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Hass im Netz Facebooks krude Regeln

Der „Guardian“ veröffentlicht Dokumente über die Löschpraxis von Facebook.

Nick Ut
Fotograf Nick Ut vor seinem wohl berühmtesten Bild: Das mit dem Pulitzer-Preis prämierte Kriegsfoto war von Facebook gelöscht worden. Foto: Imago

D ie Aufforderung, dicke Kinder zu verprügeln? Ein Bild, auf dem ein Tier misshandelt wird? Der Satz „Ich hoffe, dass dich jemand umbringt“? Solche Beiträge stellen für Facebook kein Problem dar. Würde man ein vergleichbares Posting an das soziale Netzwerk melden, bekämen Nutzer also folgende Antwort: „Der Beitrag verstößt nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards.“

Keine Gnade kennt Facebook hingegen bei diesen Beiträgen und hält seine Mitarbeiter an, derartige Kommentare umgehend zu löschen: „Jemand hat Trump getötet“, „Ich zerstöre das Facebook-Büro in Dublin“, oder „Ich hasse Ausländer, und ich will sie alle töten“.

Diese Beispiele aus der bislang geheimen Löschpraxis des größten sozialen Netzwerkes sind am Sonntagabend von der britischen Tageszeitung „Guardian“ veröffentlicht worden. Woher die Zeitung die Informationen hat, sagt sie nicht.

Der „Guardian“ hat die Dokumente ins Netz gestellt; jeder kann sich dort ein eigenes Bild machen, welche Beiträge der knapp zwei Milliarden Nutzer nach Faceboooks Auffassung gegen Regeln, Ethik und Moral verstoßen. Die mehr als 100 internen Dokumente aus den Richtlinien des Zuckerberg-Imperiums sind unter anderem aufgeteilt nach Gewalt, Hassrede, Terrorismus, Pornografie, Rassismus und Selbstverletzung. Es gibt sogar Richtlinien zu Kannibalismus oder Spielmanipulation. Das Regelwerk soll im vergangenen Jahr den Facebook-Moderatoren zugeleitet worden sein.

Die jetzt veröffentlichen Dokumente geben zum ersten Mal einen Einblick, wie Facebook Beiträge einordnet. In dem Bericht heißt es, dass Mitarbeiter oft nur „zehn Sekunden Zeit hätten, um eine Entscheidung zu treffen, ob ein Posting stehen bleiben dürfe. „Facebook hat keine Kontrolle mehr über seine Inhalte“, zitiert das Blatt eine anonyme Quelle, „es ist zu schnell zu groß geworden“. 6,5 Millionen Meldungen über Fake-Profile erhalte Facebook pro Woche, berichtet die Zeitung aus einem der Dokumente.

Facebook gibt in seinen Richtlinien jeweils Erklärungen, warum Inhalte online bestehen bleiben dürften und wann nicht. So dürfen Nutzer zum Beispiel Selbstverletzungen live streamen. Man wolle dies nicht zensieren, heißt es, da man sich Hilfe und Unterstützung von Familie oder Freunden erhoffe. Misshandelte Tiere dürfen weiterhin gezeigt werden, um Aufmerksamkeit zu erregen, heißt es in einem Dokument. Allerdings müssten diese mit entsprechenden Warnungen versehen werden, dass es sich um „verstörendes Material“ handle. Einschränkungen gibt es bei sadistischen Bildern oder bei solchen, in denen Misshandlungen zelebriert werden. Offenbar hat sich Facebook damit auseinandergesetzt, was das Löschen von Nacktbildern angeht.

Im vergangenen Jahr erntete das Netzwerk Kritik, weil es das mit dem Pulitzer-Preis prämierte ikonografische Kriegsbild des vor einem Napalm-Angriff fliehenden Mädchens Kim Phúc löschte. In den Dokumenten heißt es zu Nacktaufnahmen nun, dass diese erlaubt seien, wenn es sich um aktuelle Ausnahmefälle handele.

Wie der „Guardian“ am Montagabend noch meldete, wird Facebook pro Monat allein mit über 50.000 Fällen von „revenge porn“ und „sextortion“ konfrontiert. Dabei handelt es sich um verschiedenen Arten, anderen Nutzern mit der Veröffentlichung von erotischem Bild- oder Videomaterial zu schaden.

Auf Facebook lastet größerer Druck, weil das größte soziale Netzwerk strafrechtliche Inhalte nicht oder zu spät löscht. Kritiker sind jedoch der Meinung, dass Facebook wegen der hohen Geldbußen zu viel zensieren wird, und sehen die Meinungsfreiheit in Gefahr. (mit elm)

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