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Digitale Schule Besser lernen mit dem Tablet

Deutschland liegt beim Einführen und Nutzen von Computern, Notebooks und Smartphones in der Schule hoffnungslos weit zurück. Ein Gastbeitrag.

01.09.2016 13:50
Peter Struck
Die digitale Schule: In anderen Ländern gibt es sie schon. Foto: dpa

Eine aktuell typische Szene aus einem Ausflugslokal: Eine Familie geht auf einen Tisch zu, das Kind sitzt zuerst und baut iPad, Laptop oder Smartphone vor sich auf, während ein paar Minuten später die Eltern beginnen, Mails und Nachrichten auf ihrem Smartphone zu checken. Mittlerweile gibt es Kleinkinder, die schon mit dem Smartphone operieren, bevor sie laufen und sprechen können. Das Deutsche Jugendinstitut behauptet, dass bereits elf Prozent der Einjährigen von ihren Eltern mit Apps beschäftigt, also ruhig gestellt werden; bei Zweijährigen sind es schon 26 Prozent, bei Vierjährigen gar 60 Prozent. Die Drogen- und Suchtbeauftragte des Deutschen Bundestages, Marlene Mortler, schlägt sogar Alarm: 14-Jährige spielen massenhaft „Shooterspiele“ oder Computerspiele wie „Call of Duty“ oder „GTA5“, die erst für über 18-Jährige erlaubt sind, 54 Prozent der Acht- bis 17-Jährigen geben zu, dass ihre schulischen Leistungen wegen ihres Handykonsums leiden und fünf Prozent aller Zwölf- bis 17-Jährigen gelten als internetsüchtig, allein 3700 in Hamburg.

Etwa 400 junge Menschen werden pro Jahr im Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE) behandelt, mit steigender Tendenz. Bereits 90 Prozent aller Zehnjährigen sind bei WhatsApp, Instagram und Facebook aktiv, während ihre Eltern es mehrheitlich nicht sind, und Grundschullehrerinnen berichten, dass immer mehr Achtjährige morgens bleich und müde zum Unterricht erscheinen, weil sie am Abend zuvor allzu lange bei WhatsApp unterwegs waren. Manfred Spitzer, Hirnforscher an der Uni Ulm, hat vor einigen Jahren viel Geld mit seinem Bestseller „Digitale Demenz“ verdient, als er zur Empörung anderer Neurobiologen wie Gerhard Roth von der Uni Bremen behauptete, der „Bildschirm macht dumm und dick“.

Aber welche Gefahren und Chancen bringt nun wirklich das Aufwachsen des jungen Menschen in einer digitalen Welt? Schließlich mahnt selbst die Bundeskanzlerin an, das digitale Lernen deutlich zu forcieren, weil sonst der Wirtschaftsstandort Deutschland im internationalen Wettbewerb auf der Strecke bleiben würde. Ein wenig mutet diese Diskussion so an, wie wir sie schon nach der Einführung des Buchdrucks durch Gutenberg, nach den ersten Eisenbahnverbindungen und nach dem Einzug der Fernsehgeräte in die deutschen Wohnzimmer hatten.

Im europäischen Vergleich gesehen ist Deutschland jedenfalls, was den Einzug des digitalen Lernens in den Schulalltag anbelangt, hoffnungslos weit zurück. So meint der Bocholter Lehrer Andre J. Spang spöttisch, das Kürzel „de“ in den E-Mail-Adressen stünde für „digitales Entwicklungsland“. John Hattie, der neuseeländische Bildungsforscher, der viele internationale und nationale Schüler- und Schulleistungsvergleichsstudien ausgewertet hat, behauptete bei seinem einzigen deutschen Auftritt an der Universität Oldenburg, frontaler Unterricht sei immer noch der wirksamste. Kein Wunder, denn die Länder, die er miteinander verglichen hat, haben überwiegend frontalen Unterricht.

Lernpsychologen, Hirnforscher und die einzelnen herausragenden Schulen sagen uns hingegen etwas ganz anderes: Gewaltloses Spielen und Arbeiten am Computer, jahrgangsübergreifende Lernfamilien, in denen die Kinder mit vielen Materialien voneinander lernen, sowie das Selbstlernen im eigenen Tempo durch Handeln, Aussprechen und Erklären in Partnerarbeit zeigten wesentlich mehr nachhaltiges Lernen als das bisherige Lernen durch Zusehen, Lesen und Zuhören. Kinder nach Geburtsjahrgängen in Klassen unterzubringen und frontal zu beschulen steht hingegen dafür, mehr schlecht als recht den Untertanen eines Obrigkeitsstaates erziehen zu wollen.

Maurice de Hand, der Gründer der 22 niederländischen iPad-Schulen, die sich „Digitalis-Schulen“ nennen, drückt es drastischer aus: „Die klassischen Schulen bereiten unsere Kinder auf die Vergangenheit vor“, und beim herkömmlichen Frontalunterricht „schalten die Schülerhirne nach fünf Minuten auf Standby um“. 40 Millionen mal wurde inzwischen auf der Videoplattform TED ein Vortrag des britischen Bildungsforschers Sir Ken Robinson angeklickt, der den Titel hat „Wie Schule Kreativität tötet“. Kreativität ist für Obrigkeitsstaaten gefährlich, aber für moderne Demokratien und für wirtschaftliche Entwicklungen außerordentlich förderlich. Robinson kritisiert daher: „Unser Schulsystem arbeitet immer noch nach dem Vorbild des Fabrikfließbandes, so als ob das Herstellungsdatum eines Kindes seinen Lernbedarf ergäbe“.

Deutsche Achtjährige spielen im Bundesdurchschnitt zehn Stunden pro Woche Computerspiele; bei jedem Spielen wird eine körpereigene Droge, das Dopamin, in den Blutkreislauf ausgeschieden, die das Belohnungssystem im Hirn, das „ventrale striatum“ wachsen lässt. In ihm liegen Neugier, Kreativität und die Fähigkeit, in kritischen Situationen sinnvolle Auswege zu finden. Da Kinder heutzutage so viel spielen wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit, haben wir eigentlich noch nie so viele neugierige, kreative und konfliktstarke Kinder gehabt wie heute. Wenn wir ihnen aber ab Klasse 2 oder 3 schon wieder Noten geben, dann töten wir dieses Belohnungssystem wieder, zumindest lähmen wir es erheblich. Deshalb raten uns die Lern- und Entwicklungspsychologen dringend, bis zum 13. Lebensjahr keine Noten zu geben, wie es Norwegen und Schweden richtig machen; ab 14 sollte man Noten geben, was aber nur etwas mit Pubertät zu tun hat. Wenn man einem Achtjährigen bereits Noten gibt, lernt er ausschließlich für die Noten, nicht für sich, nicht für die Sache, um die es geht, allenfalls noch, damit Mama nicht weint oder schimpft.

Die digitale Schule ist keine im Kopf geborene Vision mehr, sie gibt es schon: In Auburn bei Boston in den USA befinden sich fünf Primary Schools, die seit 2010 bereits im Kindergarten iPads einsetzen, und ab Klasse 1 lernt dort jedes Kind am Tablet. Das Boston College hat 266 Kinder aus 16 Kindergartengruppen dieser Schulen verglichen, von denen die Hälfte an iPads spielte und lernte, die andere Hälfte aber nicht. Die Kinder mit den iPads zeigten deutlich größere Lernfortschritte, nicht zuletzt auch deshalb, weil ihnen das iPad-Lernen mehr Spaß bereitete. Lernen gelingt nämlich immer dann gut, wenn es mit etwas anderem verknüpft ist, beispielsweise mit Humor, mit einem Lernpartner, mit Bewegung oder eben mit Spaß.

Der Konstanzer Bildungswissenschaftler Guido Schwerdt hat sich die Effekte digitaler Bildung an der Florida Virtual School und an der konservativen White Plains School im Staat New York genau angeschaut. Obwohl diese beiden Schulen nur einen Bruchteil der Möglichkeiten digitalen Lernens nutzen, schneiden ihre Schüler in sämtlichen Disziplinen deutlich besser ab als diejenigen traditioneller Schulen in den USA, in denen es kein digitales Lernen gibt.

Erkundungsstärker als Erwachsene

In der Amsterdamer Digitalis-Schule ist das digitale Lernen wohl am weitesten entwickelt: Es gibt keine Klassenzimmer mehr; auf großen Flächen, die mit Teppich ausgelegt und mit Glas- und Stellwänden unterteilt sind, arbeiten und spielen 70 Kinder verschiedener Jahrgänge unter dem Coaching dreier Lehrkräfte an Tablets, die dicke bunte Gummirahmen und einen Griff haben. Auf ihnen sind über 50 Lehrbücher und Lexika gespeichert sowie der individuelle Stunden- und Arbeitsplan des Kindes mit maßgeschneiderten Aufgaben. An der Schule wird sehr viel drinnen und draußen gespielt, es gibt viel Partnerarbeit, denn Kinder lernen von anderen Kindern doppelt so viel wie von Lehrkräften. Die Schüler entscheiden selbst, wann sie Pause machen, ihre Eltern bestimmen selbst, wann sie mit den Kindern Urlaub machen, die Lehrkräfte übrigens auch; wichtig ist nur, dass die Lernzeit pro Kind über das Jahr hinweg gleich ist. Die Lehrkräfte dieser Digitalis-Schule sind deutlich entlastet, weil sie immer nur mit einem Kind zur Zeit zu tun haben, auf dessen Besonderheiten sie sich dann einstellen können, so dass es keine Probleme mehr mit den langsam lernenden Hoch- und Gutbegabten gibt. In Abständen führen die Lehrkräfte Entwicklungsgespräche mit dem Kind und seinen Eltern durch.

Eine derartige Lernwerkstatt, in der die Kinder voneinander, mit vielen verschiedenen Materialien und ein wenig auch mit dem Tablet lernen, erfordert aber eine gut entwickelte Anstrengungs- und Ordnungskultur, die sich, wie uns die Entwicklungspsychologen sagen, nur bis zum fünften und dann erst wieder ab dem 19. Lebensjahr entwickeln lässt, aber nicht im Alter von sechs Jahren. Gut ist also, dass die Schule mit dem dritten Lebensjahr beginnt. Jedes Kind der Digitalis-Schule wählt sein eigenen Lerntempo. Beim bisherigen frontalen Unterricht in Klassen, die nach Geburtsjahrgängen zusammengestellt wurden, saßen Kinder mit unterschiedlichen Lerntempi, Interessen und Begabungen nebeneinander, so dass die einen überfordert und die anderen gelangweilt waren.

Schon heute sind die meisten Jugendlichen erkundungsstärker als die meisten Erwachsenen. Sie können sich wichtige Informationen besser und schneller über ihr Smartphone, iPad oder Tablet besorgen. Wissen muss nicht mehr so lange vorhalten wie früher, das Können ist längst bedeutsamer geworden als das Wissen. Kritische Informationskompetenz, also aus der Distanz heraus bewerten zu können, was im Internet zu finden ist, ist inzwischen wichtiger, als den Unterschied von Lippen- und Schmetterlingsblütlern benennen oder das Datum der Schlacht von Issus hersagen zu können. In den USA nennt man den Wandel von der Belehrungsanstalt zur Lernwerkstatt übrigens „invertierten Unterricht“, was bedeutet, dass der Lernstoff zu Hause oder auch in der Schule im eigenen Lerntempo erworben wird, während dann später in der Schule mithilfe der Lehrkräfte die kritische Distanz zum Wissen aufgebaut wird, also zu dem, was wir Problemlösekompetenz oder Vernetzt-Denken-Können nennen. Das Resultat nach Jahren sind dann selbstständige, selbstbewusste und kreative junge Menschen.

Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, sieht in der Digitalisierung immer noch mehr Gefahren als Vorteile. Aber wenn der Lehrer Andre J. Spang am Bocholter St.-Georg-Gymnasium Zwölftklässler Fernsehnachrichten erstellen und filmen lässt, die die Schüler mit selbst komponierter Musik unterlegen, hat er sie vielleicht etwas zukunftsfähiger gemacht als ein Lehrer, der seine Schüler im Lateinkurs Ovid lesen und übersetzen lässt.

Immer die Eltern mitnehmen

Unter 21 vergleichbaren Industrieländern kommen Computer im Unterricht nirgendwo seltener vor als in Deutschland. Nur neun Prozent der deutschen Lehrkräfte unterrichten täglich mit Hilfe von Notebooks beziehungsweise Tablets, in Kanada sind es 73 Prozent, in Australien 66 Prozent und in Dänemark immerhin noch 42 Prozent. Nur 30 Prozent der deutschen Achtklässler haben laut einer Studie von Wilfried Bos (Dortmund) und Birgit Eickelmann (Paderborn) hinlängliche Computerkenntnisse. In deutschen Schulen kommt auf elf Achtklässler ein Computer; nur 6,5 Prozent der deutschen 14-Jährigen dürfen Tablets im Unterricht benutzen, europaweit sind es 16 Prozent, in Moldawien beispielsweise aber 22 Prozent.

Mittlerweile fallen die schulische und die außerschulische Welt bei immer mehr von unseren jungen Menschen auseinander. In vielen Schulen herrschen immer noch Lehrbuch, Fotokopien, Tafel und Kreide vor, und Smartphones als Hilfsmittel sind ganz oft verboten. Dabei haben 90 Prozent aller Zwölf- bis 17-Jährigen in der Schule ein Smartphone dabei, mit dem sie im Schnitt drei Stunden täglich online sind, wovon 49 Minuten auf Hilfen für Hausaufgaben entfallen und 96 Minuten auf die Kommunikation mit Freunden. Der Schulbuchverlag Cornelsen hat mehrere Millionen Euro in die Erstellung digitaler Lernplattformen investiert, beklagt nun aber, dass sich in den veralteten deutschen Schulen kaum ein Markt dafür eröffne. Laut dem Magazin „GEO“ haben 75 Prozent unserer Schulen noch Röhrenfernseher, 62 Prozent Kassettenrekorder und nur sieben Prozent einige wenige Tablet-Computer. Manche Schule ist immer noch stolz auf ihren Computerraum, aber der ist längst so überholt wie das Sprachlabor.

Wichtig wäre, dass jeder deutsche Schüler sein Notebook mit eigener Identität, mit eigener Cloud, mit individuellem Stundenplan und einem ganz speziellen Aufgabenprofil entsprechend seinen Motivationen und Begabungen und auch seinen Defiziten als Ausgangsbasis hat. Als Symbol für die unzeitgemäße deutsche Schule steht immer noch der 15 Kilogramm schwere Rucksack, den viele Siebenjährige allmorgendlich in die Schule schleppen, aber auch, dass es immer noch Gymnasien gibt, die von ihren Schülern verlangen, für 27,95 Euro ein Oxford Advanced Learner’s Dictonary zu kaufen, obwohl sie das größte Wörterbuch der Geschichte der Menschheit, nämlich Wikipedia, sowohl auf ihrem Tablet als auch auf ihrem Smartphone haben. Menschen, die gut durch Lesen, Sehen und Zuhören lernen können, werden oft Lehrer; aber die meisten Schüler können das infolge des Aufwachsens in multimedial vernetzten Kinderzimmern nicht mehr gut. Rudolf Kammerl, Dozent in der Hamburger Lehrerbildung, dreht die Aussage übrigens um: „Wer gern ins Internet geht, will nicht unbedingt Lehrer werden“.

Digitale Lernwerkstätten müssen zunächst immer die Eltern mitnehmen. Wenn ein Lehrer mit einem Buch unterm Arm in die Klasse kommt und die Schüler bittet, Seite 92 aufzuschlagen, und dann Karl-Heinz bittet vorzulesen und danach Annegret zu übersetzen und die Stunde beendet mit dem Satz „Hausaufgaben zum nächsten Mal sind ...“, haben Eltern kaum Bedenken. Wenn er aber sagt „Holt bitte eure iPads raus!“, dann erfordert das schon umfangreiche Erklärungen auf dem nächsten Elternabend.

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