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US-Serie „Mad Men“ startet Zurück in die Gegenwart

„Mad Men“ bricht in Zeiten der Political Correctness wöchentlich ein Tabu. Warum ist die US-Serie um eine New Yorker Werbeagentur in den frühen 60er-Jahren so erfolgreich?

05.10.2010 20:32
Judith Kessler
Werbeprofi Donald Draper (Jon Hamm, Mitte) steht im Zentrum – die Frauen halten sich dezent im Hintergrund. Foto: Lions Gate Television Inc. All R; zdfneo

Sie rauchen mindestens zwei Schachteln am Tag, sie trinken bereits morgens vor dem ersten Meeting Scotch, sie sind sexistisch – und extrem erfolgreich. Sie sind die „Mad Men“. So hießen in den Sechzigern die Kreativen, die in den Agenturen in der Madison („Mad.“) Avenue, New Yorks Werbehochburg, arbeiteten und so heißt auch eine der erfolgreichsten US-Serien der vergangenen Jahre. Ab heute Abend zeigt der Spartensender ZDFneo „Mad Men“ erstmals im deutschen Free- TV, eine Serie, die wie kaum eine zweite die Popkultur der letzten Jahre beeinflusst hat.

Designer wie Marc Jacobs, Miuccia Prada, John Galliano und Michael Kors ließen sich von „Mad Men“ inspirieren. So sind diesen Herbst weite, wadenlange Tellerröcke, knappe Pullover, spitze Tüten-BHs, enge Bleistiftröcke wieder Trend und damit jener Look, den die Frauen bei „Mad Men“ tragen. Die Schauspielerin Christina Hendricks, die in der Serie die Chefsekretärin Joan Holloway spielt, eine rothaarige Marilyn Monroe, wurde jüngst zur schönsten Frau der USA gewählt. Und das, obwohl die 35-Jährige mit Kleidergröße 40 mehr mit den Mannequins der Fünfziger und frühen Sechziger gemein hat, als mit den Magermodels, die derzeit auf den Laufstegen defilieren. Als in der zweiten Staffel der Serie die „Mad Men“-Hauptfigur Don Draper, Star der fiktiven Werbeagentur Sterling Cooper, aus Frank O’Haras „Meditations in an Emergency“ rezitierte, war das Buch innerhalb kurzer Zeit bei Amazon ausverkauft. Seit dem vergangenen Jahr gibt es die Hauptfiguren der Serie als Barbiepuppen zu kaufen. Fernsehsendungen wie „Sesamstraße“, „Simpsons“ und „Saturday Night Live“ parodierten „Mad Men“. Der Begriff „so Mad Men“ ist inzwischen zum geflügelten Wort geworden – für alles, das an die Ära erinnert, in der die Serie spielt. Das Wortspiel hat es auch in den deutschen Sprachraum geschafft.

Denn längst ist „Mad Men“ hierzulande Kult. Echte Fans von US-Serien warten schließlich nicht mehr auf den deutschen Sendestart, sondern kaufen sich die DVD-Box mit der englischen Originalversion, schauen – nicht ganz legal – ihre Lieblingssendungen per Livestream im Internet oder laden – noch illegaler – einzelne Folgen aus dem Netz herunter. So haben US-Qualitätsserien wie „The Wire“, „Bored to Death“ oder eben „Mad Men“ eine feste Fangemeinde, schon lange bevor sich in Deutschland überhaupt ein Sender für sie interessiert. Aber warum hat ausgerechnet „Mad Men“ so einen Erfolg?

Das liegt zum einen an der Detailverliebtheit, mit der Produzent und Autor Matthew Weiner die Sechziger wieder auferstehen lässt. Die New York Times attestierte Weiner sogar einen ausgewachsenen Sixties-Fetisch. Jedes Kissenmuster , das bei „Mad Men“ auftaucht, ist sorgfältig darauf überprüft, ob es in dieser Epoche schon entwickelt war. Weiner ließ sein Team die alten Fahrpläne der Pendlerzüge nach New York recherchieren, mit denen er etwa seine Hauptfigur Donald Draper zur Arbeit kommen lässt. Selbst die Unterwäsche ist originalgetreu: Keine Schauspielerin, die nicht Strumpfhalter und Mieder trägt. Männer zwängen sich in enggeschnittene Anzüge mit schmaler Krawatte. Was in Zeiten, in denen Frauen den Mann an ihrer Seite schon zu oft in ausgebeulten Jeans und T-Shirt gesehen haben, auch mal ganz nett ist.

Und so macht es zunächst einfach Spaß, in diese Sechziger Jahre-Ästhetik einzutauchen und damit in eine Zeit, die jungen Erwachsenen durch Fotos und wacklige Filmaufnahmen der Eltern vertraut scheint. Bis man plötzlich eine hochschwangere Frau Rotwein kippen und Kette rauchen sieht, oder einen Mann das Kind seines Freundes ohrfeigen. Es sind die Augenblicke, in denen der Spaß erst Entsetzen weicht und dann einem Gefühl der Überlegenheit.

Mit diesem Gefühl spielt Weiner, einem Gefühl, das sich beim Zuschauer unweigerlich einstellt, wenn er sieht wie sich die Helden nach drei Martinis noch hinters Steuer setzen. „Mad Men“ ist also auch die wöchentliche Selbstbestätigung, es heute besser zu wissen. Eine Selbstbestätigung, die in Zeiten der Political Correctness zugleich den Kitzel bereithält, einem Tabubruch beizuwohnen, etwa wenn fast jeder, aber auch wirklich jeder männliche Kollege der neuen Sekretärin zum Einstand einen Klaps aufs Hinterteil gibt – willkommen in der Werbebranche.

Um all diese kleinen Details zu erzählen, nimmt sich die Serie sehr viel Zeit. Die hat sie auch, weil sich US-Qualitätsserien längst von der in sich geschlossenen Episode verabschiedet haben. Manch deutsches Feuilleton feierte jüngst Qualitätsserien als die Romane des 21. Jahrhunderts. Zumindest gestattet die Erzählweise über eine Staffel hinweg tiefere Charaktere als in einem anderthalbstündigen Kinofilm.

Weiners Romanheld Draper ist eine Art Great Gatsby, vom Koreakriegsveteran zum Star der Madison Avenue aufgestiegen. Draper, optisch eine Mischung aus Cary Grant und Rock Hudson, ist mit Betty verheiratet, die an eine unterkühlte Grace Kelly erinnert. Während sich Betty mit den gemeinsamen zwei Kindern in der Vorstadtidylle langweilt, betrügt ihr Mann sie in New York reihenweise mit Sekretärinnen und kiffenden Grafikerinnen. Diese mehr oder weniger heile Welt lässt Weiner wie in einem Fortsetzungsroman Episode für Episode zerbröckeln. Mit jeder Folge muss Draper mehr darum fürchten, dass das Geheimnis um sein wahres Wesen gelüftet wird. Auch diese Entwicklung ist ein Grund, warum man immer wieder einschaltet.

Falsch liegen damit all jene Journalisten, die in Zeiten der Finanzkrise hinter dem Erfolg der Serie eine Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Zeit witterten, einer Zeit des wirtschaftlichen Booms, als das Leben überschaubarer war. Das Leben des Don Draper zeigt beispielhaft: Der Erfolg der Serie besteht eben gerade darin, dass die „Mad Men“-Welt der unseren doch ziemlich gleicht.

Denn nimmt man den ganzen Retro-Chic beiseite, ignoriert die enorme Menge an Martinis, die in der fiktiven Werbeagentur Sterling Cooper vor, während und nach der Arbeit gekippt werden, dann unterscheiden sich die Probleme der „Mad Men“ nicht so sehr von unseren Sorgen. Auch heute gibt es missgünstige Kollegen, unglückliche Ehen, und haben Frauen nicht die gleichen Aufstiegschancen wie Männer – auch wenn sie einen kollegialen Klaps auf das Hinterteil nicht mehr hinnehmen müssen.

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