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ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ Fernsehen bis zum Hörsturz

Unser Autor durchlebt ein Wechselbad der Gefühle beim ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. Der Film rundet alles zu einem Ganzen. Und dennoch regt sich bei ihm Widerstand gegen die allgemeine Begeisterung. Ein Einspruch.

Vier von „unseren Mütten, unseren Vätern“. Der fünfte irrt auf der Flucht durch die polnischen Wälder. Foto: ZDF

Natürlich ist der Film gut gemacht. Das wird man bei 14 Millionen Euro Produktionskosten erwarten können. Natürlich wühlt der Film auf. Ein Produzent wie Nico Hoffmann („Dresden“, „Der Turm“) weiß, wie man Zuschauer über drei Teile hinweg fesselt. Und nicht umsonst hat Drehbuchautor Stefan Kolditz über acht Jahre hinweg an dem Drehbuch gefeilt.

Nach jeder der ersten beiden Folgensaß man geplättet im Sessel, fast so, als hätte man selbst einen der Hörstürze erlitten, mit denen „Unsere Mütter, unsere Väter“ den Kampfszenen ihre besondere Wucht verleiht. Niemand wird wohl kalt bleiben bei den Wechselbädern der Gefühle, die die Dramaturgie dem Zuschauerherz beschert, wenn der jüdische junge Viktor erst mit Hilfe des Sturmbannführers gerettet scheint, und dieser dann doch wieder nur eine üble Falle gestellt hat. Niemand wird nicht gerührt sein, wenn die beiden Brüder an der Front wieder brüderlich zueinanderfinden. Kurz gesagt: Handwerklich ist an dem Film alles perfekt.

Und doch regt sich bei mir Widerstand. Der Film hinterlässt ein schales Gefühl. Ich fühle mich um die Realität betrogen, auch um die meiner Mutter und meines Vaters, die in dem Titel des Dreiteilers kurzerhand eingemeindet werden. Auch ich habe meine Mutter jahrelang nach ihren Erlebnissen und Taten als deutsche Lehrerin im besetzten Polen gefragt, so wie es Nico Hoffmann laut eines Spiegel-Interviewsmit seinem Vater gemacht hat. „Der Film“, sagt Hoffmann dort, „ist auch für mich der Abschluss von 30 Jahren Familienauseinandersetzung“. Viele werden diese Gespräche mit ihren Väter und Müttern kennen: Lücken sind dabei geblieben, Widersprüche, Beschönigungen, hartnäckige Selbsttäuschungen. Da will sich nichts zu einem Ganzen runden. Das größte Rätsel immer noch: der Alltag im NS-Staat. Die viele Gemütlichkeit, die mit der Barbarei verschachtelt war.

Fünf Freunde, die für alle stehen

Im Film rundet sich alles zu einem Ganzen. Seiner Ästhetik zugrunde liegt eine Allmachtsfantasie, eine Anmaßung, die der Titel auf den Begriff bringt. Hier soll für alle gesprochen und nichts ausgelassen werden. Der Film erhebt Anspruch auf Repräsentanz. Fünf Freunde, die für alle stehen. Noch die letzten Skrupel, die in Wissenschaft und Kultur hinsichtlich der Erklärbar- und Darstellbarkeit des Zivilisationsbruchs empfunden wurden, sind hier vom Tisch gewischt. Ein gigantisches Potpourri von Motiven, die wir aus allen möglichen Filmen zum Nationalsozialismus kennen, werden zusammengefügt zum Porträt einer Generation, das so leicht verständlich, so spannend konsumierbar ist wie ein Film über jede andere Generation davor oder danach, nur eben viel knalliger.

So kennen wir die selbstbewusste Sängerin Greta und ihr Liebesleben zwischen Täter und Opfer aus Faßbinders Film „Lili Marleen“, wir kennen den Typus des Leutnants mit Bildung und moralischen Skrupeln (es sind immer die mutigsten) aus einer ganzen Tradition von Kriegsfilmen, wir kennen die tragisch umflorten Befehlshaber, die den Untergang längst ahnen, und wir kennen die stumpfsinnigen Sadisten und die Bluträusche der Suchttypen. In der mehr als siebzigjährigen Geschichte der Zweite-Weltkriegsfilme führt diese Typologie längst ein Eigenleben. Sie hat eine Parallelwelt mit eigenen Evolutionsgesetzen gebildet. Die Erinnerungen können damit längst nicht mehr konkurrieren. Die Hoffnung, ausgerechnet nach diesem Film könnten die Generationen noch einmal ins Gespräch kommen, ist deshalb trügerisch. Natürlich stimmt es, dass es derart gekonnte Kriegsszenen im deutschen Fernsehen selten zuvor gegeben hat, natürlich stimmt es, dass hier vieles sogar mit Spielbergs „Saving Private Ryan“ verglichen werden kann – aber sagt das wirklich etwas über die „Wahrhaftigkeit“ der ZDF-Produktion aus, die ihr viele Kollegen euphorisch attestieren?

Der effektstarke, aber naive Realismus des Films hinterlässt einen Kater wie nach einem Rausch. Tricks wie das tierhafte Aufbrüllen eines Geschosses aus dem Off, das von eine Szene in die nächste geleitet, sind pure Übertölpelung. Man kann das Schmieröl der Dramaturgie geradezu riechen, das die Figuren gängig macht. Ursprünglich sollte Viktor nach Amerika flüchten, erzählt Produzent Hofmann im Spiegel. Aber das sei erstens für die Produktion zu teuer und zweitens dramaturgisch nicht richtig gewesen. „Es wäre eine zu simple Überlebensgeschichte geworden.“ Lieber noch eine Schikane einbauen, wie beim Hindernisrennen. Nach jeweils eineinhalb Stunden ist zum Glück Gefechtspause im Kampf der Bilder mit der Erinnerung.

Unsere Mütter, unsere Väter, dritter und letzter Teil, 20.15 Uhr, ZDF

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