Lade Inhalte...

Verleger Jakob Augstein Walser ist wahrer Vater von Augstein-Sohn

Die Enthüllung in Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung, dass der Journalist Jakob Augstein der leibliche Sohn von Martin Walser ist, findet ein großes Echo. Augsteins Mutter allerdings ist nicht amüsiert.

27.11.2009 00:11
Ulrike Simon
Martin Walser (r.), Jakob Augstein Foto: dpa

Die Enthüllung, dass Jakob Augstein, Journalist und Verleger der Wochenzeitung "Der Freitag", der leibliche Sohn des Schriftstellers Martin Walser ist, hat in der deutschen Kultur- und Medienszene Überraschung und ein großes Medienecho hervorgerufen. "In der Szene ist das eine Sensation", schrieb die Süddeutsche Zeitung über die Nachricht, dass Spiegel-Gründer Rudolf Augstein der gesetzliche, aber nicht der leibliche Vater des 42-Jährigen ist. Bild bezeichnete die Neuigkeit als "die Sensation in der Kulturszene, eine Familiengeschichte, wie sie Autoren lieben".

Bis zum Erscheinen der Donnerstag-Ausgabe von Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau war die Tatsache, dass Walser der leibliche Vater von Jakob Augstein ist, nur wenigen Brancheninsidern, Angehörigen und Vertrauten der Familien bekannt. Bei Jakobs Mutter Maria Carlsson stieß das Bekenntnis auf Unverständnis: Der Bild-Zeitung sagte die 70-Jährige: "Ich finde, Jakob hat sich keinen Gefallen getan. Die Beteiligten haben bisher den Mund gehalten. Jetzt hat er es herausposaunt." Dabei räumte sie ein, wie spät Jakob von seiner wahren Herkunft erfuhr: "Jakob hat nach einem Treffen mit Martin Walser eine gewisse Ähnlichkeit festgestellt und da hat er mich gefragt. Aber das war nach dem Tod von Rudolf Augstein." Der Spiegel-Gründer starb im November 2002. Zu diesem Zeitpunkt war Jakob Augstein 35 Jahre alt - und selbst schon Vater. Bild zitiert die dritte Ehefrau Rudolf Augsteins: "Bisher war Jakob immer der Sohn des großen "Spiegel"-Verlegers - und jetzt?"

"Ja, Jakob Augstein ist mein Sohn"

Dagegen sagte Martin Walser, 82, am Freitag zur Illustrierten Bunte: "Ja, Jakob Augstein ist mein Sohn. Er ist wunderbar. Es war sein gutes Recht, sich zu outen." Er habe ihn "sehr, sehr gern". Schon lange sei "Jakob in unserer Familie angekommen. Meine Töchter mögen ihn, es ist ein glänzendes, liebenswürdiges Verhältnis. Jakob besucht uns seit Jahr und Tag." Walser hat vier Töchter zwischen 42 und 57 Jahren. Auch sie sind im Literaturbetrieb tätig.

Mit dem Wissen um die wahre Vaterschaft lesen sich Bücher über Rudolf Augstein nun mit einem anderen Verständnis. "Für feste Beziehungen ungeeignet" heißt ein Kapitel in Peter Merseburgers 2007 erschienenen Biografie. Darin beschreibt er, wie sich Rudolf Augstein und Maria Carlsson, die renommierte Übersetzerin (vor allem von John Updikes Werk) in München kennen lernten. Sie sei die Geliebte, später die Frau eines Feuilleton-Journalisten der Süddeutschen Zeitung gewesen. Augstein habe sich mit dem Paar regelmäßig getroffen, ihr von Hamburg aus Rosensträuße geschickt und um sie geworben. Die große, brünette, schlanke Frau habe ihn "mit einer unwiderstehlichen Mischung aus Intellektualität und Sensualität" beeindruckt: "Marias außergewöhnliche Schönheit schmückt ihn, ihre musischen und literarischen Interessen erschließen ihm, dessen erste 15 Spiegel-Jahre überwiegend von Politik und Zeitgeschichte bestimmt waren, eine neue Dimension. () Sie macht Augstein mit Schriftstellern wie Martin Walser, Friedrich Dürrenmatt oder Heinrich Böll bekannt, sie schleppt ihn ins Theater und vermittelt ihm, der sich dank gründlicher Gymnasialbildung vor allem in den Werken der Klassiker auskennt und meist historische Bücher liest, Einblick in die moderne westliche Literatur."

Ehe mit Carlsson rationaler Akt

Lebensphasen, die von einer einzigen Frau bestimmt waren, habe es für Augstein nicht gegeben, schreibt Merseburger. So war er noch mit der drei Jahre älteren Journalistin Katharina Luthardt verheiratet, als 1964 die mit Maria Carlsson gezeugte Tochter Franziska zur Welt kommt. Später heiraten die beiden, doch die kurze Ehe sei ein rationaler Akt gewesen, schreibt Merseburger: "Das ist eiskalt und doch höchst anständig, juristisch sogar fürsorglich gedacht, denn die Formalie schafft - und mehr soll sie nicht - "geordnete Verhältnisse" mit Rechtsansprüchen für Maria und Sicherheit, auch in der Erbfolge, für die Kinder.

Trotz Trennung fuhr Rudolf Augstein mit Maria, Franziska und Jakob in den gemeinsamen Urlaub nach Sardinien oder St. Tropez: Dabei hätten die Kinder zu spüren bekommen, "welch tiefe Risse die heile Welt durchziehen, die ihnen hier, auf einige Wochen befristet, vorgespielt wurde". In Hamburg sei es immer wieder zu Auseinandersetzungen über sein Besuchsrecht gekommen. Beide hätten über ein großes "Destruktionspotential" verfügt, wobei die Mutter den Kindern "viele Vorurteile gegen Rudolf Augstein" eingeimpft hätten. "Sie wachsen als typische Scheidungskinder auf", schreibt Merseburger. Und doch konnte sich Jakob Augstein als Rudolfs Lieblingskind fühlen. Er nahm ihn seit Mitte der 90er Jahre in die Gesellschafter-Versammlung des Spiegels mit. Heute ist Jakob alleinvertretungsberechtigter Sprecher der Erbengemeinschaft, die - so schreibt es Rudolf Augsteins Testament vor - beim Spiegel praktisch kein Mitbestimmungsrecht besitzt.

Augsteins dritte Ehefrau und Mutter von Jakob Augstein sagte am Donnerstag zu Bild: "Ich habe Rudolf nicht betrogen. Er hat von Anfang an alles gewusst und war überhaupt nicht eifersüchtig". Tatsächlich waren Walser und der fünf Jahre ältere Spiegel-Gründer eng befreundet. Sie kannten sich seit 1947, verbrachten gemeinsam Urlaub in Kampen auf Sylt. In Erinnerung geblieben ist ihr gemeinsames Gespräch vom September 1998, das sie in Südfrankreich für den Spiegel geführt haben. Großartig verstanden hätten sie sich, sagte Walser am Freitag. Es habe nie Spannungen zwischen ihnen gegeben. In dem Gespräch ging es um ihre Kindheit, die Eltern und den Unterschied zwischen Erinnerung und Gedächtnis. Am Freitag schrieb sueddeutsche.de: "Walsers Sohn als Gesellschafter beim Spiegel, auch keine schlechte Pointe."

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen