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Tatort "Wir sind die Guten" Wenn sich der Bildschirm teilt

Ein Krimi, der ein harter Thriller sein will: Kommissar Batic verliert sein Gedächtnis, und der Münchner "Tatort" gerät ganz außer sich. Von Judith von Sternburg

Ivo Batic (Miroslav Nemec, re.) erkennt nicht mal seinen Kollegen Leitmayr (Udo Wachtveitl) und würgt den Fremden vorsichtshalber. Foto: Stephen Power/BR

Der neue Münchner "Tatort" schlägt deutlich über die Stränge. Kommissar Batic verliert bei einem vorerst völlig mysteriösen Vorfall das Gedächtnis. Auch verfolgt ihn ein stummer Geselle, für den sich später eine sagenhaft katholische Erklärung findet. Man sieht Batic randalieren, verzweifeln und desorientiert durch die Ermittlungen stiefeln - streckenweise in unvorteilhafter Verkleidung. Man sieht allerdings auch, dass Miroslav Nemec dabei an seine darstellerischen Grenzen stößt. Andererseits: Wie spielt man die größte Ausnahmesituation seines Lebens?

Also ist es keine Schande, sich mit starrem Blick und viel Aktion über die Absurdität der Lage hinwegzuhelfen. Aber es erinnert doch daran, dass ein "Tatort" normalerweise kein knallharter Thriller ist. "Wir sind die Guten", geschrieben von Regisseur Jobst Oetzmann und Magnus Vattrodt, soll trotzdem einer sein. In einem knallharten Thriller können die unglaublichsten Dinge geschehen, und die Leute wundern sich nur kurz darüber und flippen sodann aus, dass es eine Art ist. Wenn sich darüber auch deutsche Beamte in einem Kriminalfilm am Sonntagabend um 20.15 Uhr nur kurz wundern und dann ausflippen, dass es eine Art ist, wirkt das aber eher bemüht als spannend.

Zur Spannung ist Folgendes zu sagen: Nach 19 Minuten fällt ein dringender Mordverdacht auf den ohne Gedächtnis operierenden Batic. Aber schon nach einer Minute war klar, dass es so kommen musste. Und man muss keine Minute gesehen haben, um zu wissen, dass Batic ein wichtiger Zeuge wäre, könnte er sich erinnern. Nach 22 Minuten streitet er mit seinem Kollegen Leitmayr, der sich mit dem Rest der Münchener Polizei anlegt und suspendiert wird - von Michael Mendl als Chef, dem Max Hopp als schmieriges Helferlein zur Seite steht. Die Tote, selbst Polizistin, hat bei der Drogenfahndung gearbeitet. Ihr Vater (Nikolaus Paryla als trauriger alter Mann, der sein Leben in Innenräumen verbringt) sagt: "Sie hat mir immer alles erzählt - eigentlich." Insofern ist man bei aller Abwegigkeit auf vertrautem Gelände.

Das Schurkenraten ist dabei leichter, als herauszufinden, worum es den Schurken geht. "Wir sind die Guten" lässt sich - sieht man von dem, Zynikern den Weg weisenden, Titel ab - nicht zu früh in die Karten schauen. Stattdessen kann man aber mit wachsendem Respekt beobachten, wie Batic als Mann ohne Erinnerung sich zunehmend besser zurechtfindet in einer Welt, die er nur von Moment zu Moment verstehen kann.

Die treue Seele Leitmayr, Udo Wachtveitl, nimmt diesmal mit einem fabelhaft süddeutschen Satzbau für sich ein. "Ich mein, ich brauch ja den", sagt er, als ihm klar wird, dass Batic ein Totalausfall sein wird (ist er dann, wie gesagt, gar nicht). Solche Momente sind es, in denen man wieder weiß, weshalb man eingeschaltet hat - mag Batic derweil den seltsamsten "Tatort" seines Lebens durchmachen, und mag sich im Finale vor lauter Aufregung der Bildschirm teilen. Batics Gedächtnis kehrt übrigens zurück, nachdem er noch einmal tüchtig zusammengeschossen worden ist. Schwamm drüber.

So üppige Geschichten eignen sich besser für letzte Fälle. Unvergessen, wie vor bald vier Jahren Borowskis Mitarbeiter Zainalow in Kiel um seine Versetzung bat. Und wir denken noch, das wird schon wieder.

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