Lade Inhalte...

Wolf Schneider Noch einmal davongekommen

Der Journalisten-Erzieher und Sprachkritiker Wolf Schneider veröffentlicht zum 90. Geburtstag seine Memoiren: "Hottentottenstottertrottel – Mein langes, wunderliches Leben".

Wolf Schneider legt vor seinem 90. Geburtstag seine Memoiren vor. Foto: Ullstein Bild

Ein „Sprachpapst“ ist er genannt worden, und ist doch allem Religiösen abgeneigt. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat ihm den Medienpreis für Sprachkultur verliehen. Seine furiosen Streitschriften für besseres Deutsch („Wörter machen Leute“, „Deutsch für Kenner“) wurden Bestseller. Zum „Hamburger Demosthenes“ kürte ihn „Die Zeit“, seine mehr als 300 Schüler, zu denen auch ich gehörte, bekunden gern ihre Dankbarkeit, eine Schülerin wollte sogar vor ihm niederknien. All das berichtet uns Wolf Schneider. Im Mai wird der deutsche Autor, Journalist und Ausbilder 90 Jahre alt, nun legt er im Rowohlt-Verlag seine Memoiren vor.

Es ist ein vergnügliches, lehrreiches, glänzend geschriebenes Buch über ein „langes, wunderliches Leben“, so der Untertitel, geworden; nichts anderes war zu erwarten. Schneider hat viel zu erzählen, von den Kinder- und Jugendjahren im Berlin Adolf Hitlers, dem Kriegsdienst, dem Neuanfang in München. Er schaffte es in leitende Positionen renommierter Medien, von der „Süddeutschen“ über den „Stern“ bis zur „Welt“, als deren Chefredakteur von Axel Springers Gnaden er nur 13 Monate lang amtierte. Das Bergsteigen war seine Leidenschaft, das öffentliche Sprechen ist es bis heute.

„Stottertrottel“

Denn ein „Stottertrottel“, dem das Buch seinen Titel verdankt, blieb Schneider nur sehr kurzzeitig. Stattdessen trainierte der Zehnjährige heimlich einen Zungenbrecher von 29 Silben und glänzte damit am Lagerfeuer – der Beginn einer Karriere als Schnellsprecher und wandelndes rhetorisches Feuerwerk, korrekte Konjunktive inbegriffen.

16 Jahre lang diente er als Gründungsleiter der Hamburger Journalistenschule, deren hartes Auswahlverfahren bis heute bebekannt ist. Dass die Lehranstalt bald den Spitznamen „Westpoint“ trug, nach der US-Militärakademie, war Schneiders manchmal arg forschem Ton geschuldet. Die Charakterisierung drückte aber auch Hochachtung aus: „Qualität kommt von Qual“, das praktizierte und predigte der Schulleiter seinen Zöglingen.

Der Dienst an den Lesern verlange nach lesbaren Texten, darauf lenkte er den Ehrgeiz von uns jungen Journalisten. Bei der Lektüre seiner Autobiographie stellte sich rasch wieder der Zwiespalt von Gefühlen ein, den ich damals schon empfand. Einerseits die Bewunderung für Schneiders hohe Ansprüche an sich selbst und andere; andererseits der Widerwille gegen sein dauerndes Insistieren, gegen die schneidende Bewertung anderer.

Wie damals verbreitet Schneider einen Hauch von Verachtung für alle Langsameren, rhetorisch weniger Brillanten, und pflegt eine eitle, beinahe rührende Selbstbeweihräucherung. Von Altersmilde keine Spur, die weist der Autor empört von sich.

Das Buch bestätigt, was ich als junger Journalistenschüler instinktiv wahrnahm: Da lebte einer mit dem Gefühl, „noch einmal davongekommen zu sein“ – so hatte es mein eigener Vater (Jahrgang 1921) ausgedrückt. Inzwischen hat eine ganze Anzahl von Männern und Frauen jener Jahrgänge ungeschminkt Auskunft zu geben versucht. Schneider fügt diesem Genre eindringliche Kapitel hinzu. Wie die Hitler-Begeisterung von Deutschland Besitz ergriffen hatte. Dass man über die Verfolgung und Ermordung der Juden wenig wusste, vor allem auch nichts wissen wollte. Schneiders Schilderungen schonen weder den Autor selbst noch seine Mitmenschen.

Verstörend wird dies am Ende des Buches, wenn es um die Eltern und die Geschwister des Autors geht. Schneider zufolge waren sie sämtlich Gescheiterte, unbarmherzig wird ihr Versagen aufgeblättert. Das gipfelt in einem Absatz: „Einen Bruder hatte ich auch. Als er 16 war, stach er sich einen Dolch ins Herz. Ich, 8 Jahre alt, war es, der ihn fand. Nach seinen Motiven geforscht habe ich nicht. Ob die Eltern sie kannten oder ahnten, weiß ich nicht.“

Das ist alles. Das ist alles? Da hat den Autor die Neugierde im Stich gelassen. Oder es überwog die Angst, den Familiengenen auf den Grund zu gehen. Das macht Wolf Schneider menschlich, wenn auch nicht unbedingt sympathisch.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen