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SWR Mit Geburtsfehler

Noch nach zehn Jahren erinnern sich die Beteiligten lebhaft an die mühsame Geburt des SWR, der Fusion von Südwestfunk mit Sitz in Baden-Baden und Süddeutschem Rundfunk (Stuttgart).

29.08.2008 00:08
TILMANN P. GANGLOFF

Noch nach zehn Jahren erinnern sich die Beteiligten lebhaft an die mühsame Geburt des SWR, der Fusion von Südwestfunk mit Sitz in Baden-Baden und Süddeutschem Rundfunk (Stuttgart). Dort vor allem war gegen den selbstherrlich wirkenden Führungsstil des alten SWF- und neuen SWR-Intendanten Peter Voß protestiert worden. "Baden-Krake" haben sie ihn in Stuttgart genannt, als "badischen Großkotz" beschimpft, der den SDR mit "Rambo-Mentalität" übernehmen wolle; auf den Fluren kursierten Begriffe wie "geistige Okkupation" und "feindliche Übernahme".

Voß ist im Ruhestand, doch die Senderstruktur steht weiter in der Kritik. Gerhard Manthey,Verdi-Landesfachbereichsleiter Medien, Kunst und Industrie, hat die Fusion mit Skepsis begleitet. Sein stärkstes Gegenargument gilt heute wie damals: "Das Konstrukt des Rundfunkstaatsvertrags für den SWR sucht in Sachen Staatsnähe bundesweit seinesgleichen." Man halte den Staatsvertrag nach wie vor nicht für verfassungskonform, weil die SWR-Gremien "viel zu staatsnah sind". Der Sender habe einen "Geburtsfehler".

Manthey verweist auf Verfassungsrechtler, die diese Ansicht teilten. Gründungsintendant Voß, dem Manthey noch heute vorwirft, bloß "Handlanger der Politik" gewesen zu sein, hatte damals den Verfassungsrichter Thomas Oppermann um ein Gutachten gebeten. Der resümierte: "Die Politik hat ihre Möglichkeiten bis zum Äußersten ausgereizt, aber ein Verfassungsverstoß liegt nicht vor."

Voß bricht heute sogar eine Lanze für die Politiker, die sich in manchen Situationen als außerordentlich korrekt und verlässlich erwiesen hätten: "Mit ihnen konnte man was bewegen. Es ist nie ins Programm hineinregiert worden. Man darf jedoch nicht vergessen, dass sie zwar Partner, aber auch Gegner sind: Weil sie jederzeit Gegenstand kritischer Berichterstattung werden können. Natürlich nehmen sie Einfluss, wenn man sie lässt. Davon abgesehen muss man ihnen klar machen: ‚Wenn's uns nicht gäbe, kämt Ihr im Fernsehen gar nicht mehr vor, denn kommerzielle Sender interessieren sich nicht für Landespolitik!'"

Motor der Fusion: die Kosten

Energisch wehrt sich Voß auch gegen den Vorwurf, bloß ausführendes Organ gewesen zu sein: "Es war genau umgekehrt. Beide Ministerpräsidenten hatten ganz andere Vorstellungen." In der Tat wollte Erwin Teufel einen Landessender Baden-Württemberg. Dem Pfälzer Kurt Beck schwebte ein Vier-Länderverbund ( Rheinland-Pfalz, Hessen, Saarland, Baden-Württemberg) vor. Ziel beider: die Stärkung der Landesberichterstattung. Voß' Vision sah hingegen einen Zweiländersender vor, der auch innerhalb des ARD-Verbunds mehr Gewicht hätte.

Neben strategischen oder politischen Erwägungen war die Kostenfrage Motor der Fusion: Durch den Abbau von Doppelstrukturen sollte Personal und so Geld gespart werden. Das sei nur scheinbar erreicht worden, so Manthey: "SWF und SDR hatten vor gut zehn Jahren zusammen 4 000 Beschäftigte, der SWR liegt heute bei 3000", doch habe der Druck, Stellen zu sparen, zu einer " schwachsinnigen Entwicklung" geführt: "Durch die Beschäftigung freier Mitarbeiter wird mehr Geld ausgegeben, als wenn man alle Mitarbeiter mit Festanstellungsanspruch tatsächlich einstellen würde.

Mehrere hundert haben einen Festanstellungsanspruch, werden aber derart üppig honoriert, dass sie gar nicht erst in Versuchung kommen, vors Arbeitsgericht zu ziehen." Es grenze an eine Quadratur des Kreises, "welche Kapriolen Geschäftsleitung und Intendant drehen müssen, um den politischen Willen zu erfüllen".

"Qualität und Tiefgang"

Dem widerspricht der Sender. Man habe von 2001 bis 2004 (die vorherige Gebührenperiode) 27 Millionen eingespart, von 2005 bis heute sollen es sogar 61 Millionen Euro sein. "Wir haben 650 Planstellen abgebaut und Doppelstrukturen beseitigt. Das gesparte Geld wurde ins Programm investiert - mit dem Ergebnis, dass der SWR heute mehr regionale Berichterstattung bietet als seine Vorgängeranstalten", beteuert SWR-Sprecher Wolfgang Utz.

Ein weiterer Kritikpunkt Mantheys gilt der Auslagerung von Produktionsaktivität. So wurde unter Voß entschieden, die Produktion von Fernsehfilmen der Tochterfirma Maran Film zu übertragen. Laut Manthey sind diverse Dienstleistungen auf dem freien Markt "zum Teil deutlich teurer; von der schlechteren Qualität ganz abgesehen". Auch das sieht Voß naturgemäß anders: "Durch die Vergabe von Aufträgen nach draußen gewinnt man Flexibilität, deshalb ist das auch wirtschaftlicher." Das SWR-Programm habe "an Qualität und Tiefgang gewonnen".

In einem Punkt sind sich die Kontrahenten einig. Manthey hält die Fusion keineswegs für gescheitert: "Der SWR ist innerhalb der ARD ein starker Sender, der gerade in der aktuellen Auseinandersetzung um das Internet eine wichtige Rolle spielt." Er glaubt allerdings, dass sich das Arbeitsklima zuletzt deutlich verschlechtert habe: "Die Belastung ist deutlich höher als vor zehn Jahren. Gleichzeitig zeigen die Hierarchen wenig soziale Kompetenz. Aber das gilt auch für andere ARD-Sender."

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