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„The Affair“ Im Zweifel ist der andere schuld

„The Affair“, Staffel vier: Helen wird Ex-Mann Noah nicht los, Alison ist verschwunden. Da würde man sich jetzt Sorgen machen, wäre sie nicht so ein ichbezogenes Biest. Teil 21 unserer Serien-Kolumne „Nächste Folge“.

The Affair
Damals in der ersten Staffel: Noah (Dominic West) und Alison (Ruth Wilson) pfeifen auf ihre Ehepartner und kommen sich näher. Foto: Showtime

Fünfundzwanzig Ehejahre, vier gemeinsame Kinder, und plötzlich brennt der Mann mit einer dahergelaufenen Kellnerin durch. Einfach so. Helen hat lange gebraucht, um damit klarzukommen. In der Erzählzeit der Showtime-Serie „The Affair“ waren es drei Staffeln, in denen sie ihm dermaßen hinterherrannte, dass es dem Zuschauer weh tat.

Zum Auftakt der vierten Staffel will sie das alles hinter sich lassen. Mit ihrem neuen Freund und ihren beiden jüngsten Kindern ist sie von New York nach Los Angeles gezogen. Er ist Chefarzt, sie muss nicht arbeiten gehen. Den ganzen Tag scheint die Sonne auf die riesige Terrasse an der Klippe. Die zierliche Nachbarin sieht aus wie die Tochter von Michelle Pfeiffer oder Geena Davis, bringt Körbe voller Avocados vorbei und lädt zum „Babyziegen-Yoga“ ein. 

Alles wäre perfekt, wäre Helens Ex-Mann Noah nicht ebenfalls nach Los Angeles gezogen, um die gemeinsamen Kinder öfter sehen zu können. Seine titelgebende „Affair“ mit der Kellnerin ist ohnehin schon wieder Geschichte.

Das wäre der Stoff für eine klassische Nachmittags-Seifenoper, wenn es nicht so hervorragend erzählt wäre. Denn wer hier mit wem Streit anfängt, welcher der geschiedenen Elternteile sich besser um die gemeinsamen Kinder kümmert, das ist wie immer eine Frage der Sichtweise bei „The Affair“. Jede Episode wird doppelt erzählt, erst aus der Perspektive des einen, dann aus der des anderen Protagonisten. Aus Helens Sicht schüchtert Noah den Nachwuchs ein und kriegt es nicht gebacken, seine Wohnung kindgerecht einzurichten. Aus Noahs Sicht will seine Tochter nicht bei ihm übernachten, weil Helen ihr gesteckt hat, dass Charles Manson in seiner Straße getötet hat. Und ob der Sohn nun schwul ist oder nicht und das zugeben will oder nicht, darüber ist man sich auch nicht einig. 

Der Zuschauer baut sich aus beiden Perspektiven auf die gleichen Ereignisse seine eigene Version der Wahrheit. Im Zweifel tendiert er zur Sichtweise jener Figur, die ihm sympathischer erscheint, wobei „sympathisch“ angesichts dieser kaputten Charaktere ein großes Wort ist.

Es geht gemächlich los mit der vierten Staffel, das obligatorische Fremdgeknutsche nach dem Jeder-mit-jedem-Prinzip lässt bisher noch auf sich warten. Eine Vorausblende mit Cliffhanger in der allerersten Szene deutet an, dass noch mehr im Argen liegt als das familiäre Geplänkel. Noahs ehemalige Kellnerinnen-Affäre, Alison heißt sie, ist seit 72 Stunden verschwunden, nicht mal nach ihrer Tochter hat sie sich erkundigt.

Da würde man sich als Zuschauer jetzt große Sorgen machen, wenn Alison nicht so ein schrecklich ichbezogenes Biest wäre – eine Aussage, die meine Kollegin beim Redigieren dieses Textes auf die Palme bringt, ist die verletzte Alison doch ihr absoluter Lieblingscharakter. Auch Noah ist so besorgt um Alison, dass er sich mit ihrem Ex-Mann Cole zusammentut, dem er damals die Ehefrau ausgespannt hat. Wenn es da mal keine Toten gibt.

Mit den Fremdgehern Noah und Alison und den Betrogenen Helen und Cole gehören vier Figuren zur Hauptbesetzung der Verdammten, die sich gegenseitig in den Abgrund ziehen, aber aus verschiedenen Gründen nicht voneinander lassen können, weswegen „The Affair“ immer wieder auf die nächste Katastrophe zusteuert. 

Dabei geht es weniger um die Katastrophe selbst als um die Frage, wer sie verschuldet hat. Trefflich lässt sich darüber diskutieren, weil die Serie einen Perspektivismus zelebriert, der nur subjektive Antworten kennt und den Zuschauer dazu verpflichtet, Stellung zu beziehen. Im Zweifel war’s Alison, behaupte ich jetzt einfach mal, um die Diskussion zu eröffnen.

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