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„Baron noir“ „Ihr seid immer noch dieselben“

Die zweite Staffel ist die schwerste: Der 29. Teil unserer Kolumne „Nächste Folge“ beschäftigt sich mit einer neuen Runde für „Baron noir“.

Baron Noir
Amélie Dorendeu (Anna Mouglalis) steigt zur Präsidentin auf. Foto: Sony

Der zweite Roman ist immer der schwerste. Nicht der überraschende Erstling, sondern die lang erwartete Fortsetzung. Wird der Autor nochmals überzeugen können, seinem Thema neue Wendungen abgewinnen? Auch die zweite Staffel ist immer die schwerste, umso mehr, als sich das horizontale Serienerzählen über Staffelgrenzen hinweg interessant fortspinnen und möglichst steigern soll. Diesem Dilemma sahen sich auch die Macher von „Baron noir“, der viel gepriesenen französischen Politserie, in ihrem zweiten Anlauf gegenüber.

Einen Großteil des Reizes der ersten Staffel machte die Hauptfigur Philippe Rickwaert (Kad Merad) aus; er war das (hyper-)aktive Zentrum des Geschehens, wenn er an einem Fädchen zog, tanzten die Puppen. Nicht zuletzt die Kamera liebte ihn und setzte ihn großartig in Szene. All dies ist auch in der zweiten Staffel noch erfahrbar, jedoch abgeschwächt, geschuldet der Tatsache, dass nun hauptsächlich auf hauptstädtischem Pariser Parkett gefochten wird, weniger im provinziellen Dünkirchen.

Die Serie wird einerseits (noch) moderner, es gibt den großzügigen Einsatz von WhatsApp-Protokollen, Rap-Videos zur Diskreditierung des politischen Gegners und Pop-Art-Wahlplakate zu bestaunen, andererseits aber auch politischer in dem Sinne, dass die Dinge komplizierter, unsinnlicher, „technischer“ werden. Das ist für die weitere Entwicklung des Plots wohl auch nötig, steht jedoch den Ansprüchen an eine packende Handlung entgegen. In der ersten Staffel waren mehr Realitätspartikel eingewoben (die Dünkirchener Arbeiter, Salome, das Piano), die Ablenkung von den Gremiensitzungen und den Palastintrigen versprachen. Nun hat man oft den Eindruck, als könne man nebenbei auch einmal anderes tun und den Second Screen befragen, so sehr trägt die Präsentation des Kammerspiels mitunter Züge eines Hörspiels, das der visuellen Dimension kaum mehr bedarf.

In den ersten Folgen ist Rickwaert mehr der Mann im Hintergrund, der auf seine Gelegenheit lauert, als der tatkräftige Entscheider. Er berät Amélie Dorendeu (Anna Mouglalis), die mittlerweile zur (ersten) Präsidentin der Republik aufgestiegen ist, mit mutmaßlich eigener Hidden Agenda, eher Spin Doctor als selbst politisch Handelnder. Seine Methoden sind noch die gleichen – psychologische Kriegsführung, Intrigen mit schnellen Zielwechseln –, doch er scheint das Ziel seiner Anstrengungen aus den Augen zu verlieren. Die Fronten verschieben sich ständig, Rickwaert ist eher Getriebener als Gestalter der Entwicklungen. Bei vergleichbarer Ausgangslage meisterte etwa das US-amerikanische Pendant „House of Cards“ diese erzählerischen Herausforderungen souveräner, agierte Kevin Spacey in seiner Rolle des Frank Underwood auch dann noch zielgerichtet, wenn er vorübergehend stillgestellt war. Das ist jedoch vor allem eine Schwierigkeit, die das Team im Writers’ Room von „Baron noir“ zu überwinden hat, die Leistungen der Darsteller bewegen sich weiterhin auf hohem Niveau.

Auf der Höhe der Zeit zeigt sich die neue Staffel in thematischer Hinsicht. Viele Politikbereiche werden verhandelt, die auch international auf der Agenda stehen. Das reicht von der Gesundheitsversorgung über islamistische Parallelgesellschaften bis hin zur „Wut der Arbeiter“, die so manifest erscheint, dass das traditionelle Gefüge vom Volk, seiner demokratischen Vertretung und deren Führungsspitze ins Wanken zu geraten droht.

Schließlich weht Rickwaert und den Seinen unter der weiblichen Staatsspitze auch ein scharfer Wind vonseiten selbstbewusster Politikerinnen entgegen, denn unser Held war und ist ein Macho – gegenüber Frauen und Männern gleichermaßen. Vorwürfe von Übergriffigkeit und Aggressivität (wenn auch nicht sexueller Natur) werden laut, die Serie ist in Zeiten von #MeToo angelangt. Das von einer Vertrauten ausgesprochene, ernüchternde Fazit: „Ihr seid immer noch dieselben: zynisch, grausam.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Serien

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