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Superstar Glenn Beck Die Stimme der Freiheit

Glenn Beck, der Superstar des US-Kabelfernsehens erreicht mit dumpfer Polemik ein Millionenpublikum. Am liebsten aber warnt der Moderator vor einem heraufziehenden Faschismus-Kommunismus. Von Eva Schweitzer

06.01.2010 17:01
Eva Schweitzer
Große Freude an der Provokation: Glenn Beck Foto: Nicholas Roberts/The NewYorkTimes/Redux/laif

Er läuft vor der Kamera auf und ab, schreit, weint. Er flüstert den Zuschauer an, malt konspirative Kryptogramme auf Tafeln. Und er warnt wie eine melodramatische Kassandra: vor den Bankern derUS-Notenbank, die den Dollar kollabieren lassen und die Eine-Welt-Herrschaft anstreben. Vor der US-Regierung, die Konzentrationslager bauen will. Vor Barack Obama und all denen, die den herzensguten, tüchtigen, braven Amerikanern an den Geldbeutel oder die Freiheit wollen. Nur einer schützt die USA vor ihnen: Glenn Beck, der Superstar des Kabelfernsehens.

Der rundliche, semmelblonde Beck hat eine bemerkenswerte Karriere hingelegt, die ihm Millionen von Fernsehzuschauern und Bücher mit hohen Auflagen bescherte. Auf den Titel des Time-Magazine hat er es geschafft, das ihn einen "begabten Unternehmer der Angst" nannte. Er liebt das Rampenlicht, und seine Zuschauer lieben ihn. Deshalb wirft die Karriere von Beck, der andere Krawall-Konservative vernünftig aussehen lässt, ein Schlaglicht auf das Amerika, das sich im Schützengraben gegen Barack Obama eingegraben hat.

Beck nennt sich libertär, das reicht in den USA von liberal bis ultra-konservativ. Eigentlich ist er halb Krusty der Clown aus der Simpsons-Serie, halb professioneller Verschwörungstheoretiker. Er teilt seine Feindbilder mit der US-Linken, aber auch mit Evangelikalen und rechten Militaristen: die Ostküste, Mainstream-Medien, Politiker, die Rockefellers, die Neue Weltordnung. Obwohl er Obama für den neuen Hitler hält, klingt der deutschstämmige Beck manchmal selber wie Joseph Goebbels, der oft den "Arbeiter der Stirn und der Faust" lobte und die liberale Demokratie verfluchte. Gerne beruft sich Beck auf die Gründerväter George Washington und Thomas Jefferson oder ruft dazu auf, eine Arche zu bauen. Hauptsache, groß.

Am liebsten aber warnt der Mann, der laut Forbes 23 Millionen Dollar im Jahr verdient, vor einem heraufziehenden Faschismus-Kommunismus. Seine Mission sieht er darin, den Kaptalismus vor dem Kommunisten zu retten, vor der Regierung in Washington und vor der mit Steuergeldern gemästeten Wall Street.

Beck kommt aus dem Bundesstaat Washington im Nordwesten, dem Teil der USA, wo fast nur Weiße wohnen. Seine Kindheit ist schwer. Seine Eltern lassen sich scheiden, seine Mutter begeht Selbstmord, mit 15 fängt er an zu trinken. Als er drei Jahre später einen Job beim Radio bekommt, wird er gleich wieder gefeuert.

Aufruf zum Misstrauen

Er heiratet, seine Tochter kommt mit einem schweren Hirnfehler zur Welt, die Ehe scheitert. Er trinkt weiter und nimmt Drogen. Ende der Neunziger fängt er sich, als er den Anonymen Alkoholikern beitritt und sich den Mormonen anschließt, in deren Weltbild bis vor kurzem Schwarze nur als Sklaven in den Himmel kamen. Er heiratet wieder und tourt als Radio-Witzbold durch das Land. Immer wieder wird er gefeuert, meist für rassistische Witze. Das ändert sich erst, als er in Florida bei einer Comedy-Show anheuert.

Rasch bringt er es zu mehr als acht Millionen Zuhörern und einem Auftritt bei CNN, wo er Keith Ellison, den ersten und einzigen muslimischen Abgeordneten der USA, bedrängt, seine Loyalität zu bekunden. Nachdem Obama gewählt ist, wechselt Beck zum konservativen Fernsehsender Fox News. Als er sich dort als Warner vor Obama etabliert, geht es mit seiner Karriere steil in den Himmel. Heute hat er mehr Zuschauer als all seine Konkurrenten zusammen. Und sein verschwörerischer Stil ist so berüchtigt, dass ihn Jon Stewart in seiner "Daily Show" parodiert.

Er zieht Zuschauer an, die "elitäres Ostküstengeschwätz" hassen, den Kampf gegen Diskriminierung und die "korrupten" Vereinten Nationen. Denen es unheimlich ist, dass China die Bank Amerikas ist und dass die Auslandsverschuldung steigt. "Teabagger" nennen sich diese Leute, nach der Boston Tea Party, bei der amerikanische Separatisten 1773 britischen Tee ins Meer warfen und damit den Auslöser für den Unabhängigkeitskrieg lieferten. Auch die "Birther", die Obama für einen Muslim, Kenianer oder Indonesier halten, mögen Beck - seit er gesagt hat, Obama sei ein Rassist, weil er einen tief sitzenden Hass auf Weiße habe, sein Gesundheitsprogramm sei der Ausgleich für die Sklaverei.

Nur merkwürdig: Obwohl Beck dauernd zum Misstrauen aufruft, will er ein geeintes Amerika. Denn Amerika, betont er oft, sei das beste und großartigste Land, das jemals existiert habe. "Nach dem 11. September waren wir nicht in rote und blaue Staaten oder politische Parteien geteilt, wir waren vereint, nur als Amerikaner", sagt er. "Das müssen wir wieder erreichen." Damit meint er freilich nur die für ihn echten Amerikaner, sprich: die Weißen.

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