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TV Der Fremde in der Ferienanlage

Erstmals komplett im deutschen Fernsehen: der Vorgänger von "Lost" und historische Serienklassiker "Nummer sechs" auf Arte. Mit von der Partie: Ilja Richter und Bernd Rumpf.

23.07.2010 21:39
Von Harald Keller

Der sommerliche Arte-Themenschwerpunkt führt in diesem Jahr zurück in die Sechzigerjahre. Es ist beileibe nicht alles gesagt über dieses turbulente Jahrzehnt, und es wurde auch noch nicht alles gezeigt.

Der Serien-Klassiker "Nummer sechs" etwa, mit der der Hauptdarsteller, Autor, Regisseur und Produzent Patrick McGoohan bereits 1967 das Feld für spätere Serien wie "Twin Peaks" und "Lost" bereitete: In der furiosen Vorspannsequenz quittiert der namenlose Titelheld voller Zorn den Dienst in einer unbekannten Londoner Behörde, fährt heim, trifft Reisevorbereitungen, wird aber durch plötzlich einströmendes Gas betäubt. Als er erwacht, scheint nichts verändert. Bis er aus dem Fenster blickt und sich in einer Art Ferienanlage wiederfindet. Bewohnt wird sie von zufriedenen Menschen, doch das Idyll täuscht: Die Ortschaft unterliegt der totalen Überwachung, Flucht scheint unmöglich. Nummer sechs wird es trotzdem wagen…

Die Serie war in Deutschland noch nie vollständig zu sehen. Arte holt das Versäumte nach, sah sich zuvor aber vor Probleme gestellt: Vier Episoden und einige Szenen mussten nachsynchronisiert werden. Eine Aufgabe mit Tücken, da die nachträglichen Arbeiten nicht auffallen sollten.

Zeitweilig wurde in der zuständigen Arte-Redaktion erwogen, es bei einer Untertitelung zu belassen. Doch dann habe man beschlossen, sagt Arte-Redakteurin Lisa Müller, "sich der Herausforderung einer Nachsynchronisation zu stellen". Zunächst galt es, geeignete Sprecher zu finden. Horst Naumann, Patrick McGoohans damalige deutsche Stimme und vielen Zuschauern bekannt als Bordarzt des ZDF-"Traumschiffs", stand für Probeaufnahmen zur Verfügung. "Unglaublich beeindruckend", sagt Lisa Müller.

Und doch: Die Stimme des 84-Jährigen hatte sich verändert. Aus dem Kreis der rührigen Fans kam ein Hinweis auf Bernd Rumpf. Und tatsächlich: Rumpf, der seine Stimme Stars wie Liam Neeson leiht und als Synchronregisseur Serien wie "Cold Case" betreut, traf in jeder Hinsicht den richtigen Ton.

Das ist nicht selbstverständlich, wie Synchronregisseur Frank Wesel erläutert. Viele heutige Sprecher beherrschen den einst gängigen Duktus nicht mehr. Für die Besetzung der geheimnisvollen "Nummer zwei", die zweite große Rolle der Serie, traf Wesel eine Wahl, die manche überraschen wird: Ilja Richter. TV-Geschichte schrieb der als quirliger Moderator im ZDF-Jugendprogramm, heute pflegt er das seriöse Fach.

Eine Herausforderung stellte auch die Aufgabe dar, die textlichen Besonderheiten der Serie zu erhalten und das Sprachniveau der Sechziger adaptieren, als Synchronautoren typische Anglizismen wie "nicht wirklich" und "wir müssen reden" wesentlich eleganter übersetzten als heute. Am Ende des Prozesses stand eine technische Bearbeitung.

Die Neuaufnahmen sollten so klingen wie 1969, als die Mikrofone eine andere Charakteristik hatten als heute. Der Ton wird somit zu den Bildern passen, denen das Herstellungsjahrzehnt anzusehen ist. Doch diese Wiederaufführung ist nicht allein unter fernsehnostalgischen Gesichtspunkten reizvoll. Alle Beteiligten betonen, wie überraschend aktuell die Serie heute noch ist.

Bernd Rumpf sieht sie als "Darstellung einer scheindemokratischen Gesellschaft, in der sich nichts bewegt, wechselnde Mehrheiten vorhanden sind, aber auch anonyme Führer, gegen die man nicht ankommt". Ihm war die Serie schon 1972 aufgefallen, als das ZDF einige Folgen in wiederholte; der Hauptdarsteller Patrick McGoohan hatte ihn beeindruckt. Obwohl die Aufgabe kurzfristig an ihn herangetragen wurde und er vor dem Urlaub stand, ist er froh, dass es geklappt hat - "weil ich das natürlich wahnsinnig gerne machen wollte".

Der Wiederaufführung gibt Rumpf gute Chancen beim Publikum. Weltweit erobert die Serie, die Interpretationen zulässt und von vielen Intellektuellen verehrt wird, ständig neue Fans, die zur Zeit der Erstausstrahlung noch gar nicht geboren waren. Auch ein 2009 mit James Caviezel und Ian McKellen produziertes zeitgenössisches US-Remake zeigt, dass die Serie nicht an Brisanz verloren hat. Die deutschen Rechte an der Neuauflage wurden vom ZDF erworben, das schon 1969 das Original nach Deutschland gebracht hatte.

Arte zeigt samstags je drei Folgen von "Nummer sechs". Ab Anfang August gibt es Wiederholungen im täglichen Vorabendprogramm.

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