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ZDF-Dorfkrimi Der Fremde und das Böse

Der ZDF-Film „Das dunkle Nest“ mit Christian Berkel als Dorfpfarrer hat sich vieles gleichzeitig vorgenommen - und bleibt dabei komplett überraschungsfrei.

28.11.2011 20:35
Klaudia Wick
Pfarrer Rheinberg (Christian Berkel) ist erschüttert, was er da hören muss. Foto: dpa/Caro von Saurma

Dorfkrimis sind zu einer Spezialität des ZDF-Fernsehspiels geworden. Vielleicht ist das eine strategisch wichtige Abgrenzung zum „Tatort“-Sonntag der ARD, der seine Täter ja vorzugsweise im Dickicht der Großstadt sucht. Im ZDF-Dorfkrimi lebt das Verbrechen ein anderes, beschaulicheres, und damit noch viel gemeineres Leben: Es verbirgt sich quasi per definitionem „unter uns“ – im Dorfkrug, im Rathaus, im Pfarramt, im Lehrerzimmer, im Schützenverein. Und natürlich können sich weder der Kneipenwirt noch der Bürgermeister, weder der Priester noch der Schuldirektor vorstellen, dass „hier bei uns so etwas passiert“. Das Böse muss von einem Fremden eingeschleppt worden sein, tönen die Dörfler. Aber je lauter sie schreien, desto sicherer weiß der Zuschauer, dass gerade diese Annahme nicht stimmen wird.

Diesem verlässlichen Erzählprinzip ist auch „Das dunkle Nest“ verpflichtet. Auch wenn sich der Jesuitenpriester Gabriel Reinberg in dem bayerischen Nest ganz gut eingelebt hat, ist der Gemeindepfarrer doch auch nach fünf Jahren noch der Zugereiste, der früher als Gefängnisseelsorger und Gutachter für Sexualstraftäter ein ganz anderes, eben städtisch-schmuddeliges Leben geführt hat. Als die zwölfjährige Tochter des Sägewerkbesitzers im Wald tot aufgefunden wird, richten sich reflexartig die Verdächtigungen gegen den Fremden, der zudem ein besonders persönliches Verhältnis zu dieser Ministrantin hatte. Noch schlimmer wiegt freilich, dass der Priester von der Kanzel predigt: „Meine Tür steht immer offen“. Was sagen will: Aus beruflicher Erfahrung weiß ich, dass es höchstwahrscheinlich einer von euch war. So dauert es nicht lange, bis der Dorfmob sich die Definitionsmacht über Freund und Feind zurückerkämpft und Pfarrer Gabriel des Missbrauchs bezichtigt. Jemand schmiert „Kinderficker“ auf das Pfarrauto, die Kirche bleibt am nächsten Sonntag leer.

Überraschungsfreie Fernsehdramaturgie

Drehbuchautor Andreas Dirr hat sich etliches gleichzeitig vorgenommen. Es soll sowohl die viel diskutierte zweite Chance für aktenkundige Sexualstraftäter erörtert als auch die charismatische Versuchung gezeigt werden, denen zölibatär lebende Priester in ihren Gemeinden tagtäglich ausgesetzt sind. Beide Gedankenspiele finden in den ermittelnden Kommissaren einen Fürsprecher und bei der Tätersuche reichlich Nahrung: Pfarrer Gabriel hat in seinem früheren Leben einen Kinderschänder als geheilt begutachtet und sich, wie in der Exposition offenbar wird, dabei schrecklich geirrt. Der Vater des toten Mädchens hat in seiner Jugend ein Mädchen vergewaltigt. Aber macht ihn das gleich zum Mörder seines eigenen Kindes?

Man muss der Regisseurin Christine Hartmann und ihrem hochkarätig besetzten Ensemble auf Knien danken, dass sie den Stoff von „Das dunkle Nest“ nicht so schwarz-weiß umgesetzt haben wie das Drehbuch geschrieben ist. Vor allem die feinen Nuancen im Spiel von Christian Berkel als Pfarrer Gabriel und Petra Schmidt-Schaller als seine Haushälterin und Mutter des toten Kindes haben diesen Film vor der endgültigen Versimpelung bewahrt. Das allein reicht freilich nicht, um „Das dunkle Nest“ aus dem Mittelmaß einer komplett durchkalkulierten und damit überraschungsfreien Fernsehdramaturgie herauszuholen.

Eine solche Vorhersehbarkeit der Handlung ist das perfekte Unterhaltungsversprechen für ein Fernsehen, das sich als Begleitmedium versteht, das nicht mehr stören oder gar verstören will, und von der ersten bis letzten Minute ansehnlich aussieht. Bleibt die Frage, ob muss man für ein solches Tapetenprogramm gesellschaftsrelevante Themen verschleißen muss.

Das dunkle Nest, 20.15 Uhr, ZDF

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