Lade Inhalte...

ZDF-Krimi Hinter der Grenze

Dominik Graf zeichnet in seinem Krimi "Das unsichtbare Mädchen" ein düsteres Sittenbild der bayerischen Provinz.

28.10.2012 16:55
Klaudia Wick
Gezeichnet: Polizist Tanner (Ronald Zehrfeld) und Evelin Fink (Anja Schiffel). Foto: Julia von Vietinghoff

Dominik Graf zeichnet in seinem Krimi "Das unsichtbare Mädchen" ein düsteres Sittenbild der bayerischen Provinz.

Die Spur des unsichtbaren Mädchen ist unübersehbar. Durch die Kneipe, in der das soziale Leben von Eisenstein stattfindet, ist auf dem Fußboden ein roter Strich gezogen. Wer glaubt, dass der Sohn des Kneipiers vor elf Jahren die kleine Sina umgebracht hat, muss am Eingang sein Bier trinken. Alle anderen, die mit Blick auf die fehlende Leiche an die Unschuld des rechtskräftig verurteilten Ecco glauben, sitzen bei den Wirtsleuten jenseits der Linie.

Auch der pensionierte Kommissar Altendorf (Elmar Wepper), der seinerzeit als Leiter der „SoKo Sina“ abgelöst wurde, hat dort seinen Stammplatz. Bis heute glaubt er, dass Sina noch lebt. Eine Zeugin hatte die Kleine nach dem vermeintlichen Todeszeitpunkt noch auf der Straße gesehen. Und kürzlich, elf Jahre später, noch einmal! Hinter der tschechischen Grenze. In einem Supermarkt, in dem die oft minderjährigen Prostituierten aus dem „Luzi Club“ einkaufen gehen.

Kripochef Michel (Ulrich Noethen) hat der Zeugin nicht geglaubt. Jetzt liegt sie tot auf der Landstraße nach Tschechien. Zufall oder Vorsatz? Wie schon im Fall „Sina“ ist Michel an einer möglichst raschen und geräuschlosen Verhaftung interessiert. Festgenommen wird deshalb alsbald der Ehemann der Toten. Nach einem heftigen Verhör erhängt sich der arme, alkoholabhängige Tropf in seiner U-Haft. Pech oder ein weiteres Justizopfer, das auf Kommissar Michels Konto geht?

Unübersehbar hatte Krimiautoren Friedrich Ani schon in seiner Romanvorlage „Totsein verjährt nicht“ an den authentischen „Fall Peggy K.“ erinnert. In dem fränkischen Städtchen Lichtenberg war 2001 das kleine Mädchen spurlos verschwunden. Die Mutter hatte den Verdacht auf einen 23-jährigen, geistig behinderten Nachbarn gelenkt, der trotz eines lückenlosen Alibis für die Tat ohne Leiche verhaftet worden war und nach zahllosen Verhören ein Geständnis erst abgelegt, dann widerrufen hatte. Druck hatte damals vor allem die Münchner Landesregierung aufgebaut.

„Das unsichtbare Mädchen“, für den Arnie mit seiner Koautorin Ina Jung das Drehbuch schrieb, will weder eine szenische Rekonstruktion noch ein politisches Thesenstück sein. Regisseur Dominik Graf ist erfahrungsgemäß nie an einem möglichst direkten Erzählstrang, sondern an einem möglichst umfassenden Sittenbild gelegen. Die „Whodunit“-Fragen der Krimihandlung und der mögliche Polit-Skandal sind zwei Zugänge unter vielen.

Ulrich Noethen als selbstgefälliger Provinzpopanz

Dem Zuschauer wird die Handlung aus dem Blickwinkel des jungen Neuankömmlings gezeigt: Der Berliner Polizist Tanner (Ronald Zehrfeld) hat sich in die Provinz versetzten lassen, um einen schmuddeligen Fleck auf seiner Personalakte vergessen zu machen. Als fände er sich auf einem Karussell wieder, rasen zahllose, zum Teil noch gar nicht verständliche Eindrücke und Hinweise und Vermutungen an ihm vorüber: Mühsam versucht Tanner sich ein klares Bild zu machen. Aber für den Zuschauer eröffnet sich bald noch ein weiteres Schlüsselloch, durch das er bis in die Bayerische Landesregierung schauen darf. Dort gibt es einige Herren in gutem Zwirn, die sich für Michels hemdsärmelige Ermittlungen und Tanners eigenmächtige Recherche etwas zu sehr interessieren.

Nichts an dieser Inszenierung gehorcht dem Willen, etwas Authentisches abzuliefern. Graf füttert seine Figuren mit allerlei Nebensächlichkeiten an, bis sie zu artifiziellen Wesen werden. Ulrich Noethen ist nie nur ein gewiefter korrupter Beamter, sondern auch ein selbstgefälliger Provinzpopanz. Silke Bodenbender verliert sich nicht in der verheerten Dorfschlampe, sondern lässt immer auch den gefallenen Engel anklingen. Ist der smarte Tim Bergmann nur der gleitgel-beschleunigte Karrierist aus der Staatskanzlei, oder doch auch ein Familienvater mit Gewissen? Die rote Linie in der Kneipe ist eine Behauptung, hinter der überhaupt erst die Grenzen ausgelotet und neu gezogen werden.

Das unsichtbare Mädchen, 20.15 Uhr, ZDF

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen