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John Oliver Comedy aus der zweiten Reihe

Comedian John Oliver schafft mit seiner Sendung „Last Week Tonight“ mühelos den Spagat zwischen Comedy und Information. Dafür müsste die Show nicht einmal mehr im Fernsehen laufen.

Liefert Lacher mit Tiefgang: John Oliver. Foto: imago

Die Szene erinnert mehr an eine Lottoshow als an eine Late-Night-Sendung: Der Moderator John Oliver steht neben einem riesigen roten Knopf, vom Studiodach regnet es Dollarnoten. Auf einem Bildschirm im Hintergrund prangt eine enorme Geldsumme: 14922261,76 Dollar. Bei dem Betrag handelt es sich um nichtgezahlte Arztrechnungen von etwa 9000 Schuldnern. Oliver hat die Schulden aufgekauft und sie den Menschen erlassen. Das Publikum jubelt.

Comedy und Information

Mit Comedy hat die Aktion – wie so häufig in Olivers Sendung – wenig zu tun. Zuvor hat der 39-Jährige rund zwei Drittel seiner 30-minütigen Sendung „Last Week Tonight“ verbraucht, um auf die fragwürdigen Arbeitsweisen von amerikanischen Inkasso-Unternehmen aufmerksam zu machen. In den USA können Schulden laut Oliver von den Gläubigern für einen Bruchteil der eigentlichen Summe weiterverkauft werden. Die Geldeintreiber gehen dann häufig aggressiv gegen die Schuldner vor, auch wenn die Rechnungen verjährt sind. Oliver demonstriert, wie leicht es ist, selbst ein solches Unternehmen zu gründen, indem er sich zum Chef eines Inkasso-Unternehmens macht und die Millionenschulden für gerade einmal 60 000 Dollar erwirbt.

Es ist ein Thema, dass ein anderer Komiker wohl kaum anfassen würde. Oliver hat dennoch die Lacher auf seiner Seite. Abseitige Themen unterhaltsam zu präsentieren, ist sein Spezialgebiet. Viel benötigt er dafür nicht: Seine Sendung kommt ohne eine Studioband aus, Gäste sind Mangelware. Meistens sitzt Oliver alleine an seinem Schreibtisch und kommentiert Sonntagabends mit Hilfe von Einspielern Geschehnisse aus der vergangenen Woche. Das Showprinzip ähnelt dabei dem seines Förderers Jon Stewart. Jahrelang kommentierte er so in der „Daily Show“ das politische Geschehen in Amerika. Oliver machte sich dort einen Namen als Außenreporter und zeitweise als Vertreter von Stewart. Von ihm habe Oliver alles gelernt, betont er in mehreren Interviews.

Anders als sein Mentor scheut der Engländer aber auch keine Themen abseits der Tagespolitik: Sie sind häufig nicht witzig, kompliziert und unangenehm. In seiner zweiten Sendung diskutierte er die Vor- und Nachteile der Todesstrafe. „Sie denken jetzt bestimmt: Sie werden doch jetzt nicht wirklich eine Comedynummer über die Todesstrafe machen? Ich weiß noch nicht einmal, ob ich die Sendung wirklich mag“, sagte der 39-Jährige, bevor er genau das tut. Oliver belohnt die Zuschauer, die nicht abschalteten, anschließend mit einem Clip, in dem Hamster Burritos essen. Das Web dankt es dem Moderator mit über sieben Millionen Aufrufen.

Wöchentliche Coups

Mit seinem simplen Konzept zieht Oliver seitdem wöchentlich ein Millionenpublikum an und sorgt immer wieder für neue Coups: Die Fifa kritisierte er so heftig, dass er sich eine wochenlange Fehde mit dem inzwischen gesperrten Funktionär Jack Warner lieferte. Absurder Höhepunkt des Streits ist eine Videobotschaft Olivers, die im Fernsehen auf Warners Heimatinsel Trinidad ausgestrahlt wurde. Den NSA-Skandal diskutierte Oliver in Moskau mit dem Whistleblower Edward Snowden. Um die Funktionen der einzelnen Spähprogramme des Geheimdienstes zu erläutern, fragt er Snowden immer wieder, ob und wie die NSA mit der Hilfe ihrer Software private Nacktfotos abfangen können. Das Gespräch entwickelt sich zu einer unterhaltsamen, aber auch verständlichen Antwort auf die Frage, in welchem Ausmaß die NSA Zugang auf persönliche Daten hat.

Auch wenn Oliver immer wieder betont, dass er kein Journalist sei, ist für seine Sendung viel Recherche erforderlich. Ein Witz könne in seiner Sendung nicht funktionieren, wenn er nicht auf Fakten beruhe. Was für ihn aber am Ende zähle, seien die Lacher. Dass er nebenbei einige Menschen schuldenfrei gemacht hat, dürfte allerdings ein positiver Nebeneffekt sein.

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