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#Metoo Zehntausende Frauen berichten von sexuellen Übergriffen

1. Update Hollywood-Produzent Harvey Weinstein sei nur die Spitze des Eisbergs, davon ist Schauspielerin Emma Thompson überzeugt. Der Hashtag #MeToo gibt ihr recht. Einmal mehr wird sichtbar: Für Frauen gehören Sexismus und sexuelle Gewalt zum Alltag.

Alyssa Milano
Die US-Schauspielerin Alyssa Milano - hier bei einer Protestveranstaltung am New Yorker Times Square im Juli 2017 - hat Frauen aufgerufen, öffentlich über ihre Erfahrungen mit Sexismus und sexueller Gewalt zu berichten. Foto: rtr

Der #aufschrei ist wieder da. 2013 machte das Social-Media-Schlagwort, initiiert unter anderem von der Feministin Anne Wizorek, die Alltäglichkeit von Sexismus, Übergriffen, Missbrauch und Gewalt gegen Mädchen und Frauen sichtbar. Eine Lawine von Erfahrungsberichten katapultierte das Thema für kurze Zeit in die Talkshows, die Initiatorinnen wurden für die Aktion mit einem Grimme Online Award ausgezeichnet.

Die bittere Erkenntnis vier Jahre später: Bis auf den Hashtag hat sich nichts geändert. Was derzeit unter dem Schlagwort #MeToo („Ich auch“) in den sozialen Medien zu lesen ist, zeigt deutlich: Belästigung und sexuelle Gewalt gehören noch immer zur Alltagserfahrung von Frauen auf der ganzen Welt.

Zehntausende Frauen (und auch einige Männer) meldeten sich in den vergangenen Tagen zu Wort, berichten via Twitter, Facebook oder Instagram davon, wie sie belästigt, begrabscht, genötigt, missbraucht, vergewaltigt wurden, oder posten einfach nur den Hashtag zum Zeichen, dass auch sie Erfahrungen dieser Art machen mussten.

Alyssa Milano initiiert #MeToo

Auslöser sind die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Hollywood-Filmproduzenten Harvey Weinstein, Initiatorin der Aktion ist die US-Schauspielerin Alyssa Milano. Ein Freund habe ihr die Anregung dazu gegeben: „Wenn alle Frauen, die sexuell belästigt oder angegriffen worden sind, ‚Me too‘ in ihren Status schreiben, könnten wir den Menschen ein Gefühl für die Größe des Problems geben.“

Die Dimension des Problems ist offenkundig noch immer riesig. Wenige Tage nach Milanos Aufruf taucht der Hashtag in den sozialen Medien mehr als eine Million Mal auf, vor allem in Nordamerika und Europa.  In Frankreich hat sich parallel dazu #balancetonproc (etwa: „Verpfeif das Schwein“) verbreitet.

140 Zeichen genügen nicht nur, um das Schweigen zu brechen, sie reichen oft auch aus, um das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. „Als ich bei meinem Opa war und er meinte, er wolle nur mal wissen, wie ich mich anfühle“, erinnert sich EngelsDämon.   „Volle Bahn, plötzlich spürte ich ne Hand an meinem Hintern, der besten Freundin ging es genauso. Wir waren beide 13“, schreibt Leia Duststorm. „Es hat keine Minute gedauert, aber mir für immer das Gefühl von Unbeschwertheit genommen“, twittert Anna Scholz. „Das Schlimmste war für mich, dass mein Vater nur sagte: 'Er war halt betrunken'“, berichtet Yumi.

Auf Instagram erzählt Model und Schauspielerin Marie Nasemann von einem Erlebnis, das sich nicht auf der Kölner Domplatte, sondern auf dem Oktoberfest abgespielt hatte: „... der Typ griff mir im überfüllten Gang von hinten unters Dirndl zwischen meine Beine. Ich habe mich umgedreht und ihm eine Ohrfeige gegeben und ihn angebrüllt. Er hat es abgestritten. Danach war meine Stimmung im Eimer und ich bin nach Hause gefahren.“

 

Unangenehmes Thema, aber #MeToo Ich war auf dem Oktoberfest und der Typ Griff mir im überfüllten Gang von hinten unters Dirndl zwischen meine Beine. Ich habe mich umgedreht und ihm eine Ohrfeige gegeben und ihn angebrüllt. Er hat es abgestritten. Danach war meine Stimmung im Eimer und ich bin nach Hause gefahren. Damals kam ich gar nicht auf die Idee, ihn anzuzeigen. Als ich heute gesehen habe, wie viele meiner Freunde den Hashtag #MeToo geteilt haben, kam mir diese Geschichte wieder in den Kopf und es ärgert mich, dass ich damals klein bei gegeben habe. Es ist unglaublich alamierend und schockierend zu sehen, wie viele Menschen auf der ganzen Welt #MeToo teilen. Time to wake up!!! If all the women who have been sexually harassed or assaulted wrote "Me too." as a status, we might give people a sense of the magnitude of the problem. Foto @mariehochhaus

Ein Beitrag geteilt von Marie Nasemann (@marienasemann) am

Angesichts der vielen Wortmeldungen zu #MeToo ärgere sie sich heute, den Mann nicht angezeigt zu haben.

Solange bringt es auf den Punkt: „Ich war nie alleine, wäre mir das bloß die letzten 6 Jahre bewusst gewesen.“

Auch prominente Musikerinnen wie Lady Gaga, Christina Perri und Sheryl Crow haben sich der Aktion angeschlossen, ebenso Schauspielerinnen wie Laura Dreyfuss. Ihre Kollegin Emma Thompson zeigt sich in einem Video der BBC fest davon überzeugt, die bislang bekannt gewordenen Vorwürfe gegen Harvey Weinstein seien nur die Spitze des Eisbergs: Sehr viele Frauen seien betroffen. „Keine Frau wurde noch nie sexuell belästigt“, konstatiert Sascha Britsko.

„In meinem FB-Stream gibt es sehr viele #metoo von Frauen, während in den Statusmeldungen der Männer das Leben ungebrochen weitergeht“, wundert sich Kathy Meßmer. Doch auch Männer melden sich zu Wort - einige wenige, um sich ebenfalls als Opfer sexueller Gewalt zu erkennen zu geben. Erschreckend viele aber überziehen die Aktion mit Spott und Häme, werfen den Frauen vor, zu empfindlich zu sein oder Belästigungen selbst herbeigeführt zu haben – und bestätigen damit den Befund. „Kommentare der Männer, die sich über sexuellen Missbrauch lustig machen, zeigen deutlich, wie lang der Weg ist zur Gleichberechtigung“, so das Fazit von Jules El-Khatib vom Landesvorstand der Linkspartei in Nordrhein-Westfalen via Twitter.

Initiatorin Alyssa Milano reagiert in ihrem Blog auf die Welle, die ihre Initiative ausgelöst hat. So wütend sie die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein machten, so glücklich sei sie zugleich, dass diese den Dialog über die anhaltende sexuelle Belästigung und Degradierung von Frauen eröffnet hätten. „In wirklich jedem Beruf werden Frauen ständig misshandelt. Das ist nicht ungewöhnlich. Es ist eine kranke Kultur. Männer wie Harvey Weinstein sind hinter jeder Ecke.“

Für die Geschlechtsgenossen, die sich nicht damit abfinden und etwas gegen sexuelle Übergriffe und Sexismus im Alltag tun wollen, hat die kanadische TV-Moderatorin und Schauspielerin Nicole Stamp auf Facebook 14 Empfehlungen notiert – angefangen von einer klaren Ansage an andere Männer, wenn diese sich respektlos gegenüber Frauen verhalten, über die gezielte Ermutigung von Mädchen und die Stärkung von Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung bis hin zum Bewusstmachen des eigenen Verhaltens. Denn das kann bedrohlich wirken, auch wenn man es gar nicht beabsichtigt.

„Wenn eine Frau alleine unterwegs ist und Sie hinter ihr hergehen, besonders in dunklen oder abgeschiedenen Gegenden: Gehen Sie langsamer, um Abstand zu gewinnen, oder noch besser, überqueren Sie die Straße. Gehen Sie ihr buchstäblich aus dem Weg, um ihr zu zeigen, dass Sie ihr nicht folgen.“

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