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Messerangriff in München Lieber Hetzer, frag nicht nach der Herkunft

Auf Twitter wird die Frage nach dem Herkunftsland des Tatverdächtigen von München gestellt. Mit der Antwort der Polizei können die rechtschaffenen Wutbürger so gar nicht umgehen. Unsere Glosse.

Messerattacke in München
Hier wurde der Verdächtige gefasst. Garantiert ein Flüchtling! Oder? Foto: dpa

Während die Polizei noch die Hintergründe des Messerangriffs in München mit acht Verletzten ermittelte, boten die gewieften und hilfsbereiten Twitter-Detektive schnell ihre Mitarbeit an. Schnell drängte sich die Frage nach dem Herkunftsland des Tatverdächtigen auf, wo doch jedes Kind weiß, dass der gemeine Südländer seine Klinge im Gegensatz zum harmlosen Deutschen immer griffbereit hat. Und ein primitiver Angriff eines Ausländers (Gastrecht verwirkt!) wäre doch allemal strenger zu bewerten als der seltene Ausrutscher eines Deutschen, oder etwa nicht?

Also, raus mit der Sprache: Was war denn da nun los in München? Islamistischer Anschlag oder was? Die Twitter-Nutzer jedenfalls nahmen kein Blatt vor den Mund auf ihrer rechtschaffenen Suche nach der Wahrheit. Ein Nutzer fragte: „Wissen wir schon was, wo der Aasgeier herkommt? Oder wird das wieder verschwiegen?“ Ein anderer sprach von „Merkels Goldstücken“ und meinte damit wohl die Flüchtlinge, die bekanntermaßen nur nach Deutschland kommen, um uns alle auszurauben, zu töten und unsere strohblonden Frauen zu vergewaltigen (Tichys Einblick berichtete).

„Ausländer-raus“-Lösung gefährdet

Die Antwort der Polizei auf die drängende Frage nach der Herkunft sorgte für große Verwirrung in der eingefleischten Twitter-Gemeinde. Kein islamistischer Hintergrund, sondern wahrscheinlich psychische Erkrankung. Kein Flüchtling, sondern Deutscher. „Nachdem viele Hetzer ihre Frage wieder löschen, weil die Antwort offenbar nicht ihre Schublade passt: Geburtsland des TV -> Deutschland.“

Einige Rechtschaffene bäumten sich noch auf („Egal ob Deutschland oder nicht. Bestimmt Muslem.“), andere sahen ihr Weltbild kurzzeitig gefährlich ins Wanken geraten, bevor sie sich auf die Suche nach alternativen Qualitätsquellen machten, die garantiert zuverlässiger informieren als die hiesige Polizei und die Lügenpresse.

Denn eines konnte, durfte absolut nicht sein: dass ein Einheimischer genauso durchdrehen kann wie ein Fremder. Dann wäre ja keine Gewissheiten mehr sicher! Man müsste sich von simplen Antworten verabschieden und sich die Komplexität der Welt eingestehen, und die „Ausländer-raus“-Lösung verlöre schlagartig ihre bestechende Logik.

Also fragen Sie besser nicht nach dem Herkunftsland, lieber Wutbürger. Die Antwort könnte Sie verunsichern.

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