Lade Inhalte...

Apple-Campus Ein Monument für den Mythos Steve Jobs

Der Apple-Konzern hat sich von Norman Foster einen Campus im kalifornischen Cupertino bauen lassen. Der Anspruch, die Arbeitswelt neu zu erfinden, ist dem Bauwerk anzumerken.

Cupertino
Der Apple-Campus in Cupertino - wie ein Ufo im typischen kalifornischen Siedlungsbrei. Foto: rtr

Steve Jobs ist seit gerade einmal sechs Jahren tot, doch seine Lebensgeschichte ist längst in das Reich des Mythischen entrückt. Populäre Vorstellungen, regelmäßig angeregt von Hollywood, haben das Leben des visionären Unternehmers überhöht und als eine Abfolge nicht abreißender Eingebungen erzählt, welche die Welt verändert haben.

Eine dieser Geschichten geht so. Steve Jobs ging im Sommer 2004 mit seinem Chef-Designer Jony Ive im Londoner Hyde Park spazieren. Dabei kamen die beiden über den Campus der Firma im kalifornischen Cupertino ins Grübeln, eine zerstreute Ansammlung schlecht zueinander passender Gebäude. Nichts daran passte zur Apple-Ästhetik. Resultat des damaligen Gesprächs ist das neue Apple-Hauptquartier, das in diesen Tagen von mehr als 12.000 Angestellten bezogen wird. Es ist der letzte gemeinsame Entwurf von Ive und Jobs, und wie alle vorhergehenden Ideen des Design-Dreamteams wird es in der Apple-Mythologie als Revolution gepriesen.

In der Tat gleicht der neue Apple-Campus auf den ersten Blick kaum dem klassischen suburbanen Büropark mit verstreuten Gebäuden und riesigen Parkplatzflächen. Der Anspruch, die Arbeitswelt neu zu erfinden, ist dem Bauwerk, das von dem Briten Norman Foster in Partnerschaft mit Apple durchgeführt wurde, in allem anzumerken.

Der ringförmige Flachbau mit der Anmutung eines Raumschiffes soll die Verbundenheit aller Apple-Mitarbeiter mit allen suggerieren. Nichts an der Architektur soll trennen oder Hierarchie suggerieren. Alle, inklusive der obersten Führungsetagen, arbeiten in offenen Modul-Räumen, die ausschließlich nach funktionalen Gesichtspunkten entworfen worden sind - aber wie auch anders? Nach Wunsch von Ive sollen sich die Mitarbeiter im Laufe eines Arbeitstages durch das gesamte Gebäude bewegen, je nachdem, mit wem sie gerade zusammenarbeiten. Nur er selbst ist mit seiner Entwicklungsabteilung durch Milchglas vom übrigen Arbeitsgeschehen abgeschirmt.

Die Bedeutung der persönlichen Begegnung wird durch wenige, riesige Begegnungsorte unterstrichen, angelehnt an Piazzen oder antike Foren. In der Caféteria und dem Atrium ist Platz für beinahe die gesamte Belegschaft, das außen liegende Parkgelände, soll genutzt werden wie ein Universitätscampus.

Die Bedeutung der persönlichen Begegnungen

Das Alles ist so grün, wie noch nur selten ein Bürogelände. Es gibt keine Aufzüge in dem vierstöckigen Bau, der Energiebedarf wird durch Solarenergie gedeckt und durch mikrotechnologische Feinregulierung gesteuert. Das Klima wird nicht künstlich konstant gehalten, sondern kann sich in einem bestimmten Rahmen den äußeren Gegebenheiten anpassen. Für den Transport auf dem Campus stehen Elektroautos und Fahrräder zur Verfügung.
Mit dem Architekten Norman Foster hat der Konzern einen der Global-Player engagiert. Nicht erst die Sanierung und Rekonstruktion des Reichstagsgebäudes in Berlin oder der Commerzbank-Turm in Frankfurt haben Foster ein weltweites Prestige verschafft. Seit den 1980er Jahren bereits baut auch das Büro des Briten, ähnlich wie Apple, auf ein Image, in diesem Fall auch einen ausgeprägten High-Tech-Touch.

Fünf Milliarden teurer Perfektionismus

Planung und Ausführung, die rund acht Jahre gedauert und geschätzte fünf Milliarden Dollar gekostet haben, sind geprägt von einer Detailbessenheit, die für Foster ebenso selbstverständlich ist wie für Apple sprichwörtlich. Bis hin zu den Türgriffen mischte sich Ives Team mit einem enervierenden Perfektionismus ein. Wie bei solchen gewaltigen Bauvorhaben und für weltweit bauende Architekturbüros üblich, richtete Foster eine eigene Dependance in San Francisco ein.

Das Ausmaß der Beteiligung des Designteams von Apple ist nachvollziehbar – der Bau soll schließlich den Geist von Apple verkörpern. „Wir wollten Architektur genau so behandeln wie Produkt-Design“, sagte Jony Ive gegenüber dem „Wall Street Journal“. Für das Apple–Mutterschiff sollten die gleichen Design-Prinzipien gelten wie für das MacBook. Air.

Apple folgt mit dem Bau anderen Technologie-Riesen wie Facebook, Amazon und Google, die sich ebenfalls derzeit schicke Konzernhauptquartiere bauen. Facebook hat den Kalifornier Frank Gehry angeheuert, Google die aus Kopenhagen stammende Bjarke Ingels Group und Amazon baut mitten in Seattle riesige Glas-Globen mit einem überdachten tropischen Regenwald. Die Branche legt ihr Outlaw-Image ab und passt sich den Gepflogenheiten des übrigen Wirtschaftslebens an. Die Zeiten der Garagen und Lofts sind vorbei.

Damit wächst jedoch auch die Skepsis gegenüber den proklamierten Prinzipien dieser Firmen, zuallererst das Leben ihrer Kunden verbessern zu wollen. Insbesondere der neue Apple Campus ist harsch kritisiert worden. „Das ist es, was die Reichen und Mächtigen seit der Zeit der Pyramiden tun“, sagte die Urbanistin Louise Mazingo von der University of California gegenüber dem „Wall Street Journal“: „Sie bauen Gebäude, die ihre Macht darstellen.“

Der Apple Campus ist völlig isoliert

Das ist gewiss keine neue Erkenntnis. Der neue Apple Campus ist einigen Kritikern allerdings aus einem weiteren Grund suspekt. Facebook, Google und Amazon zeigen zumindest ein gewisses Bewusstsein für die gebaute Umwelt, in die sie ihre Gebäude hineinsetzten. So hat Facebook seinem Hauptquartier jüngst Zehntausende von Wohneinheiten hinzugefügt und in öffentlichen Nahverkehr investiert. Der Apple Campus bleibt jedoch völlig isoliert. Die Mitarbeiter müssen bis zu 70 Kilometer aus San Francisco anreisen, der Ökoanspruch sei dementsprechend ein wenig glaubhaftes Feigenblatt. Wohnraum- und Transportprobleme interessieren Apple einfach nicht. „Man hat ein Gebäude in Form eines riesigen Bauchnabels gebaut“, schrieb bissig das „Wired Magazine“, „in den man nun kollektiv hineinstarrt.“

Es bleibt der Eindruck, dass das Apple-„Mutterschiff“ in erster Linie ein Monument für den Mythos Steve Jobs ist. Und so bestätigt sich auch in der Architektur der Verdacht, dass Apple es einfach nicht schafft, über Jobs hinaus zu wachsen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum