Lade Inhalte...

Kolumne „Nächste Folge“ Als die Männer alle tot waren

Ein Western, in dem die Frauen (fast) unter sich sind: „Godless“. Der elfte Teil der Kolumne „Nächste Folge“.

Godless
Nach dem Tod der Männer, haben in La Belle nun die Frauen das Sagen: Charlotte Temple (Samantha Soule), Mary Agnes McNue (Merrit Weaver) und Alice Fletcher (Michelle Dockery) (v.l.n.r.). Foto: Screenshot Netflix

Eine Stadt im Wilden Westen, in der fast nur Frauen leben, weil ihre Männer bei einem Minenunglück ums Leben gekommen sind, ein Trupp blutrünstiger und rachesuchender Krimineller auf dem Weg in den gottverlassenen Ort (die Kirche muss erst noch gebaut werden) mit dem so schön passenden Namen La Belle – der Stoff, aus dem Western gemacht sind? Im Prinzip schon, aber Regisseur Steven Soderbergh ist es mit der siebenteiligen Miniserie „Godless“ gelungen, aus dem Genre mehr zu machen als einen Film mit einsamen Männern in der Prärie, die fluchen und im Saloon spucken und ihre Augen zusammenkneifen, um zu sehen, was sich in der Staubwolke am Horizont verbirgt. 

Die Geschichte des unwirtlichen Lebens der Siedler im Amerika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat zwar schon einige starke Frauenfiguren hervorgebracht, „Flintenweiber“, die zu ihrer Zeit fast genauso berühmt und berüchtigt waren, wie die Cowboys und Postkutschenräuber, deren Namen jeder kennt. Doch Soderbergh gibt in „Godless“ – auch dank seines Markenzeichens, der Zusammenführung verschiedener Handlungsstränge – seinen (weiblichen) Figuren Tiefe und arbeitet sich nicht ausschließlich an den so genretypischen Geschlechterrollen ab.

Zudem schwelgt der Regisseur, der selbst auch ab und zu in seinen Produktionen filmt, ganz in den Bildern – das wiederum war ja schon immer wichtiger Bestandteil eines guten Westerns. Lange sieht man dem Muskelspiel der Pferde zu, als sie nach und nach vom mysteriösen Protagonisten Roy gezähmt werden. Noch länger zieht sich der Weg der Männer zur Mine an jenem schicksalhaften Morgen, der ihr letzter sein sollte. Als der Aufzug sie in den Schlund der Erde schickt, weiß der Zuschauer schon längst, dass sie nie wieder hinaufkommen werden. Und was ihr Tod mit den Frauen gemacht hat. 

Die wissen sich nach dieser harten Zeit jedoch sehr gut zu helfen und führen das Gasthaus, die Schule (früher war die ein Bordell, aber es gibt ja kaum noch Männer, die es frequentieren könnten) und die Pfarrei mit zähem Willen und (meistens) solidarisch. Sie tragen einfach die Waffen und die Kleidung ihrer Männer, machen deren Arbeit und leben im Einzelfall endlich die Liebe zueinander aus. 

Langsam, aber nie langweilig

Lesbische Liebe in einem Western? Da sieht der eine oder andere Kerl vor dem Bildschirm sicher seine allerletzten Felle davonschwimmen, der aufgeschlossene Zuschauer sieht aber einfach eine erzählerisch und filmisch gut gemachte Geschichte, die zwar langsam vorangeht, aber nie langweilig wird. Jeff Daniels überrascht als eiskalter, pathologisch-böser Oberschurke Frank auf der Suche nach seinem abtrünnigen Ziehsohn Roy. Michelle Dockery, die viele als blütenzarte, adelige Mary Talbot aus „Downtown Abbey“ kennen dürften, überzeugt als widerstandsfähige Farmerin und zweifache Witwe Alice.

Früh weiß der Zuschauer, dass etwas Schlimmes auf die kleine Stadt La Belle zukommt, dass der unvermeidliche Showdown bevorsteht. Frank und Roy werden sich in La Belle treffen, und sie werden es zu Ende bringen. 

Die Frauen spielen auch hier eine Rolle, allerdings hält Soderbergh nicht ganz durch: Alles in allem ist „Godless“ dann doch die Geschichte des Westernhelden Roy und seines Gegenparts Frank und ist die Serie doch wieder ein ganz klassischer Western – wenn auch ein sehr gut gemachter.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Serien

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum