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Wikipedia „Deine Mitarbeit ist unerwünscht“

Der Umgangston unter Wikipedia-Autoren steckt oft voller Aggressionen und Beleidigungen. Die Anonymität fördert das, aber auch die Undurchsichtigkeit.

12.07.2016 16:13
Lars Lehmann
Statt gepflegter Debattenkultur im Netz begegnet Wikipedia-Einsteigern eine schattige, kaum durchschaubare Struktur, in der erratisch entschieden und verbal danebengegriffen wird. Foto: rtr

Was für ein Wort: Enzyklopädie. Es kommt so gravitätisch und gelehrt daher, so allwissend und umfassend. Und verweist sogleich auf versunkene Zeiten und kostbare Folianten, etwa auf die Enzyklopädien, die sich von 1620 an mit Francis Bacon verbinden und seit 1751 mit Denis Diderot, bald danach mit der Encyclopædia Britannica und viel später mit dem Brockhaus. Der erlebte 21 Auflagen, doch seit 2014 gibt es ihn nicht mehr auf Papier.

Mit einer Enzyklopädie verband sich das Streben, Wissen breit, fundiert und systematisch zu erfassen und es zu überliefern. Doch dann dieser Kontrast aus unserer Zeit: Wikipedia, nach eigenen Worten die „freie Enzyklopädie“. Verfügbar per Internet in nahezu allen Ländern der Erde und 300 Sprachen. Jedermann kann jeden Artikel (es gibt allein auf Deutsch zwei Millionen) ändern, so wie jeder ihn lesen kann, sogar gratis. Ein immenses Werk, aufgebaut seit 2001, das die Eigenschaft „frei“ gern betont.

Ja, Wikipedia entsteht in freiwilliger Arbeit, ist frei von Verlagen und jeglichem Redaktionsschluss. Aber frei auch von den realen Namen derer, die mitmachen; Pseudonyme sind die Regel. Das hat Folgen. Einen Klarnamen aufzudecken, gilt als schwerer Verstoß – dennoch kommt es vor.

Nützlich sind die Artikel für alle, die etwas wissen möchten. Groß ist die Chance, unterrichtet zu werden. Ob über Plagiatsaffären, die Frankfurter Rundschau, die höchsten Anden-Gipfel, eine Liste von Science-Fiction-Romanen, den Wirkstoff Diclofenac, die Alvaro-Bucht in der Antarktis oder die Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf mit derzeit 89 Einzelnachweisen – Aufklärung steht parat.

Wer dabei mitwirkt, erfährt als „Wikiquette“ dies: „Greife niemanden persönlich an! Diskutiere bitte sachlich und freundlich! Gehe von guten Absichten aus! Bitte beachte die Diskussionsregeln und die Hilfen zu Diskussionsseiten!“ Das macht klar, was Wikipedia prägt: Man duzt sich, auch wenn man sich nicht kennt. Und es gibt Richtlinien ebenso wie Hilfen. Gut so, doch das führt zu weiteren Problemen.

Das Reglement ist so gewachsen, dass nur noch Spezialisten durchblicken – und es gern nach ihren Interessen auslegen. Da geht es um Grundzüge etwa beim Umgang mit Zitaten und Bildern, um Relevanzkriterien, neutrale Standpunkte, Namenskonventionen und mehr. Und darum: WWNI – was Wikipedia nicht ist: kein Ratgeber etwa, kein Fotoalbum, kein Reiseführer, keine Gerüchteküche, kein Vereinsverzeichnis.

In dem Beitrag „Auf den Hund gekommen“ (FR vom 11. April) hat der Politologe Peter Grottian klar die Mängel großer Bewegungen à la Greenpeace, Campact und Attac benannt, vor allem deren fehlende Transparenz. Da wäre auch Wikipedia zu erwähnen; hier sind die Defizite öffentlich noch weniger bekannt. Wer dort nicht nur einzelne Artikel liest, sondern nach nur einem Klick auch die Versionsgeschichten und Diskussionen, bemerkt dies: Da geht es oft gar nicht enzyklopädisch und gesittet zu, sondern sehr rau und ruppig, unkollegial, aggressiv, destruktiv und beleidigend. Fachkompetenz spielt dabei kaum eine Rolle. Über Wikipedias Pro und Contra informiert unter de.wiki-watch.de ein interdisziplinär angelegtes Forum an der Europa-Universität Frankfurt (Oder). Tätig ist hier der Medienrechtler Johannes Weberling mit einem engagierten Stab, der sich um mehr Transparenz bemüht. Über Mangel an Arbeit und kritischen Beiträgen kann er nicht klagen.

Schon 2006 bemerkte der Informatiker Jaron Lanier (2014 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels) zum Umgang bei Wikipedia: „Menschen sind gemein zueinander. Diese Konflikte sind übel, hässlich und haben nichts mit zivilisiertem Umgang zu tun. Nicht ohne Grund heißen sie Edit-Wars, also ‚Bearbeitungs-Kriege‘.“ Das liest sich dann so: „Du hast hier nichts zu suchen“, „Deine Mitarbeit ist unerwünscht“, „Du Rüpel“, „Du willst doch nur provozieren“. Wem ein Eintrag missfällt, kann eine VM starten, eine Vandalismusmeldung. Die wird dem anderen zugestellt, natürlich anonym.

Generell treten hier nicht nur aufgeklärte und gut formulierende User auf, sondern auch kompromissunfähige Besserwisser, geübt im Kampf um das letzte Wort. Im Schutz der Anonymität rechnet Vulgäres zu ihrem Standardvokabular. So schreibt einer ganz offen: „Natürlich kann man auf meiner Ausdrucksweise herumreiten, aber das ist schon die ,Soft-Version‘, da ich mich geändert habe und Fluchen wie Fäkalsprache vermeide.“

Zu lesen ist ebenso: „Genau wie beim letzten Editwar fühle ich mich verscheißert, wenn Sanktionen nur in meine Richtung ausgesprochen werden.“ Jemand räumt ein: „Leider hat die unangemessene Diskussionskultur sehr viele Autoren verprellt.“ Ein anderer bittet – das geschieht selten – um Nachsicht: „Ich entschuldige mich ganz ,offiziell‘ für meine verbalen Entgleisungen sowie Irrtümer.“

Dass anonymes Auftreten oft mit Aggression verknüpft ist, weiß man. In seinem Beitrag „Du nutzloses Stück Dreck!“ („Psychologie heute“, Heft 6/2016) geht Jochen Metzger dem für Twitter und Facebook nach. Wikipedia erwähnt er nicht. „Die anonymen Posts enthalten mehr Provokationen, mehr Beleidigungen, mehr unzivilisiertes Verhalten“, schreibt er. Da werden manche „Teil eines wütenden Mobs“. Um dessen möglichem Furor auszuweichen, kommt es just mit diesem Artikel zu etwas Paradoxem: Er beklagt verdeckte Praktiken, erscheint aber unter Pseudonym.

Woher rühren all die Aggressionen? Weil mit rund 85 Prozent wesentlich mehr Männer als Frauen dabei sind und nicht nur wie Polizisten, sondern wie Scharfrichter und Despoten auftreten, auch wenn sie außerhalb von Wikipedia wohl noch nie Artikel geschrieben haben? Das ist schwer zu belegen. Hier aber werden ihre Beiträge sozusagen zu ihrem Hoheitsgebiet; andere haben fernzubleiben. Wie tröstlich, dass andere User fehlerhafte Bearbeitungen gut belegt und ohne Hetze geraderücken.

Auch wenn die zahlreichen Regeln zunächst ganz vernünftig erscheinen, ist es undurchschaubar, wer bei Streitfragen was zu sagen hat. Auch die dafür maßgebenden Instanzen bleiben lieber anonym, selbst dann, wenn sie Strafen verhängen. Das können ein paar Stunden sein, es gibt aber auch lebenslängliche Sperren. Für Urteile genügen oft Stichworte wie „unsinnige Bearbeitungen“, „Zerstörungswut“, „geh bitte draußen spielen“. Ein Widerspruch hat kaum Erfolgschancen.

Dazu kommt dies: Wikipedia setzt auf Dutzende von Kürzeln à la AW (Antwort), DAU (dümmster anzunehmender User), SLA (Schnelllöschantrag), PA (persönlicher Angriff) und UöD (unvorstellbar öde Diskussion). Man muss viele kennen, um mitzuhalten. So ist es auch mit Begriffen wie Jungfischbecken, Lemmakaperung, Missbrauchsfilter, Poplar Bluff, Assoziationsblaster und Diskutierfeudel. Dieser Netzjargon will sich gegenüber Unkundigen abgrenzen und imponieren. Das widerspricht frühen Wikipedia-Idealen. Diese Sprache ist nicht nur weit weg von demokratischen Prinzipien, von Partnerschaft und Transparenz, sondern trägt totalitäre Züge. Ist es nicht bedenklich, wenn sich Tausende von Zuträgern einem Code unterwerfen, der ihnen allen einmal neu war? Sie sagen nicht gern „ich habe keine Lust“, sondern „kB“ („kein Bock“). Und RTFM bedeutet „read the fucking manual“, also „Lies das verdammte Handbuch“. Für Neulinge ist das unverständlich und abstoßend. Es führt zu „sozialer Exklusion“, wie der Sozialforscher Christian Stegbauer zu Wikipedia bemerkte.

Kritik an Wikipedia ist nicht neu. Ein eigener Artikel weist darauf hin, dass Kritiker seit Gründung der Online-Enzyklopädie im Jahr 2001 Wikipedia immer wieder die Zitierfähigkeit absprachen. Ausdrücklich wird erwähnt, dass „die meisten Kritikpunkte im Wesentlichen in den Anfangsjahren von Wikipedia etwa bis 2008 vorgebracht (wurden). Spätere Untersuchungen, die sich auf die weiter entwickelte Wikipedia beziehen, belegen, dass sich diese Kritik keineswegs erledigt hat, sie aber einer problembewussten Nutzung von Wikipedia als Informationsquelle nicht entgegensteht.“ Der umfangreiche Artikel geht des Weiteren auf Themen wie zweifelhafte Quellenlage, bezahltes Schreiben und Machtmissbrauch ein. Wikipedia geht also mit Kritik offen um. Doch zur „mangelnden Diskussionskultur“ finden sich nur vier Sätze. Der einzig einschlägige sagt: „Kritisiert wird auch der nicht selten sehr raue und unfreundliche Ton bei Meinungsunterschieden.“

So war auch der SZ-Auslandskorrespondent Thomas Urban aktiv dabei – und hat sich enttäuscht abgewandt. In der SZ vom 16. Dezember 2015 hält er fest, dass „das Regelwerk abschreckend kompliziert“ sei. Den Grundton bei Diskussionen findet er „gereizt“, Freundlichkeit ist „eher die Ausnahme“. Er hat mitbekommen, dass die eifrigen „Power-User neue Autoren oft als Eindringlinge in ihre Welt betrachten“. Urban stört auch, dass die gewählten Administratoren, die Konflikte beilegen sollen und User sperren können, „gleichzeitig Untersuchungsführer, Ankläger und Richter sind“.

Wie einfach muss es einmal gewesen sein, an einer der ehrwürdigen, aber gewiss auch konfliktträchtigen Enzyklopädien mitzuwirken.

* Auch unser Autor hat für seinen Text ein Pseudonym gewählt. Er hat bei Wikipedia knapp sieben Jahre mitgearbeitet.

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