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Nachhaltigkeit Polizei verhilft fairer Maus zum Durchbruch

Die Initiative Nager-IT erhält einen Großauftrag des Landes Niedersachsen. Menschenrechte stehen bei der Produktion im Fokus.

Maus
Das Scrollrad ist aus Holz. Foto: Nager

In Niedersachsen werden jetzt nach und nach alle 20.000 Büroarbeitsplätze der Polizei mit neuen Computern bestückt. Mit dieser noch bis Ende 2018 laufenden Investition erhalten die Beamten ein sehr außergewöhnliches Arbeitsgerät: Computermäuse von Nager IT. Was ist außergewöhnlich an einer Computermaus – ein in Büros täglich dutzendfach in die Hand genommener Gegenstand? Die Nager-Maus ist eine fair hergestellte Maus, oder, um genau zu sein, eine fairer hergestellte Maus. Ziel des Projektes: nachhaltige Elektronik- und IT-Produktion unter Berücksichtigung der Menschenrechte und der Umwelt, analog zu fairem Kaffee oder Kakao.

Diese Genauigkeit muss sein, denn ihre Hersteller gehen ebenso genau mit ihrem Produkt um. Die Großbestellung der niedersächsischen Polizei ist ein Durchbruch, „ein Sprung auf die nächste Ebene“ für Nager-IT, wie dessen Gründerin Susanne Jordan sagt. „Damit verlässt die faire IT den Bereich des symbolischen Goodwills.“

20.000 Mäuse für die Polizei in einem Jahr, das ist mehr, als Nager-IT in seinen bisher fünf Geschäftsjahren insgesamt verkauft hat. Mit einem improvisierten Stand auf dem Heldenmarkt in Berlin verkaufte Jordan im November 2012 die erste teil-fair produzierte PC-Maus, seither wurden 15.000 Stück produziert und abgesetzt – das kleine Eingabegerät mit Scrollrad aus Holz ist in Weltläden erhältlich und über die Webseite von Nager-IT. 

Für ein Unternehmen wäre solch eine Volumenvervielfachung Anlass für grenzenlose Euphorie. Jordan und das aktuell sechsköpfige Team freuen sich natürlich über den Großauftrag, aber Jordan bleibt vorsichtig: „Was als Gewinn übrig bleibt, wissen wir erst, wenn der Auftrag abgearbeitet ist. Denn wir müssen sehen, wie viele Reklamationen es gibt“, sagt sie. Die nötigen Produktionskapazitäten und Materialien zu beschaffen und die Produktion zu professionalisieren waren große Herausforderungen.

Es war aber auch eine riesige Chance: „Wir wissen jetzt, dass wir Großaufträge stemmen können“, sagt Jordan. Es wurden neue Routinen und Standards entwickelt, auf die Nager-IT künftig zurückgreifen kann. Und es gibt nun eine Referenz für Großkunden. Anfragen gab es in der Vergangenheit immer mal wieder, auch Testbestellungen. „Aber wir hatten oft nicht die Kapazitäten dafür“, sagt Jordan. Nun rechnet sie sich bessere Chancen auf weitere Großbestellungen aus. Der kirchliche Sektor und die öffentliche Hand sind die Zielgruppen. Nachhaltige Beschaffung ist hier ein Thema.

Da ist kaum jemand weiter als Jordan und ihr Team. Die Genauigkeit und Detailfreude, mit der Nager-IT – ein Verein, kein Unternehmen – sich auf seiner Webseite mit dem Produkt „Computermaus“ auseinandersetzt, ist beeindruckend. Kunden lernen zum Beispiel, dass die Leiterplatte und deren Bestückung, das Scrollrad aus regionalem Holz, Gehäuse, Schrauben, Lötzinn sowie die Verpackung aus fairer Produktion stammen. Die Endmontage erfolgt in einer Integrationswerkstatt in Regensburg.

Nur „halb“ fair sind Widerstände, Kondensatoren und LED. Bei Bauteilen wie Chip, Linse, Kabel, dem Gehäusematerial und den Edelmetallen (außer Lötzinn und Kupfer) weiß Nager-IT nicht, unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden, und wertet sie deshalb als unfair. 
Fazit: Auf die komplette Lieferkette bezogen schätzt Nager-IT seine Maus zu zwei Dritteln als fair ein. „Das hört sich bescheiden an, ist aber mit Abstand das Fairste, was es im Bereich Elektronik gibt“, schreibt Jordan.

Diese auf den ersten Blick vielleicht etwas seltsam wirkende Genauigkeit ist der entscheidende Punkt der Initiative. Denn schon an der Maus sind mehr als 100 Fabriken und Mienen beteiligt, das Schaubild der Lieferwege ist so komplex wie das Organigramm manch eines Konzerns. Man kann sich sofort vorstellen, wie schwierig es ist, ein Smartphone oder einen Rechner nach den Kriterien herzustellen, die Nager-IT an die Maus anlegt. 

Und das ist mehr als nötig, führt man sich die Arbeitsbedingungen in chinesischen IT-Fabriken und afrikanischen Rohstoffminen vor Augen oder die fast 45 Millionen Tonnen Elektroschrott, die laut Internationaler Fernmeldeunion 2016 weltweit angefallen sind.

Diese Thematik in den vergangenen fünf Jahren gemeinsam mit anderen Akteuren in die öffentliche Diskussion gerückt zu haben ist der entscheidende Gewinn von Nager-IT, nicht die Verkaufszahlen. Aber die Initiative wirtschaftet doch auf einer tragfähigen Basis. Das heißt, die Verkaufserlöse refinanzieren nicht nur die Herstellung, sondern auch Reserven für künftige Investitionen – und das Team lebt auch davon. Wenn auch mit geringem Lohn und in Teilzeit. Für die Zukunft hat Jordan noch viel vor: Ziel sind eine hundertprozentig faire Maus – und dann weitere Produktvarianten, etwa ein ergonomisches Gehäuse oder eine kabellose Funkmaus.

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