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DGB-Studie Macht Digitalisierung krank?

Da scheint etwas schief zu laufen: Laut einer Studie fühlen sich Mitarbeiter immer gehetzter durch den Einsatz moderner Technik.

Smartphone
Freiheit oder Fessel? Ständige Erreichbarkeit via Smartphone kann auch ein Problem sein. Foto: Kim Hong-Ji/rtr

Mal eben zu Hause schnell die Dienst-Mails checken, unterwegs kurz etwas für den Chef im Internet recherchieren oder abends rasch einen Kunden anrufen: Die Digitalisierung ist Segen und Fluch zugleich. Ein Segen für die Arbeitgeber, oft genug ein Fluch für die Mitarbeiter. Nach einer neuen Umfrage im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) fühlen sich die Beschäftigten durch den Einsatz modernster Technik gehetzter, sie beklagen erhebliche Mehrarbeit und fühlen sich öfter im Arbeitsfluss gestört. Die Gewerkschaften führen den Anstieg der psychischen Erkrankungen auf diese negativen Folgen der Digitalisierung zurück. Sie fordern Politik und Arbeitgeber auf, das Problem endlich ernst zu nehmen und nach Lösungen zu suchen.

In einer bundesweiten repräsentativen Studie im Rahmen der Untersuchung „DGB Index Gute Arbeit“ gaben 46 Prozent der Befragten an, dass sich ihre Arbeitsbelastung durch die Digitalisierung erhöht hat. Nur neun Prozent sprachen von einer Verringerung. Von denjenigen, die bereits „in sehr hohen Maße mit digitalen Mitteln arbeiten“ fühlen sich 60 Prozent gehetzt oder unter Zeitdruck. Bei Beschäftigten, die noch gar nicht digital arbeiten, beträgt dieser Wert nur 51 Prozent. Bei der Frage des Arbeitsflusses ist der Unterschied noch deutlicher: Wo die Digitaltechnik Einzug gehalten hat, ist der Anteil der Mitarbeiter, die sich etwa durch den Empfang von E-Mails oder durch technische Probleme immer wieder gestört fühlen, doppelt so hoch wie bei nicht digitaler Arbeit (69 zu 36 Prozent). Auch die Arbeitsintensität ist durch die Digitalisierung gestiegen. 43 Prozent der Befragten bejahten die Frage, ob sie den Eindruck hätten, in den letzten 12 Monaten mehr schaffen zu müssen als früher. Bei den „analog“ Arbeitenden beträgt der Anteil lediglich 33 Prozent.

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sagte, die Digitalisierung könne dazu beitragen, die körperlichen Belastungen zu reduzieren und den Beschäftigten mehr Gestaltungsspielräume und Flexibilität zu geben. „Allerdings läuft etwas schief mit der Digitalisierung, wenn die Arbeitnehmer sie nicht als Entlastung, sondern als zusätzlichen Stress erleben“, warnte sie. Immer mehr Beschäftigte litten unter Depressionen oder Angststörungen. Buntenbach verwies auf aktuelle Daten: Mittlerweile gehen 43 Prozent aller Erwerbsminderungsrenten auf psychische Erkrankungen zurück. Zudem sind die Ausfalltage im Job wegen psychischer Erkrankungen auf neue Rekordwerte gestiegen. Buntenbach stellte aber klar, nicht die Technik an sich sei Schuld an dieser Entwicklung. Stressfaktor sei schlecht organisierte (digitale) Arbeit.

IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban sagte, die Digitalisierung komme bei den Beschäftigten vielfach nur als „Rationalisierung von oben“ an. Es zeige sich, dass das „goldene Dreieck aus Achtstundentag, der 40-Stundenwoche und elf Stunden Ruhezeit“ gerade für die digitale Arbeit notwendig sei, um die Beschäftigten vor unzumutbarer Arbeitsverdichtung und Hetze im Job zu schützen. Urban erinnerte daran, dass die aktuellen Arbeitsschutzvorschriften bisher keine Regelungen zu Verhinderung von psychischen Belastungen vorsehen. „Die Regelungslücke ist zur Schutzlücke herangewachsen“, sagte er.

Urban verwies in diesem Zusammenhang auf Vorschläge der IG Metall für eine Anti-Stress-Verordnung, um ausufernde Arbeitszeiten und hohen Leistungsdruck zu minimieren. Auch der Bundesrat hat bereits einen entsprechenden Verordnungsentwurf vorgelegt. Die große Koalition hält sich bisher aber bedeckt. Sie hat zunächst die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) beauftragt, einen Überblick über den Forschungsstand in Sachen psychische Belastungen zusammenzustellen. Der Bericht soll an diesem Freitag veröffentlicht werden.

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