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WAZ-Verkauf Der reiche Hippie

Beim Verkauf der WAZ-Anteile spielt der enterbte Sohn der Eignerfamilie Brost eine wichtige Rolle

19.01.2012 20:48
Ulrike Simon
Es heißt, Martin Brost, Sohn des WAZ-Mitgründers Erich Brost, kenne weder Stress noch Hektik. Foto: dl walchensee

Das Foto zeigt einen schmalen Mann mit Brille und weißem Haarbogen um die leicht gebräunte Halbglatze. Er trägt Anzug, darunter ein dunkelbraunes Poloshirt. Seine Gesichtszüge sind weich, er lächelt. Er müsste die 60 bereits überschritten haben, doch das Leben hat sich nicht in sein Gesicht geschrieben. Womöglich stimmt, was über ihn kursiert: Martin Brost kenne weder Stress noch Hektik.

In diesen Tagen hat Petra Grotkamp einen Termin bei ihrer Bank, die ihr 200 Millionen Euro Kredit gewähren soll. Klappt alles, könnte sie am Freitag, am 85. Geburtstag ihres Mannes Günther, Mehrheitsgesellschafterin der WAZ-Gruppe sein. Das Projekt firmiert unter dem Namen Spider. Es passt zu dem Zeitungskonzern, der Krake genannt wurde, weil er Konkurrenten so lange umschlang, bis er sie sich einverleibt hatte.

Bis heute Hausverbot

Längst ist die WAZ-Gruppe einer der größten deutschen Zeitungskonzerne, der 2011 bei 1,1 Milliarden Euro Umsatz wieder einen operativen Gewinn von 110 Millionen erwirtschaftet hat. Zu ihr gehören fünf Zeitungen in Nordrhein-Westfalen, weitere in Braunschweig und Thüringen, Anzeigenblätter und Dutzende Zeitschriftentitel, von Gong über die aktuelle bis zum Goldenen Blatt. Den Grundstein legten der Sozialdemokrat Erich Brost und der Konservative Jakob Funke 1948, als sie von den Briten die Lizenz für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) erhielten. Petra Grotkamp ist eine von mehreren Funke-Töchtern, Martin Brost ist der einzige leibliche Sohn von Erich Brost.

Die Vater-Sohn-Beziehung endete Anfang der Siebzigerjahre. Martin arbeitete zu diesem Zeitpunkt längst im Konzern, musste dann aber auf sein Erbe verzichten und wurde ausbezahlt. Er soll nach einer Indien-Reise in Hippie-Kluft auf Gesellschaftersitzungen aufgetaucht sein und über alternative Lebensformen philosophiert haben. Mancher bescheinigte ihm einen Spleen, er galt als wenig zielstrebig. Nachdem er sich schließlich negativ über den vom Vater berufenen Geschäftsführer Erich Schumann geäußert hatte, war es vorbei. Erich Brost verstieß seinen Sohn und adoptierte später Schumann. Bis heute hat Martin Brost bei der WAZ-Gruppe Hausverbot. So verfügte es der 1995 gestorbene Vater im Testament und setzte als Erben Martins Kinder, Bernhard, Hannah und Theresa ein.

Die drei wollen nun verkaufen. Der Preis wird mal mit 470, mal mit 500 Millionen Euro angegeben. Als Käuferin steht Petra Grotkamp parat, die damit 66,67 Prozent der WAZ-Anteile besäße. Gegen die Familien ihrer Schwestern könnte sie trotzdem keine Entscheidungen treffen, wohl aber, wenn sie nur eine der beiden auf ihre Seite zieht. Eine verheißungsvolle Aussicht, wäre da nicht die Finanzierungslücke in zweistelliger Millionenhöhe. Die Verhandlungen mit der Bank gestalteten sich schwierig. Haus und (Reiter-)Hof war sie nicht bereit zu verpfänden. Sicherheiten hat sie nicht viele. Also wandte sie sich an Martin Brost – ausgerechnet.

Über ihn ist wenig bekannt. Mit ihm zu sprechen, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Er sei „derzeit leider nicht verfügbar“, sagt seine Assistentin. Der Versuch per Mail scheitert ebenso. Martin Brost wolle beibehalten, der Öffentlichkeit fern zu bleiben, sagt die Assistentin freundlich, aber bestimmt. Doch auch Martin Brost hinterlässt Spuren: in Archiven, im Netz und in der Erinnerung derer, die ihn kennengelernt haben.

Sicher ist: Das Geld, um Petra Grotkamp zu helfen und seinen drei Kindern den vollen Kaufpreis für die Hälfte an der WAZ-Gruppe zufließen zu lassen, hat er. Schon sein Ausscheiden und der Erbverzicht bescherte ihm ein Vermögen. Hinzu kam der Erlös für seine Anteile am Otto-Versand, die er 1987 bekam. Als die WAZ 2008 dort ausgestiegen ist, verkaufte auch er – und erhielt dafür eine halbe Milliarde Euro.

Seine Lebenseinstellung, die sich in seinem Interesse für buddhistische Zen-Meditation und ökologisches Gärtnern oder in seinen Reisen durch Asien oder Südamerika spiegeln, verbindet er längst mit dem Einsatz seines Vermögens. Als Kaufmann, als der er sich bezeichnet, kümmert er sich, ganz in der Nähe der Münchner Theresienwiese, um seine Firma btv Beteiligungsverwaltung und sitzt im Beirat von BonVenture, einer gemeinnützigen GmbH, die Organisationen und Unternehmen, die soziale und ökologische Geschäftszwecke verfolgen, Startkapital zur Verfügung stellt. Einer, der ihn kennt, sagt, Rendite sei nicht sein oberstes Ziel, doch die Kalkulationen seien ordentlich, er achte darauf, Verluste zu vermeiden. Was Brost umtreibt, sagte er 2006 bei einem Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin: Er sei ein „Vertreter einer der wohlhabenden Familien in Deutschland, die angesichts wachsender sozialer und ökologischer Probleme und zunehmender Defizite der öffentlichen Hand ihre gesellschaftliche Verantwortung im Sinne einer Sozialverpflichtung von Eigentum wahrnehmen“.

Ein Beispiel findet sich in seiner selbst gewählten Heimat Oberbayern. Unter jenem Foto, von dem eingangs die Rede war, steht der Satz: „Wir sind dankbar, am wunderschönen Walchensee leben zu dürfen und möchten durch unser Engagement unsere Dankbarkeit zeigen.“ Die Zeitung Tölzer Bote wiederum schreibt über einen „großzügigen Sponsor“, der „nicht im Vordergrund stehen möchte“. Gemeint ist jener, der hinter der gemeinnützigen GmbH Dorfleben Walchensee steckt und 2009 die Dorfschule an jenem Alpensee, der zu den tiefsten, größten und unberührten zählt, vor der Schließung bewahrte. Geschäftsführer der GmbH ist Martin Brost. Sie kümmert sich nicht nur um die Nachmittagsbetreuung der in kleinen Gruppen mit musischem Schwerpunkt erzogenen Schüler und stellt die Schulkantine mit ihrem Bio-Essen auch Senioren zur Verfügung, sondern hat auch den dorfeigenen Kindergarten und die Vereine eingebunden. Das alles folgt dem Ideal einer generationsübergreifenden, harmonisch miteinander lebenden Dorfgemeinschaft. Es ist so etwas wie das Gegenteil der WAZ-Gruppe.

Herzlich zerstritten

Denn auch ohne die Brosts werden die Funkes wie in der Vergangenheit genügend Anlässe zum Streit untereinander finden. Mehr als bisher wird die verschuldete Petra Grotkamp aber an Gewinnausschüttungen interessiert sein. Auch deshalb gilt es, die Entwicklung des Konzerns wieder in Gang zu bringen. Die verschachtelte Struktur soll einer Holding mit mehreren Kapitalgesellschaften weichen, bei der die Führungsriege, angeleitet vom geschickt pokernden Christian Nienhaus, mehr Verantwortung bekommt. Wachstum tut not. Die nächste Funke-Generation steht schon in den Startlöchern.

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