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Ulla Kock am Brink Feuer und Flamme

Mit einer neuen Show kehrt die Moderatorin Ulla Kock am Brink auf den Bildschirm zurück - und mit ihr ein lange schlafendes Konzept.

29.04.2010 20:04
Peer Schader

Acht Jahre hat sich RTL Zeit gelassen, um der erfolgreichsten Gameshow der Sendergeschichte eine neue Chance zu geben: Als im September 2008 die "100.000 Euro Show" lief, sollte alles ein bisschen wie in den Neunzigerjahren sein, als die Gewinnsumme noch in D-Mark ausbezahlt wurde und bis zu zehn Millionen Zuschauer einschalteten, um Kandidaten in waghalsigen Spielen ums große Geld kämpfen zu sehen.

Nur die Moderatorin von damals stand bei der Neuauflage nicht mehr auf der Bühne, sondern zu Hause am Herd, um für Freunde zu kochen. Zwischendurch lief aus Neugier aber auch mal ein Viertelstündchen der Fernseher. "Ein bisschen Wehmut war natürlich dabei", sagt Ulla Kock am Brink. Und schaltet dann sofort in den Analysemodus: "Wir haben damals bombastische Spiele aufgefahren. Aber die reichen Jahre sind ja vorbei. So eine Show neu aufzulegen, aber nicht die Produktionsetats aufstocken zu können, ist alles andere als einfach. Ich war erleichtert, dass ich die Show nicht moderiert habe."

Ulla Kock am Brink hat sehr lange nichts moderiert. Jedenfalls keine Gameshow - das Genre, mit dem sie Mitte der Neunziger in der "100.000 Mark Show" und "Glücksritter" zu einer der erfolgreichsten Moderatorinnen des Privatfernsehens aufstieg.

Bis die ersten Flops kamen und sich die Boulevardpresse auf sie stürzte, weil sie sich in den Mann ihrer damaligen Freundin Sabine Christiansen verliebt hatte. Danach war Christiansen das traurige Opfer. Und Kock am Brink erledigt.

Die Moderationsaufträge blieben aus, Kock am Brink zog sich hinter die Kamera zurück. Vor einigen Wochen stand in den Zeitungen, dass die Beziehung, die Auslöser für den Karriereeinschnitt war, nicht gehalten hat.

Über ihr Privatleben mag die 48-Jährige heute nicht mehr reden. Gar nicht mehr. Das ist Bedingung für das Gespräch mit ihr. Sie sagt bloß: "Die Vehemenz der Geschichte hat mich damals sehr beeindruckt. Ich habe anderthalb Jahre gebraucht, bis ich das für mich geregelt hatte." Die Branche hat offensichtlich etwas länger benötigt.

Dabei gehört Kock am Brink eigentlich zu einer Generation von Moderatoren, die das Fernsehen von heute fest in ihren Händen hat, nachdem sie sich vor gut 20 Jahren im Privatfernsehen austoben durfte: Beckmann, Kerner, Raab. Den Einstieg ins Geschäft hat sie Anfang der Neunziger als freie Mitarbeiterin bei den "RTL News" geschafft, sie hat in Vertretung das Wetter moderiert und sich als Ansagerin beim Südwestfunk beworben. Weil sie eine Probeankündigung versemmelte, ist aus dem Job nichts geworden.

Also drehte Kock am Brink den Spieß um, gründete ihre eigene Casting-Agentur und besorgte fortan die Leute, die im Fernsehen auftreten sollten.

Beim Moderatoren-Casting für die RTL-Show "Verzeih mir" bat Produzent John de Mol seine Kollegin, sich selbst mal vor die Kamera zu stellen - und war überzeugt: Die macht das! Trotzdem war nach 15 Sendungen Schluss, Kock am Brink hatte keine Lust mehr, als "Seelentrösterin" betitelt zu werden.

"Die 100.000 Mark Show" war nachher ihr Durchbruch und hielt fünf Jahre, bis sie sich entschied, auszusteigen: "Ich war nicht mehr so Feuer und Flamme. Genau das verlangt diese Sendung aber." Außerdem war da das Angebot von ProSieben, eine tägliche Nachmittagssendung zu machen. Der erste große Flop. Nach 40 Ausgaben war "Die Ulla Kock am Brink Show" vorbei.

Es folgten Ausflüge ins Erste und zum ZDF, aber der Erfolg blieb aus - und dann kam der September 2001, als in New York die Türme einstürzten und wenige Tage später in Berlin die Karriere von Ulla Kock am Brink, als die Bild-Zeitung über einen "schlimmen Schicksalsschlag" für Sabine Christiansen berichtete: "Ehe kaputt. Ihre enge Freundin Ulla Kock am Brink spannte ihr den Mann aus."

Jetzt steht Kock am Brink wieder vor der Kamera und moderiert für Sat.1 die neue Freitagabendshow "Die perfekte Minute", in der Kandidaten - natürlich - um viel Geld spielen, im Gegensatz zu früher allerdings mit einfachen Haushaltsgegenständen. Sie müssen Türme aus Partyhütchen und Pizzakartons bauen, Eier mit Besen von Papptellern in Wassergläser schubsen oder mit Badematten einmal um die Bühne rutschen, jeweils in einer Minute.

Wer die Nerven bewahrt, kann mit einer Viertelmillion nach Hause gehen. Das klingt furchtbar einfach, ist aber hochspannend, weil manche Kandidaten in der allerletzten Sekunde das scheinbar Unmögliche schaffen. Das Konzept kommt aus dem Ausland, aber die Show sieht aus, als sei sie für Kock am Brink erfunden worden. Sie tröstet, feuert an, macht Scherze und man sieht ihr an, dass sie das alles nicht spielt. So wie sie fiebert im deutschen Fernsehen sonst keiner mit.

Das ist einerseits sehr, sehr toll. Und andererseits ein Problem, weil Kock am Brink das sehr genau weiß. "Ich glaube, ich kann in relativ kurzer Zeit Vertrauen schaffen, indem ich mich kümmere, die Kandidaten ernst nehme und eine gewisse Normalität ausstrahle", sagt sie. Und: "Ich liebe Emotionen. Ich hab auch keine Angst vor Gefühlen. Das ist, glaube ich, eine wichtige Voraussetzung, um solche Shows zu moderieren." Später erklärt sie: "Ich bin ein assoziativer Mensch, spontan, impulsiv und trotzdem strukturiert."

Sie ist sehr gut darin einzuschätzen, was sie alles kann. Bloß wenn es um das geht, was nicht geklappt hat, lag es nie an ihr. Wenn Sendungen kein Erfolg waren oder eingestellt wurden, war die Quote Schuld. Oder das Konzept schlecht. Bei "Glücksritter" hat sie aufgehört, weil die Redaktion Spiele erfand, die ihr zu fies schienen.

Die "Lotto Show" im Ersten? Schöne Sendung, aber zu komplizierte Regeln. Dafür, dass die "Ulla Kock am Brink Show" scheiterte, konnte sie nichts, hat ihr der Produzent versichert. Über ProSieben sagte sie damals: "Das ist halt ein Sender, der noch sein Profil sucht." Genauso wie sechs Jahre später der RBB, als der ihren Ausflug als Co-Talkerin von Jörg Thadeusz in der Sendung "Leute am Donnerstag" beendete.

Es ist merkwürdig, dass ihr gar nicht auffällt, wie unwirklich das alles klingt: eine Moderatorin, die sich jeden Erfolg selbst erarbeitet - und Niederlagen immer nur zugemutet bekommt. Daran hat sich in den Jahren, in denen Kock am Brink selten vor der Kamera stand, nicht viel verändert. Irgendwie hat sie sich über diese Zeit hinweg gerettet, ohne an Selbstüberzeugung einzubüßen.

Nur mit den Vergleichen ist sie vorsichtiger geworden. 1999, auf dem Höhepunkt ihres Gameshow-Erfolgs, hat sie auf die Frage, wo sie sich im Vergleich mit Thomas Gottschalk und Günther Jauch sehe, geantwortet: "Ich bin eine Frau, ansonsten genauso gut."

Aus heutiger Sicht klingt das anmaßend, aber vielleicht hat Kock am Brink hat damit gar nicht so Unrecht. "Wetten dass..?" ist Gottschalks größte Bühne, andere Sendungen mit ihm sind nicht ansatzweise so erfolgreich. Jauch ist am besten, wenn er bei "Wer wird Millionär?" mit seinen Kandidaten um die Wette frotzelt. Und Ulla Kock am Brink ist die Frau, die Kandidaten zur Seite steht, bevor die sich im Fernsehen den privaten Reichtum erspielen. Das ist es, was sie besonders gut kann: Feuer und Flamme.

Die perfekte Minute,Freitag, 20.15 Uhr, Sat.1

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