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TV-Verfilmung Der „nette Nazi“ Hartenstein

Am Mittwoch läuft Nico Hoffmanns neues Kriegs-Epos „Laconia“ im Ersten. Der Teamworx-Zweiteiler erzählt aus zwei Perspektiven, wie ein deutscher U-Boot-Kommandant ein britisches Boot abschoss - um die Passagiere anschließend zu retten.

02.11.2011 17:33
Klaudia Wick
Schicksalhafte Begegnung auf hoher See: U-Boot-Kapitän Hartenstein (Ken Duken) und Hilda Schmidt (Franka Potente) schauen in eine ungewisse Zukunft. Foto: ARD Degeto/SWR/Teamworx/Boris Guderjahn

Das Entsetzen ist der deutschen U-Boot-Besatzung ins Gesicht geschrieben. Der englische Tanker, den sie vor Stunden torpediert haben, ist immer noch nicht evakuiert worden. „Warum hat die denn noch niemand da runter geholt?!“, fragt der Kommandant (Jürgen Prochnow). Dann lässt er abdrehen, ohne die Ertrinkenden zu bergen. Gefangene sind nicht vorgesehen. Mit der Kamera wendet sich auch die Aufmerksamkeit des Publikums wieder der Innensicht zu: In der Offiziersmesse schweigen die Männer noch etwas hartnäckiger als sonst.

So erzählte Wolfgang Petersens Welterfolg „Das Boot“ 1981 vom Krieg: als Überlebenskampf. Der Feind hat keine Gestalt. Manchmal ist er durchs Sehrohr zu sehen, oft über die Motorengeräusche im Wasser zu hören und immer in den von Todesfurcht erstarrten Gesichtern der Soldaten zu erkennen. „Das Boot“ ist ein schonungsloser Film. Und ein erfolgreicher noch dazu. Nicht nur im ARD-Programm, sondern auch im US-Kino. Ob man diese strikte Dramaturgie heute wohl noch wagen würde?

Diesmal wagt die ARD „Laconia“. Wieder geht es um den U-Boot-Krieg der Deutschen, wieder ist der Krieg ein Überlebenskampf. So sieht es auch Kommandant Hartenstein (Ken Duken). Als der englische Truppentransporter „Laconia“ am Horizont auftaucht, macht der Korvettenkapitän kurzen Prozess. Was Hartenstein nicht weiß: Auf dem umfunktionierten Passagierdampfer befinden sich nicht nur ein paar hundert feindliche Soldaten, sondern 2.700 Menschen. Darunter 1.800 italienische, also verbündete Kriegsgefangene, und viele Frauen und Kinder, also Zivilisten. Mit dem Untergang der „Laconia“ sind auch sie zum Tode verurteilt.

Zwei Versionen

Es ist historisch überliefert, dass sich Kapitän Hartenstein nicht kriegerisch wie der „Kaleun“ aus „Das Boot“ verhielt, sondern menschlich: Ungeachtet, ob Feind oder Freund, fischte er die Menschen aus dem Wasser und nahm sie an Bord, oder versorgte sie in ihren Rettungsbooten mit Wasser, Brot und Decken. Durch sein eigenmächtiges Handeln rettete Hartenstein mehr als 2.000 Menschen das Leben. Wenn das kein Filmstoff ist.

Auf den zweiten Blick war es dann gar nicht so einfach, aus der historischen Begebenheit einen Fernsehfilm zu machen – zumal man sich vornahm, multiperspektivisch, also von der britischen „Laconia“ und dem deutschen U-Boot parallel zu erzählen. Mehrere Jahre Bucharbeit waren nötig, bis die deutsch-englische Koproduktion gedreht wurde. Der englische Autor Alan Bleasdale hatte keine Bedenken, den deutschen U-Boot-Kapitän zum Helden der Filmhandlung zu erklären.

Im Gegenteil: Der „Nice Nazi“ weckte das dramaturgische Interesse des Engländers. Die deutschen Produzenten von Teamworx wollten dagegen keinesfalls in Vergessenheit geraten lassen, das Hartenstein das Schiff erst abgeschossen und dann die Schiffbrüchigen gerettet hatte. „Die Briten brachten eine unglaubliche Sympathie für die Deutschen mit“, sagt Nico Hofmann, „aber ich bin sehr empfindlich, wenn es um falsches Heldentum geht.“

Man einigte sich darauf, zwei verschiedene Fassungen für die jeweiligen Fernsehmärkte zu entwickeln. Die britische Version „The Sinking of the Laconia“ wurde Anfang des Jahres im BBC-Programm erfolgreich ausgestrahlt: Mehr als drei Millionen Briten verfolgten zwei Abende lang die dramatische Bergungsaktion, die etwas breiter und lakonischer erzählt ist als die deutsche Version.

Intensive Filme mit vielen kleinen tragischen Geschichten

Hier wie dort wird die tragische Begegnung auf hoher See im ersten Teil zunächst von zwei Schiffen aus erzählt: Auf der „Laconia“ ist die Deutsche Hilda Schmidt (Franka Potente) mit falschen Papieren auf der Flucht vor den Nazis. Als Hilda Smith lebt sie in ständiger Angst, von den Briten enttarnt und als deutsche Spionin verhaftet zu werden. Zumal sich der Offizier Thomas Martimer (Andrewe Buchan) sehr zu der jungen Witwe und ihrem Baby hingezogen fühlt. Auf dem U-Boot dominiert eine andere Paarbeziehung: Dem „unpolitischen“ Kapitän Hartenstein (Ken Duken) wird mit Bordingenieur Rostau (Matthias Koeberlin) ein strammer Nazi gegenübergestellt, der keine Sekunde zögern würde, so zu reagieren wie der Kaleun aus Petersens „Das Boot“.

Überhaupt verschafft Uwe Jansons Regiearbeit zwei denkbar intensive Fernsehabende, in denen nicht nur Menschen sterben und Helden sich beweisen, sondern auch en passant noch viele kleine tragischen Geschichten ihren Platz finden. Dass die deutsche Fassung dabei klarer auf die Hauptfiguren fokussiert und dem Zuschauer mit ausführlichen Overvoice-Texten von Hilda und Hartenstein auch noch einen Einblick in deren inneren Gedankenwelten spendiert, war nicht nur, aber auch ein Zugeständnis an die Sehgewohnheiten des deutschen Publikums. „Ich stehe zu der emotionalen Zuspitzung in der deutschen Fassung“, betont Nico Hofmann, der beide Versionen produziert hat.

Der ARD-Zuschauer wird nun von Franka Potentes Fluchtstory in die Geschichte hineingezogen; dem Bangen um das Schicksal der Exildeutschen Hilda steht die etwas distanziertere Auffassung der Kapitänsfigur wie ein Kontrapunkt gegenüber. Die Schauspieler legen ihre Figuren interessanterweise aber genau andersherum an: Während Franka Potente oft wie entrückt wirkt, als gehe sie dieser Überlebenskampf schon lange nichts mehr an, scheint Ken Duken bei aller äußerlichen Disziplin innerlich doch zu glühen wie einst Jürgen Prochnow in „Das Boot.“ Auch „Laconia“ ist übrigens kein gefälliger Film, der einem die Geschichte möglichst leicht machen will. Der Irrsinn des Krieges bleibt ein harter Brocken. Das hat sich seit „Das Boot“ nicht geändert.

Laconia läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr in der ARD, der zweite Teil am Donnerstag.

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