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Reporter Christoph Maria Fröhder im Interview Der Nachwuchs ist unpolitisch

Der Krisen- und Kriegsreporter Christoph Maria Fröhder spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über den Zustand des Krisenjournalismus in deutschen Medien und erklärt, warum kein deutscher Sender Muammar al-Gaddafi interviewen konnte.

07.03.2011 19:35
Ein libyscher Rebell beschießt ein Regierungsflugzeug. Foto: REUTERS

Herr Fröhder, was gefährdet den kritischen Journalismus mehr. Wikileaks oder der finanzielle Druck auf Medien?

Die Geldnot. Für Berichte aus Krisenregionen benötigen sie Mittel für Bodyguards und Übersetzer. Investieren sie das nicht, sitzen sie nackt da. Wikileaks ist eher eine interessante Zeiterscheinung, die den investigativen Journalismus herausfordert.

Reisen in Krisenregionen können sich nur noch wenige Medien leisten. Welche Gefahren bringt das mit sich?

Die offizielle Seite wird stärker beachtet. Viele Kollegen, die aus Geldnot oder aus Sicherheitsgründen etwa mit den Isaf-Truppen in Afghanistan unterwegs sind, werden manipuliert, bekommen nicht das ganze Bild zu sehen. Ich habe mehrfach erlebt, wie Kollegen verboten bekamen, Übergriffe von Soldaten auf Zivilisten aufzunehmen. Ähnliches ist uns bei einer Zusammenarbeit mit US-Militär im Irak passiert.

Welche Faktoren beeinflussen die Arbeit darüber hinaus?

Hiesige Medien haben nie Krisenjournalisten ausgebildet. Das wird der Bundeswehr überlassen. In Hammelburg erzieht die Armee beim Sicherheitstraining aber Kriegsberichtserstatter in ihrem Sinne. Dies wäre jedoch Kernaufgabe der Medien. Außerdem fehlt in vielen Häusern ein Team, das den Kollegen vor Ort über das Gesamtbild informiert. Öffentlich-rechtliche Sender haben entsprechende Konzepte in den Schubladen verschwinden lassen

Lassen die deutschen Medien ihre Korrespondenten alleine?

Generell kann man das so sagen. Eine angenehme Ausnahme war während des Irak-Kriegs der damalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. In seinem „Cafe Bagdad“ betreuten mehrere Kollegen den Korrespondenten Ulrich Tilgner. Sie wiesen ihn auf vieles hin, was er vom Kriegsschauplatz nicht sehen konnte.

Wie könnte so etwas die Berichte aus Krisengebieten verändern?

Wenn es deutlicher geworden wäre, dass in der libyschen Hauptstadt weniger heftig gekämpft wurde als behauptet, dann hätte womöglich ein deutscher Sender Muammar al-Gaddafi interviewen können. In dem Fall wären wir dann nicht auf die Arbeit eines US-Senders angewiesen gewesen.

Muss man für die Nähe zur Macht nicht jenen Preis zahlen, den sie zuvor beklagten?

Den zahlen wir ja bereits ständig – wenn etwa beide große Fernsehanstalten ihre Studios neben dem staatlichen Fernsehen im Kairo haben. Ein Regimekritiker wird zu einem Hintergrundgespräch dorthin nicht kommen, weil das gesamte Umfeld vom Geheimdienst überwacht kontrolliert werden.

Spielt die Boulevardisierung des Journalismus und die damit verbundene Emotionalisierung bei Berichten aus Krisenregionen eine Rolle?

An manchen Tagen haben wir aus Ägypten leider weniger über die Vorgänge dort erfahren als über die Gefühle der Korrespondenten. Statt Analysen zu liefern haben manche uns erzählt, dass sie ihr Büro nicht mehr betreten konnten und in Hotel-Zimmer geflüchtet seien. Viele Etablierte kümmern sich auch nicht um gesellschaftliche Veränderungen in ihrem Berichtsgebiet. Hätten Korrespondenten mal Universitäten besucht und dort die Diskussionen verfolgt, dann hätten sie mehr über das Land sowie die Unzufriedenheit erfahren. Und sie wären dann nicht überrascht worden von den Entwicklungen. Vor allem letzteres ist ein Offenbarungseid des kritischen Journalismus.

Reden wir auch über einen Generationenwechsel?

Bei den öffentlich-rechtlichen bestehen die Redaktionen aus politisch handverlesenen Journalisten, die hintergründige Berichte für gefährlich halten und leichtere Berichte sympathischer finden, weil die keinen Ärger machen. Da muss man sich im Rundfunkrat nicht dafür rechtfertigen, warum man für diese oder jene Seite Stellung bezogen hat. Hinzu kommt die Entpolitisierung des Nachwuchses.

Das hört sich jetzt aber danach an, als ob viele Entwicklungen über Sie als Vertreter der alten Korrespondenten-Schule hinweggegangen sind?

Das sehe ich weniger so. Es gibt eine saubere Form des Journalismus, die so informativ wie möglich ist. Und es gibt Journalismus, der an Gefühle appelliert und Einzelfälle herausreist, ohne sie in das gesamte wieder einzufügen. Zusätzlich müssen Lösungsansätze erarbeitet werden. Das kann aber nur erreichen, wer mit der geistigen Elite eines Landes spricht.

Interview: Andreas Schwarzkopf

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