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„Patrick Melrose“ Heroin im Blut, Urne in der Plastiktüte

Patrick Melrose hasst seinen Vater und kommt nicht weg von den Drogen - eigentlich der Stoff für eine tiefschwarze Tragödie, stellenweise aber schreiend komisch. Teil 20 unserer Serien-Kolumne „Nächste Folge“.

Patrick Melrose
Quasi nie nüchtern: Patrick Melrose (Benedict Cumberbatch). Foto: Sky/Showtime

Das Telefon klingelt. Eine verzerrte Stimme übermittelt eine traurige Nachricht. Der Vater ist gestorben. Der Empfänger der Nachricht krümmt sich zusammen, geht in die Hocke, schaut auf den Boden. Das Handeln eines Trauernden? Nein, das eines Junkies, denn dort liegt eine Spritze, mit der er sich den nächsten Schuss Heroin setzen wird. Er murmelt noch ein paar Worte in die riesige Achtzigerjahre-Hörmuschel und legt auf. Dann lacht er aus vollem Herzen, weil der „alte Bastard“ endlich tot ist.

Patrick Melrose hasst seinen Vater, und Patrick Melrose kommt nicht weg vom Heroin, ganz zu schweigen von Koks, Speed, Martini und Zigaretten. Das sind die wichtigsten Koordinaten der neuen Serienproduktion von Showtime und Sky, die auf den autobiografisch gefärbten Romanen von Edward St Aubyn basiert und mit „Sherlock“-Star Benedict Cumberbatch einen der gefragtesten Schauspieler unserer Zeit als Protagonisten gewinnen konnte. Wobei das nicht sonderlich schwierig gewesen sein dürfte, wollte Cumberbatch in seiner Karriere doch immer zwei Rollen spielen, wie er in vielen Interviews erklärte: Hamlet und Patrick Melrose.

Den Hamlet gab er schon 2015 im Londoner Barbican Theatre. Als britisches Upper-Class-Drogenwrack Patrick Melrose vereint Cumberbatch nun beide Rollen in einer – gepaart mit der arroganten Exzentrik, die man aus „Sherlock“ kennt. In New York, wo der Londoner die Asche seines Vaters abholen muss, feiert er in einer luxuriösen Hotelsuite seine Drogenexzesse, die nach existentiellen Selbstgesprächen über sein verkorkstes Leben in der Zerstörung der Zimmereinrichtung gipfeln. Den Urnenkasten mit der Asche seines Vaters kriegt er nicht kaputt, so heftig er ihn auch bearbeitet. Am Ende bleibt die Frage, warum ein Hotelzimmer Fenster hat, wenn man sie nicht öffnen kann, um in die Tiefe zu springen.

Warum Melrose so kaputt ist, wird schnell klar. Sein Vater hat ihn missbraucht, seine Mutter hat weggesehen, um den gesellschaftlichen Schein zu wahren. Das müsste eigentlich der Stoff für eine tiefschwarze Tragödie sein, wird aber durch den grimmigen Humor des Drehbuchs aufgelockert sowie durch Cumberbatchs Darstellung, die Melrose in Sekundenschnelle von null auf hundert und zurück bringt. Erst platzt der Aristokratensohn in die falsche Trauerfeier und rastet bei der Empfangsdame völlig aus, später trägt er die Urne in einer Plastiktüte herum, nicht mal beim romantischen Abendessen kann er von ihr lassen. Wenn der Drogenabhängige in der Hotelbar auf dem Boden herumkrabbelt und an der Wand entlangrutscht, erntet er fragende Blicke der höflichen Bediensteten und lallt zur Entschuldigung etwas von „Jetlag“. Letztlich lässt man dem durchgeknallten Dandy alles durchgehen, wenn er den Angestellten nur zu jedem möglichen Anlass einen seiner vielen Geldscheine zusteckt.

Melrose will den Tod seines Vaters nutzen, um mit der Vergangenheit abzuschließen und ein neuer Mensch zu werden. Vor allem will er endlich loskommen von den Drogen, wie er einem Freund am Ende der ersten Episode am Telefon gesteht. „Und dann? Was machst Du dann?“, lautet die Gegenfrage. Melrose bricht in Tränen aus, weil er darauf noch keine Antwort weiß.

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