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Türkei Medien Gesperrt und dennoch erfolgreich

Die Türkei zensiert das Newsportal Özgürüz. Den Zugriffszahlen schadet das offenbar nicht.

02.02.2017 15:30
Jörg Wimalasena
Nicht ohne Protest: Die Pressefreiheit wird von der türkischen Regierung eingeschränkt. Foto: rtr

Eigentlich war das Nachrichtenportal schon offline bevor es online ging – zumindest in der Türkei. Am vergangenen Freitag war das deutsch-türkische Journalistenprojekt Özgürüz unter Leitung des ehemaligen Cumhuriyet-Chefredakteurs Can Dündar gestartet. Investigative Recherchen, Analysen und Reportagen in deutscher und türkischer Sprache wollen Dündar und sein Kollege Hayko Bagdat ihren Lesern bieten. Das Online-Magazin soll angesichts der zunehmenden Einschränkung der Pressefreiheit in der Türkei kritischen Journalisten eine Stimme geben und dabei helfen, Nachrichten öffentlich zu machen, die sonst unterdrückt werden. Eine unabhängige Alternative zu den regierungsnahen Medien. Doch noch bevor der erste Artikel online ging, war Özgürüz (Türkisch für „Wir sind frei“) aus der Türkei bereits nicht mehr zu erreichen.

Seit dem Putschversuch im Juli geht die türkische Regierung verschärft gegen Medien vor. Das Portal sei durch die türkische Behörde für Informationstechnologie (BTK) geblockt worden, hieß es am vergangenen Freitag in einer Mitteilung, die anstelle der Webseite des Mediums auf den Bildschirmen von Usern in der Türkei erschien. Dabei bezieht sich die Behörde nach eigenen Angaben auf ein Gesetz, das den Zugang zu als gefährlich eingestuften Webseiten regelt. „Dass eine Webseite, deren Inhalt noch nicht bekannt ist, verboten wird, weil sie als verdächtig eingestuft wird, ist ein weiterer Beweis dafür, wie die Gerechtigkeit in der Türkei funktioniert“, kommentierte Can Dündar die Sperrung unmittelbar danach.

Doch offenbar hat die Sperrung Özgürüz nicht geschadet. Am Mittwoch danach äußert sich Hayko Bagdat. Er habe bereits mit der Blockade durch die Regierung gerechnet, sagt der Journalist. Die Leser würden Özgürüz dennoch erreichen: „In der Türkei wissen viele, wie man die Sperren umgeht, um an echte Nachrichten zu kommen“, sagt Bagdat.

Trotz der Blockade publiziert Özgürüz also weiter und erfreut sich offenbar großer Beliebtheit. Bagdat spricht von mehreren Zehntausend Zugriffen auf die Seite, Online-Liveübertragungen hätten mehr als 300 000 Menschen erreicht. Aus der ganzen Welt seien aufmunternde Nachrichten gekommen – aber auch Drohungen. „Aber der Hass ist für uns nichts Neues“, so Bagdat.

Von Zensur und Drohungen ist die taz.gazete bisher verschont geblieben. Das Projekt der Berliner „tageszeitung“ („taz“) ähnelt dem von Özgürüz. Regierungskritische Artikel werden online in deutscher und türkischer Sprache verbreitet. Die Texte werden vorwiegend von türkischen Journalisten verfasst, die unter Präsident Recep Tayyip Erdogan nicht länger arbeiten können. Das Portal verfügt über einen Autorenpool von knapp 40 Journalisten, die meisten leben in der Türkei. Am 19. Januar ging die taz.gazete online. Sperrungen gab es bisher laut Herausgeberin Fatma Aydemir nicht. „Vielleicht weil unser Projekt kleiner ist als Özgürüz“, vermutet sie. Von Lesern aus der Türkei habe es positive Rückmeldungen gegeben. Anhänger der Regierungspartei AKP werde man mit dem Projekt aber nicht erreichen, sagt Aydemir. „Für regierungsnahe Stimmen gibt es auch schon genug Plattformen“.

Die Journalistin weiß von Rufmordkampagnen türkischer Medien zu berichten. „Es hieß, wir würden mit dem Bundesnachrichtendienst unter einer Decke stecken, würden von der Deutschen Bank Geld erhalten und versuchen, den türkischen Staat zu schädigen“, sagt Aydemir.

Özgürüz wird von dem deutschen Journalistenportal Correctiv unterstützt, die taz.gazete erhält Spenden und Unterstützung von der hauseigenen Stiftung der „taz“. Dem Vorwurf äußerer Einflussnahme auf türkische Angelegenheiten widersprechen die Redakteure beider Medien jedoch entschieden. „Dahinter kann ich nur Paranoia vermuten“ sagt Hayko Bagdat. Özgürüz müsste es nicht geben, „wenn Präsident Erdogan freie Medien in der Türkei erlauben würde“. Fatma Aydemir sagt, die Kollegen in der Türkei würden sich freuen, dass es eine Plattform für ihre Arbeit gebe. „Es gibt ihnen Hoffnung, dass es auch außerhalb der Türkei Solidarität mit ihnen gibt.“

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