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Russland Drei Personen gegen Russlands Geheimdienst

Die investigative Redaktion „The Insider“ war an der russisch-britischen Recherche zum Fall Skripal beteiligt.

Im Moment stehe man im Mittelpunkt. „Alle Welt redet über uns. Das bedeutet auch Schutz“, sagt Roman Dobrochotow, Chefredakteur der Moskauer Internetzeitung „The Insider“. Noch gebe es keine Probleme.

Dabei rollen in Russlands Öffentlichkeit heftige Attacken gegen „The Insider“ und seinen britischen Partner, das Rechercheportal Bellingcat. „Bellingcat und jene, die mit ihm kooperieren, sind Pseudo-Medien“, schimpft Maria Sacharowa, Presse-Sprecherin des Außenministeriums. Westliche Sicherheitsdienste benützten sie, um Desinformationen zu verbreiten. Die dem Kreml nahe Agentur FAN legt nach: „Das Bloggerprojekt Bellingcat wurde oft mit offenen Fälschungen und Fakes erwischt.“ Und der Duma-Abgeordnete Iwan Sucharjew will eine Anfrage an die Staatsanwaltschaft richten, weil „The Insider“ gemeinsam mit Bellingcat geheime persönliche Daten veröffentlicht und damit gegen das russische Strafrecht verstoßen habe. „Diese Bürger verhehlen nicht, dass sie mit berüchtigten britischen Medien zusammenarbeiten.“

Die Bellingcat-Fahnder wurden 2014 international bekannt. Damals lieferten sie als Erste mithilfe von Fotos und Einträgen aus sozialen Netzen zahlreiche Indizien dafür, dass ein BUK-Flugabwehr-System aus Russland die malaysische Passagiermaschine mit der Flugnummer MH17 über dem Donbass abgeschossen hatte. Diese Art von Online-Ermittlungen waren neu. Bei den Recherchen im Fall Skripal aber kooperiert Bellingcat mit „The Insider“, einer damals kleinen investigativen Redaktion in Moskau.

Roman Dobrochotow, 35, Journalist und liberaler Oppositionsaktivist, gründete „The Insider“ 2013. Das Team bestehe aus 13 Leuten, erzählt er unserer Zeitung, die juristische Adresse aber befinde sich in Lettland, der Umstand erschwert juristische Angriffe aus Russland. Das Moskauer Gerücht, „The Insider“ werde von der US-Stiftung „National Endownment for Democracy“ finanziert, dementiert Dobrochotow. „Wir bekommen einzelne Stipendien, aber von sehr unterschiedlichen Geldgebern, betreiben außerdem Crowdfunding.“ Zudem habe man geringe Ausgaben, die meisten Redakteure recherchierten zu Hause, wie die Kollegen von Bellingcat. Anastasija Kirilenko, eine investigative Journalistin, die auf Korruption und Kriminalität in Putins Umgebung spezialisiert ist, bestätigt, „The Insider“ zahle nur 200 Euro für eine exklusiv recherchierte Geschichte, das ist ein Drittel des in Moskau üblichen Honorars. „Aber dafür gibt es keinerlei Zensur und sie publizieren viele Artikel auch auf Englisch, sodass die westliche Presse ebenfalls aufmerksam wird.“ Low-Budget-Journalismus, dessen Publikum allerdings jetzt auf drei Millionen Leser im Monat hochschnellte.

Auch Mischkin und Tschepiga enttarnte man ohne viel Manpower. Laut Dobrochotow wurden sie im Wesentlichen von zwei Leuten des Insiders und einem russischsprachigen Bellingcat-Experten ermittelt, drei Personen gegen den Militärgeheimdienst. Bellingcat-Gründer Eliot Higgins sprach gegenüber Londonern Reportern immerhin von „ein paar Freiwilligen“, seines Teams. Gemeinsam durchwühlte man soziale Netze nach Absolventen einschlägiger russischer Militärlehranstalten, kramte in den Datenbasen Moskauer Autoversicherungen. „Wir tauschten uns ständig aus, analysierten alles gemeinsam, es gab keine Hierarchie“, sagt Dobrochotow. „The Insider“ habe entdeckt, dass beide GRU-Männer als Helden Russlands ausgezeichnet wurden, und in Mischkins Geburtsort mit Augenzeugen gesprochen, die ihn als Verdächtigen Petrow wiedererkannten.

Bellingcat aber hat laut Dobrochotow Fotos und Passangaben der Verdächtigen aus der geschlossenen Polizeidatei „Rossijski Passport“ beschafft. Außer den Staatsmedien vermuten auch liberale Journalisten in Moskau, diese Informationen hätte Bellingcat vom britischen Geheimdienst.

Das aber ändert nichts am Ergebnis der russisch-britischen Recherche. „Ihr könnt uns und Bellingcat noch so sehr misstrauen“, sagt Dobrochotow. „Es gibt diese Dokumente, es gibt leicht überprüfbare Fakten und Passnummern.“ Wenn die Behörden beweisen wollten, dass Boschirow und Petschiga doch verschiedene Menschen sind, sollten sie beide einfach gemeinsam der Öffentlichkeit präsentieren.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Russland

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