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Messenger Wie sicher ist Telegram?

Der Messenger-Dienst Telegram spielt für die Organisation der Proteste im Iran eine zentrale Rolle. Wie privat die Iraner damit tatsächlich kommunizieren, ist allerdings fraglich.

Telegram
Etwa die Hälfte der Iraner nutzt die Messengerapp. Foto: imago

Wie demonstriert man massenwirksam unter einem autoritären Regime? Traditionelle Medien unterliegen im Iran der Zensur, Facebook und Twitter sind nach der letzten großen Protestbewegung 2009 im gesamten Land gesperrt. Bei den Demonstrationen, die sich in den letzten Tagen von kleineren Städten bis in die Hauptstadt ausgebreitet haben, spielt deswegen plötzlich ein Messenger-Dienst eine zentrale Rolle, der in Deutschland fast ausschließlich Nerds und Verschlüsselungs-Liebhabern ein Begriff ist: Über Telegram verbinden sich zurzeit 40 Millionen Iraner – bei 80 Millionen Einwohnern ist das das halbe Land.

Das vom Russen Pavel Durov ins Leben gerufene Netzwerk bietet die Möglichkeit, per Smartphone privat mit Freunden und Familie zu chatten, zu telefonieren, Videos und Fotos auszutauschen – ähnlich wie bei Whatsapp. Nur kann bei Telegram, wer will, seine Nachrichten verschlüsseln oder auf Selbstzerstörung einstellen: Dann werden sie, so das werbewirksame Versprechen des Unternehmens, für Dritte unlesbar und auf Wunsch komplett aus dem digitalen Gedächtnis ausradiert, nachdem der Empfänger sie gelesen hat.

Zusätzlich können Nutzer bei Telegram öffentliche Kanäle einrichten, denen jeder folgen kann. Schauspieler, Musiker und Politiker nutzen diese Funktion – und seit einigen Tagen auch die, die gegen die politische und religiöse Führung protestieren. Über Protestkanäle, die zum Teil mehr als eine Million Follower haben, werden Treffpunkte kommuniziert, Bilder und Videos von Demonstrationen verbreitet und aktuelle Artikel zum Thema geteilt.

Das angegriffene Regime reagiert angesichts der Gefahr mit Abschaltung: Seit Samstag funktioniert das Internet laut Berichten auf Twitter und Facebook vielerorts nur noch mit gedrosselter Geschwindigkeit, oft fällt es für Stunden ganz aus oder der Zugang zu einzelnen Diensten wie Telegram ist zeitweise blockiert. Für Mahsa Alimardani, Iran-Expertin und Doktorandin am Oxford Internet Institute, ein klares Zeichen: „Die Kontrolltaktiken, die die Regierung im Internet einsetzt, verhalten sich proportional zu ihrer Sorge, die Kontrolle über die Bevölkerung zu verlieren“, sagte sie „Vice“.

Wie zuverlässig sich die Iraner auf die Verschwiegenheit und Sicherheit von Telegram verlassen können, ist dabei allerdings fraglich. Denn erstens müssen Nutzer Privatchats selbst auf „geheim“ stellen, um sie tatsächlich zu verschlüsseln – ein Knopfdruck, den man beim täglichen Gebrauch rasch vergisst. Zweitens kritisierten Experten in der Vergangenheit die dadurch aktivierte Verschlüsselungsstruktur wiederholt als unsicher und anfällig für Bespitzelung.

Kanal abgeschaltet

Drittens, und das ist im Verhältnis Iran–Telegram der vielleicht schwerwiegendste Punkt, steht zurzeit zur Diskussion, ob sich ein Netzwerk mit dieser Größe dem kontrollsüchtigen Regime nicht irgendwie andienen muss, um selbst der drohenden Totalsperre im Land zu entgehen. Nachdem sich der iranische Kommunikations- und Technologieminister Mohammad-Javad Azari Jahromi per Tweet bei Telegram-Chef Pavel Durov über einen Protestkanal mit mehr als einer Million Followern namens „AmadNews“ beschwerte, weil dieser angeblich zu „hasserfülltem Verhalten, dem Einsatz von Molotow-Cocktails, bewaffneten Aufständen und sozialen Unruhen“ ermuntere, schaltete der Telegram-Gründer zum Schrecken vieler Aktivisten den Kanal ab. Begründung: Die Macher hätten gegen die Richtlinien der Plattform verstoßen, die Gewaltaufrufe in öffentlichen Kanälen verbieten. In einem langen Twitter-Statement erklärte Durov beruhigend, die Macher von „AmadNews“ hätten umgehend einen neuen Kanal – frei von Gewalt – gegründet. Der Ersatz „Sedaie Mardom“ sammelte bis Dienstag 1,1 Millionen Follower.

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