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Datenschutz „Ich würde das stoppen“

Der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar kritisiert die Schnüffelei der Arbeitgeber.

Immer mehr Lebensbereiche werden durch eine App kontrolliert - in der Freizeit und bald auch im Beruf. Foto: picture alliance / dpa Themendie

Jahrelang war Peter Schaar der oberste Datenschützer im Lande. Nun fordert er seine Kollegen auf, den Arbeitgebern die Überwachung der Fitness der Mitarbeiter zu untersagen. Das Missbrauchspotenzial sei enorm.

Herr Schaar, auch deutsche Firmen beginnen, die Fitness ihrer Mitarbeiter mit Apps zu kontrollieren. Dürfen die das?
Eine Verpflichtung kommt nicht in Frage. Gesundheitsdaten sind in besonderer Weise geschützt. Sie dürfen nur mit ausdrücklicher Einwilligung der Betroffenen erhoben werden.

Diese Einwilligung holen sich die Firmen. Alle Programme basieren auf der freiwilligen Einwilligung der Mitarbeiter. Also alles kein Problem?
Moment. Selbst wenn Mitarbeiter einwilligen, stellt sich die Frage, ob diese tatsächlich freiwillig ist. Was passiert denn, wenn man die Einwilligung verweigert? Ist man dann Fitness-unwillig und insofern nicht der geeignete Mitarbeiter? Ich bezweifele, dass eine solche Einwilligung überhaupt wirksam sein kann.

Wieso?
Das Arbeitsverhältnis ist ein ganz klares Abhängigkeitsverhältnis. Da muss der Wissensdrang des Arbeitgebers enge Grenzen haben. Ansonsten gibt es ein enormes Missbrauchspotential.

Welche Gefahren sehen Sie?
In den USA gab es schon Fälle, dass Personen, die krank gemeldet waren, auf diese Art und Weise in den Verdacht gerieten, gar nicht krank zu sein, weil sie sich ja viel bewegt hätten. Es gab auch eine Entlassung, weil sich eine Person schlecht ernährt hat.

Das scheint für deutsche Verhältnisse aber sehr weit hergeholt.
Die Gefährdung sehe ich schon. In den verschiedenen Branchen haben wir es mit sehr unterschiedlichen Beschäftigungskulturen zu tun. Gerade in den Technologie-zugewandten Sektoren haben wir es teils mit ziemlich archaischen Geschäftsmethoden zu tun, wo Hire & Fire gar nicht eine so falsche Beschreibung ist. Derzeit ist der Arbeitsmarkt vielleicht entspannter als vielleicht vor fünf Jahren – aber wer sagt denn, dass das so bleibt? Für mich geht es zu weit, wenn der Arbeitgeber sich quasi Nanny-artig um die Gesundheit und das außerdienstliche und außerberufliche Verhalten seiner Mitarbeiter kümmert. Es ist doch nicht Aufgabe des Arbeitgebers, Mitarbeiter darauf zu kontrollieren, dass sie irgendwelche psychologischen Probleme nicht bekommen.

Die Anbieter legen Wert darauf, dass der Arbeitgeber keine Daten von einzelnen Mitarbeitern bekommt, sondern immer nur Informationen über Gruppen.
Wenn bei einer Gruppe von fünf Personen gesagt wird, die bewegen sich viel zu wenig, dann ist das auch eine Aussage über jeden einzelnen. Es mag gewisse Informationen geben, die nicht zurückgeführt werden können, aber dann ist auch die Aussagekraft im Regelfall stark beschränkt. Und selbst wenn anonymisiert wird, werden die Daten erstmal personalisiert erhoben – und zwar letztlich im Auftrag des Arbeitgebers. Wer sagt denn, dass der seine Meinung nicht irgendwann ändert und auch die Herausgabe von Mikrodaten über einzelne Personen verlangt? Die Daten werden ja personenbezogen erfasst. Selbst wenn die Daten nur auf Gruppen-Ebene ausgewertet werden: Wenn der Arbeitgeber detaillierte Gesundheitsdaten der Mitarbeiter erheben lässt, halte ich schon die Erhebung dieser Daten für nicht vom Arbeitsverhältnis gedeckt. Wenn ich als Datenschutzaufsichtsbehörde zuständig wäre, würde ich das stoppen.

Interview: Jonas Rest

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