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Binge-Watching Über die Netflix-Müdigkeit

Ein Monat, 19 Tage, 17 Stunden und immer noch „Lost in Space“ - der 17. Teil unserer Kolumne „Nächste Folge“.

Mond
„Dieses musst du gesehen haben, jenes musst du kennen, wenn du nicht hinterm Mond leben willst.“ Foto: rtr

Eigentlich sollte an dieser Stelle eine Besprechung der jüngst gestarteten Netflix-Serie „Lost in Space“ stehen. Der Plan war simpel: Bedingungslose Realitätsflucht mit zehn Folgen Weltraumwahnsinn am Stück, danach ein kurzes Schläfchen und dann beim Frühstück eine Kolumne runterschreiben. Es wäre so viel einfacher gewesen, als der Realität ins Auge zu blicken und dieses Bekenntnis zu verfassen.

Auch man selbst ist nämlich ziemlich „lost“ – jetzt nicht im Weltraum oder so, aber in der aktuellen Serienlandschaft, die fast genauso groß und unüberschaubar geworden ist.
Einen Monat, 19 Tage und 17 Stunden seines Lebens hat man laut seiner Smartphone-App mit Serien verbracht und überblickt noch nicht ansatzweise die Ausmaße des Universums. So manche wollen einen retten aus der orientierungslosen Schwebe und deuten auf die hellsten Sternschnuppen am Serienhimmel. Dieses musst du gesehen haben, jenes musst du kennen, wenn du nicht hinter’m Mond leben willst.

Aber vielleicht gefällt’s einem hinter dem Mond, vielleicht ist einem die hunderttausendste Sternschnuppe einfach irgendwann ziemlich schnuppe, man gewöhnt sich an das schönste Funkeln. Vielleicht sind einem die vielen Lebensstunden vor der Glotze auf Dauer zu schade, auch wenn die Zeitrechnung in winzigen Einheiten wie Stunden für das riesige und komplexe Universum lächerlich klingen mag.

Moment, komplex? Da war doch was. Wenn von Serien die Rede ist, wird „Komplexität“ früher oder später fast zwangsläufig als Argument für die Dominanz des Fernsehens hervorgebracht. Dabei sind selbst die anspruchsvollsten Serien nicht nur in Relation zum Weltall, sondern auch zum eigenen Leben erstaunlich schlicht gestrickt. Die Pilotfolge muss starten wie eine Rakete, dann lässt der Antrieb nach und geht in den Leerlauf über, der einem als tiefschürfende Charakterentwicklung verkauft wird, bis das Staffelfinale die Bruchlandung in einer völlig neuen (Sternen-)Konstellation veranlasst. Was das für die Helden bedeutet und wem in der ungewohnten Umgebung die Luft ausgeht, erfahren Sie in der nächsten Staffel.

Bis es soweit ist, kann gefühlt und real sehr viel Zeit vergehen. Die Anziehungskraft der liebgewonnenen Serie auf das eigene Selbst lässt mit jeder Erdumdrehung um die Sonne spürbar nach. Wenn die Helden endlich wieder auf Erkundungsreise gehen, ist man längst Lichtjahre von ihnen entfernt.

Aus dieser Distanz betrachtet erscheint das Problem, das sich zu Beginn dieses Bekenntnisses aufdrängte, plötzlich winzig klein. Man hat sich den Weiten des Weltalls dermaßen hingegeben, dass man jetzt doch Lust auf „Lost in Space“ bekommen hat – man muss ja nicht gleich mit Lichtgeschwindigkeit durchflitzen. Vielleicht gibt es in etwa einem Monat irdischer Zeit an dieser Stelle doch etwas über die Serie zu lesen. Und wenn Sie mithilfe eines schwarzen Lochs die Zeit überlisten, dann vielleicht schon jetzt sofort.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Serien

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