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Türkei und Pressefreiheit Friedman bestätigt Beschlagnahmung

Streit über ein konfisziertes Interview: Das türkische Vorgehen empört den Sender und Michel Friedman. Der Moderator widerspricht der türkischen Regierung, die behauptet, das Videomaterial sei nicht beschlagnahmt worden.

07.09.2016 16:25
Anne Burgmer
Akif Kilic (r.) ist zu Scherzen aufgelegt, Michel Friedman schaut auf seine Fragen. Vorerst eine normale Interview-Situation. Foto: DW

Die Deutsche Welle (DW) hat im Streit über ein Interview mit dem türkischen Minister für Jugend und Sport, Akif Kilic, der Aussage der türkischen Regierung widersprochen. Diese hatte behauptet, das Videomaterial sei nicht beschlagnahmt worden. DW-Sprecher Christoph Jumpelt bezeichnete Kilics Darstellung bei Twitter, man habe den Auslandssender lediglich aufgefordert, das Interview nicht zu senden, als „schlichtweg abenteuerlich“. „Wenn das Videomaterial nicht unrechtmäßig konfisziert worden wäre, hätte die DW das Material noch und könnte die Sendung wie geplant ausstrahlen.“

Auch Moderator Michel Friedman, der für den englischsprachigen Polit-Talk „Conflict Zone“ nach Ankara gereist war, widersprach Kilic. Der Sender verfüge über keinerlei Material des Interviews. Jumpelt bestätigte dies am Mittwochnachmittag – bisher habe man die Aufzeichnungen noch nicht zurückerhalten.

Die DW hatte ursprünglich ein Gespräch mit dem türkischen Außenminister angefragt. Dieser hatte die Journalisten jedoch an Akif Kilic verwiesen. Friedman hatte laut DW in dem Gespräch mit dem Minister Fragen zum Putschversuch im Juli, zu den folgenden Verhaftungen und Entlassungen, zu Frauenrechten und der Lage der Presse gestellt.

Die Themen seien dem Ministerium zwar vorab übermittelt worden – Friedman betonte auf der DW-Homepage aber, dass seine Fragen „natürlich nicht vorher abgesprochen“ worden seien. Außerdem würden Interviews grundsätzlich nicht zur Autorisierung vorgelegt. Journalisten seien nicht dazu da, die Fragen zu stellen, die Politikern gefallen. In den 20 Jahren seiner journalistischen Berufslaufbahn habe er solch ein Vorgehen – „auch in Ländern, in denen Diktatoren eine Rolle spielen“ – noch nicht erlebt. DW-Sprecher Jumpelt betonte: „Eine Abnahme des Interviews stand vor und während der Aufzeichnung nie zur Debatte.“

Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DLV), sagte der FR, der Fall Friedman sei ein weiteres Puzzlestück, das zeige, dass es zurzeit keine Pressefreiheit in der Türkei gebe. Der Minister habe gewusst, dass „Conflict Zone“ ein konfrontatives Format und keine Regierungspressekonferenz sei. „Er darf das Interview natürlich dennoch zurückziehen und einer Ausstrahlung widersprechen, das ist grundsätzlich legitim. Aber das Sicherstellen des Materials war das Überschreiten einer Grenze“, so Überall. Es sei richtig, dass die Bundesregierung im Gespräch mit der türkischen Regierung sei, nur so könne man etwas erreichen. „Aber Pressefreiheit und Menschenrechte stehen nicht im Mittelpunkt dieser Gespräche, obwohl sie dorthin gehören.“

Ebenso wie der DJV forderte auch „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) die Regierung in Ankara auf, die Aufzeichnungen des Interviews umgehend herauszugeben. Christian Mihr, Geschäftsführer der deutschen Sektion von ROG, sprach von einer harschen Form der Zensur: „Wie die türkische Regierung sich gegenüber den Journalisten der Deutschen Welle verhalten hat, ist eines Staates, der sich selbst als Demokratie bezeichnet, in höchstem Maße unwürdig.“ Die Journalistengewerkschaft dju/Verdi warf der türkischen Regierung Willkür gegenüber Journalisten vor. Diese bekämen „auch ausländische Journalistinnen und Journalisten zu spüren“, erklärte die dju.

Auch die Bundesregierung stellte sich hinter die DW. Sie unterstützte am Mittwoch die Forderung des staatlichen Auslandssenders, die Aufnahmen wieder herauszugeben. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte: „Die Pressefreiheit ist für uns ein hohes, nicht zu verhandelndes Gut.“ Dies gelte nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland.

Wegen der Beschlagnahme des Interviews wurde der deutsche Botschafter Martin Erdmann am Mittwoch auch bei der türkischen Regierung vorstellig. Nach Angaben des Auswärtigen Amts führte er dazu ein „konstruktives“ Telefonat mit dem Büroleiter des Sportministers Akif Cagatay Kilic. Konkrete Ergebnisse wurden zunächst nicht bekannt. (mit dpa)

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