Lade Inhalte...

Jim Carrey in „Kidding“ Mit der Puppe zum Höhepunkt

Mr Pickles macht doch nur Spaß: Die Showtime-Serie „Kidding“ zeigt Jim Carrey als traurigen Star des Kinderfernsehens. Achtung, nicht für Kinder geeignet. Folge 26 der Kolumne „Nächste Folge“.

Jim Carrey
Jim Carrey ist TV-Star Mr Pickles - und ein trauernder Vater. Foto: Showtime

Dass Jim Carrey nicht nur als „Die Maske“ herumkaspern und Grimassen schneiden, sondern auch mehr als passabel schauspielern kann, begründen Filmkenner gerne mit der „Truman Show“. Seinen besten Auftritt auf der Kinoleinwand hatte er allerdings erst sechs Jahre später, 2004 nämlich, in „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“. In der meisterhaft introspektiven Inszenierung von Regisseur Michel Gondry war Carrey der unglücklich Verliebte, der die Frau seines Lebens im buchstäblichen Sinne aus dem Gedächtnis löschen lässt. Das funktioniert mit der neuartigen Methode einer Firma, die wie selbstverständlich ohne großen Science-Fiction-Gestus eingeführt wird.

Gäbe es bloß solche futuristischen Methoden in der neuen Showtime-Serie „Kidding“, jenem Projekt, das Schauspieler Carrey und Regisseur Gondry nach fast 15 Jahren wieder vereint (zumindest für die ersten Folgen). Protagonist Jeff hätte allen Grund, sich als Versuchskaninchen anzubieten. Das Finanzielle wäre das geringste Problem, denn als TV-Star Mr Pickles in seiner eigenen Kindersendung hat Jeff ausgesorgt, was ihn nicht über seinen familiären Verlust hinwegtröstet. Sein Sohn Phil ist bei einem Autounfall gestorben. Seine Frau Jill (Judy Greer) hat ihn verlassen, einen neuen Liebhaber gefunden und den anderen Sohn Will bei sich behalten. Der wirft seinem Vater an den Kopf, Jill habe sich nicht nur wegen Phils Tod getrennt, sondern vor allem, weil er eine „Pussy“ ist. „Benutz’ kein böses Wort, wenn du ein gutes Wort benutzen kannst“, lautet das Motto des braven Jeff, der „Pussy“ erstmal im Wörterbuch nachschlagen muss. „From pusillanimous, showing a lack of courage or determination.“

Jim Carrey wird mit einer Puppe intim

Verzagt, mutlos, unentschlossen. So will Jeff nicht mehr sein. Ganz im Stil von Kinderfernsehen-Pionier Fred Rogers plant er eine Sendung über den Tod, um das eigene Trauma zu bewältigen. „Kinder wissen, dass der Himmel blau ist. Sie müssen wissen, was sie tun sollen, wenn er fällt.“ Der ausführende Produzent, der gleichzeitig Jeffs Vater (Frank Langella) ist, hält das für keine gute Idee. Sowieso interessiert er sich mehr für den Erfolg von TV-Star Mr Pickles, der für den Millionenunterhalt „unserer kleinen Wohltätigkeitsorganisation“ sorgt, als für das Seelenheil von Jeff, getrennter Ehemann und trauernder Vater, der „ein paar Dellen in seiner Psyche ausbeulen muss. Vertrau mir, die beiden sollten sich niemals treffen, sonst bedeutet das für beide das Ende.“

Ganz zutreffend ist die Schizophrenie-Diagnose nicht, denn auch außerhalb seiner Sendung läuft Jeff in den ersten Folgen mit dem gutmütig-grenzdebilen Lächeln seiner TV-Figur durch die Gegend, als wäre er ganz tief drin nicht weniger Kind als seine Fernsehzuschauer. Kurzerhand kauft er das Haus neben dem seiner Ex, beobachtet sie wie ein Spanner durch das Fenster und lädt sich selbst zum Essen mit ihrem neuen Liebhaber ein. Als würde alles wieder gut werden, wenn man sich nur genug anstrengt.

Jeffs Optimismus inmitten einer nihilistischen Welt ist derart grenzenlos, dass er es auf sein Klapphandy schiebt, wenn eine Frau nicht auf seine Textnachrichten reagiert. Sein Akt der Rebellion gegen den Vater besteht darin, sich einen kahlen Streifen an der Stelle zu rasieren, wo eigentlich der Mittelscheitel hingehört. Nichts, was man in der Maske nicht reparieren könnte. Jeffs Schwester Deirdre (Catherine Keener) warnt den Vater davor, den echten Mr Pickles durch eine animierte Figur zu ersetzen: Damit nehme er dem Bruder alles, was er hat. Das klingt alles unglaublich traurig, ist aber in seiner ganzen Merkwürdigkeit ziemlich lustig.

Vor allem ist es so gar nicht für Kinder geeignet, nicht nur, weil Deirdres Tochter den Papa dabei erwischt, wie er sich vom Klavierlehrer in der Hose herumfummeln lässt. Der Trailer zeigt Jeff bei sexuellen Aktivitäten mit einer Puppe, die auch aus seiner Sendung kommen könnte – „was hoffentlich nur in seiner Fantasie passiert“, wie die US-Seite Indiewire schreibt. Als wäre nicht alles in „Kidding“ so surreal, dass es nur eine abgedrehte Fantasie sein kann. Schon „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ war am besten, wenn es sich im Kopf des Protagonisten einnistete. Nur dass wir diesmal nach 108 Minuten Spielfilmlänge noch lange nicht entlassen sind.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Serien

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen