans: „Ich bin immer zu 100 Prozent ich. Auf der Straße, aber auch auf dem Bildschirm.“ 

„Das Glück ist nur ein Lächeln entfernt“ 

Auf der anderen Seite des Podiums sitzt Andy Kassier. In den sozialen Medien zeigt er sich gerne unter Palmen, vor schicken Autos und teuren Villen oder auf Schimmeln reitend und führt damit das Leben der Reichen und Schönen vor. Sein Motto lautet: „Das Glück ist nur ein Lächeln entfernt.“ Auf die Frage, wie er sich das alles leisten könne und ob er den Reichtum nicht nur vorgaukele, antwortet der selbsternannte „Mister Success“ nur, er habe einen Bitcoin in der Tasche. Ist es bei all der Selbstinszenierung überhaupt möglich, mit dem echten Andy Kassier ins Gespräch zu kommen? „Das hängt davon ab, wie viel du bezahlst.“

Für Horzon und Kassier ist das Internet die perfekte Plattform zum Verkauf des eigenen Produkts: sich selbst. Viele andere wollen sich und ihre Daten aber gar nicht verkaufen und tun es trotzdem, wenn sie Bestellungen auf Amazon erledigen. Aber was hat das Identitätsproblem denn nun mit der Überwachung und der Datensammelwut zu tun?

Um das zu verstehen, muss man Marc-Uwe Klings Buch „QualityLand“ gelesen oder seinen Auftritt auf der re:publica gesehen haben, bei dem er aus dem Kapitel „Peters Problem“ vorliest. Peter hat einen rosafarbenen Delfinvibrator geschickt bekommen, den er nie bestellt hat, was daran liegt, dass das System seine Wünsche besser kennt als er selbst. Ein alter Mann erklärt ihm, wie man früher oder später zu demjenigen wird, der man aus der Sicht des Systems schon jetzt ist. „Wenn du nach einer Wohnung suchst, wird es dir nur die Löcher anbieten, die es als für dich passend definiert hat, und wenn du nach Stellenanzeigen suchst, wird es dir Angebote vorenthalten, für die es dich nicht qualifiziert sieht. (...) Wenn einem aber nur die Optionen eines Nutzlosen geboten werden, ist es sehr schwer, kein Nutzloser zu sein. Ein Profil ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Eine sich selbst erfüllende Identität.“ 

„Digitale Selbstverteidigung“ gefragt 

Man muss kein Fortschrittsskeptiker sein, um sich zu gruseln vor dieser Vision von Gesellschaft und der systembedingten Zersplitterung des eigenen Ichs. Um zu verhindern, dass es so weit kommt, werben Kling und seine Autorenkolleginnen Juli Zeh und Sibylle Berg für die „digitale Selbstverteidigung“. Auf der re:publica will die Gruppe namens „Pep“ („Pretty Easy Privacy“), zu der neben den Autoren auch Netzaktivisten gehören, mit der Gründung einer Genossenschaft möglichst viele Mitstreiter gewinnen. Damit es funktioniert, müssen möglichst viele Leute mitmachen.

Die im Rahmen eines launigen Bühnenprogramms vorgestellte Idee: Unkomplizierte Massenverschlüsselung für alle, Peer-to-Peer ohne zentrale Plattformen und ohne „Blockchain-Geblubber“. Das würde die Datensammelei für Regierung und Unternehmen zwar nicht unmöglich machen, aber die Kosten so sehr in die Höhe schießen lassen, dass Massenüberwachung unrentabel wäre. Es ist eine Vision von einer Gesellschaft, in der nur wir selbst an unserem eigenen Ich verdienen. Sowie Horzon und Kassier. Vielleicht lassen sie sich ja für die Idee begeistern, wenn sie nicht gerade zu sehr mit dem Aufpolieren ihres Instagram-Auftritts beschäftigt sind. Aber Horzon will sowieso „in einem Monat“ wieder aufhören auf Instagram, dann hat er Zeit für ein neues Projekt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier re:publica 2018

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen