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Sotschi 2014 bei ARD und ZDF Gold im Phrasendreschen

Duftnoten setzen und rote Laternen abgeben: Olympische Spiele im Programm von ARD und ZDF sind auch für den Zuschauer eine Herausforderung.

Witz komm raus, du bist umzingelt: die ARD-Moderatoren Gerhard Delling (links) und Michael Antwerpes nehmen die Olympischen Spiele in die Zange. Foto: imago sportfotodienst

Solche Olympischen Spiele sind ja wahrlich kein Selbstläufer. Wer da vorne mitlaufen, -springen, -eistanzen, -rodeln, -freestylen, von mir aus auch –biathleten will, muss sich schon Mühe geben. Manchmal reicht auch das nicht. Wer mitreden will, hat es da doch deutlich einfacher. Der braucht nur den ganzen Tag über ARD oder ZDF laufen zu lassen.

Aber auch das ist viel anspruchsvoller, als es klingt. An hyperaktive, demonstrativ begeisterte, mitfühlende und, wenn es denn dann soweit ist, mitfeiernde Moderatoren hat man sich schon gewöhnt. Man würde sie vermissen, würden sie nicht schon längst zur Einrichtung des gläsernen Studiokastens gehören und alle zwei Jahre in einer anderen Stadt aus dem Umzugskarton geholt.

Ihre Moderationen aber schwanken bei den Spielen von Sotschi phasenweise zwischen Dampfplauderei, Phrasendrescherei und Altherrenwitz - schließlich müssen sie einen ganzen olympischen Tag in die Sportgeschichtsbücher moderieren. Darunter machen sie es nicht.

„Apropos Leckerbissen“, sagt Gerhard Delling, grinst sein spitzbübisches Grinsen unter der halblangen Matte, die einst sein kongenialer Kompagnon Günter Netzer sprießen ließ und er nun aufträgt, und ruft die wartenden Eishockeyspielerinnen ins Studio.

Nachdem er die beiden von oben bis unten gemustert hat, spricht er das charmante Kompliment, das jede frustrierte Ehefrau im Handumdrehen zum Schmelzen bringen würde, ganz ironiefrei aus: „Man sieht schon: Sie stehen in Saft und Kraft.“     

Dellings Kollege Michael Antwerpes bilanziert nach einem filmischen Porträt einer jungen Ski-Freestylerin: „Man sieht schon: diese Sportart bietet etwas fürs Auge.“ Zwinker, zwinker. Natürlich hat er damit nur die artistischen Sprünge gemeint. Vielleicht auch noch die lustigen Zöpfe unter der bunten Mütze. Vielleicht.

Wissen vortäuschen

Katrin Müller-Hohenstein im ZDF fällt, ganz ungewohnt, eher durch biedere Winterbekleidung wie blaue Strickpullover mit weißer Schneeflocke auf. Sie moderiert abwechselnd mit Rudi Cerne. Der nebenberufliche Verbrecherjäger ging einst selbst als Eiskunstläufer auf Medaillenjagd. Herrlich unaufgeregt und unaffektiert moderiert er die Spiele nur so an und weg, gleichgültig, welche Sportart und welche Medaille gerade auf dem Zeitplan stehen.

Beim Abfahrtslauf der Damen am Mittwoch wurde er versehentlich zugeschaltet, als er das Vorgespräch mit der Sensations-Olympiasiegerin Carina Vogt führte. „Ich bin der Rudi aus dem Studio“, stellte er sich ganz unprätentiös vor. Bitte mehr Rudis aus dem Studio und weniger Witze aus der Stammtischecke, die man gemeinsam mit Waldi Hartmann doch eigentlich aus der ARD verabschieden wollte.   

Die Kommentatoren an den Strecken und Rodelbahnen, in den Eishallen und an den Langlaufloipen haben es schwerer als ihre Kollegen im beheizten Glaskasten - und doch machen sie es besser. Sie müssen Wissen in vielen Disziplinen vortäuschen, auch wenn sie es nicht haben. Dem ruhigen, beschwörenden, beinahe tranceartigen Kommentar beim Fernsehliebling Curling stellen sie aufgeregtes Positionsgekreische auf der Langlaufzielgeraden gegenüber. Immerhin haben sie Stile entwickelt, die sich unterscheiden.

Zwar werden die inhaltsleeren Phrasen nur so den Hang hinuntergejagt. Da werden Duftnoten gesetzt, rote Laternen abgegeben, Lehrgeld bezahlt, Höhenluft geschnuppert, dass es einem schwindlig werden kann. Aber sie geben sich Mühe. Gold im Phrasendreschen ist ihnen bereits sicher. Alles andere wäre Zugabe.

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