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Binge-Watching Die Wiederholungstäterin

Serien wieder und wieder zu schauen, lohnt sich. Man hört doch auch öfter als einmal das Lieblingslied. Der 22. Teil unserer Kolumne „Nächste Folge“.

Woman watching television
Es geschieht meist nachts und wenn man alleine ist: Die Wiederholungstat. Foto: Imago

Es gibt viele tolle Serien auf dieser Welt. Netflix, Amazon Prime und Co. schubsen in einem unheimlich hohen Tempo neuen Content auf den Markt. Wahrscheinlich könnten wir alle bis an unser Lebensende täglich neue Serien bis zum Umfallen schauen, immer neue Inhalte, immer neue Geschichten, und hätten immer noch nicht alles gesehen. Und dennoch sitze ich zu Hause und schaue zum 53. Mal alle zehn Staffeln der Serie „Friends“. Ja, Sie haben richtig gelesen. Zugegeben, die Zahl ist eine grobe Schätzung, aber sie kommt ungefähr hin. Ich bin eine Wiederholungstäterin. 

Andere Serien, die sich sehr gut immer und immer wieder ansehen lassen sind „Die Simpsons“, „Family Guy“ , „Scrubs“ und „Modern Family“. Aber das nur als Empfehlung für die Wiederholungsinteressierten. Denn nicht alle Serien eignen sich für’s immer wieder Anschauen. Zu heftige und komplexe Stories sind nicht geeignet. So sehr ich „Game of Thrones“ auch liebe, das kann ich mir nicht immer wieder ansehen.

Für viele Serienjunkies ist das völlig unverständlich. Wieso etwas noch einmal anschauen, man wisse doch dann schon was passiert? Aber darum geht es der Wiederholungstäterin nicht. Eine Serie zum zweiten, dritten, oder 18. Mal ansehen, hat etwas mit Gefühlen zu tun, nicht mit Hunger nach einer neue Geschichte. 

Flashback zu anderen Zeiten

Ein guter Grund sich in das Vertraute, nicht das Neue, zu stürzen, ist, dass man sowieso schon völlig übersättigt ist von den Eindrücken, die den ganzen Tag auf uns einprasseln. Daher ist ein Gefühl von zur Ruhe kommen möglich, wenn man sich das Bekannte erneut ansieht, keine Aufregung mehr, keine zusätzliche Information. 

Dazu kommt natürlich die Klarheit über den Unterhaltungserfolg: Die Geschichte kennt man schon, man weiß, dass man sie mag, dass man gleich lachen oder auch weinen wird, der Unterhaltungswert ist garantiert.

Der dritte Grund ist das Gefühl, das man hatte, als man die Serie zum ersten Mal sah. Man fühlt sich zurückversetzt in die Lebenssituation, in der man damals war. Die erste eigene Wohnung, der Mini-Fernseher, auf dem man die Charaktere zu lieben lernte, der Aldi-Wein, den man zu getrunken hat. Das Gefühl der ersten Freiheit. 

Das ist vergleichbar mit Musik. Wer hört denn ein Lied nur einmal? Natürlich hören wir unsere liebsten Songs immer wieder an. Da sagt ja auch niemand: Aber die Melodie kennst du doch jetzt schon? Du weißt doch schon wie es sich anhört?

Am Ende geht es doch bei der Serie wie bei der Musik um dasselbe: Man hört, beziehungsweise sieht es, weil man es mag, es einem ein gutes Gefühl gibt. Ich kenne viele Wiederholungstäterinnen und Wiederholungstäter. Was einen weiteren schönen Nebeneffekt hat: Wir alle kennen gewisse Serien so gut, dass ein Sätzchen oder ein Wort als Anspielung ausreicht, um eine Situation zu erfassen. Keine weitere Erklärung nötig. Ich hab’s kapiert. 

„Das war mein Vietnam. Und ich war in Vietnam.“ – Eine wirklich schlimm nervtötende Situation mit einer Person ohne Sachkenntnis durchstehen. „Unagi!“ – Jemand denkt er hat den Durchblick, liegt aber völlig daneben. „Schönes Rot Dr. Hummer.“ – Man hat genau das gesagt, was man nicht hätte sagen sollen. „Glas zerspringt.“ – Man realisiert plötzlich etwas über jemanden, das ihn in einem neuen Licht erscheinen lässt und eventuell das bisherige Bild dieser Person völlig zerstört. „Und hier hab ich meine Anfälle.“ – Man ist nervlich am Ende. 

So etwas kann die Basis einer wunderbaren Freundschaft sein. Oder noch schöner: Man lernt jemanden neu kennen, der auf Anhieb versteht, weil er genau so verrückt ist.

Ach ja, und dann gibt es noch „Sieben!“. Aber „Sieben“ bleibt unser Geheimnis. Dafür muss man 53 Mal „Friends“ gesehen haben.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Serien

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