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Pressefreiheit in der Türkei Cumhuriyet auf dem „Totenbett“

Putschartig kippen die Herausgeber der„Cumhuriyet“ die Führung der letzten großen Bastion unabhängiger Presse in der Türkei. Zahlreiche Mitarbeiter wurden entlassen. Hinter dem Coup soll die Regierung von Erdogan stehen.

Türkische Zeitung „Cumhuriyet“
Verlagsgebäude der „Cumhuriyet“. Foto: Sedat Suna/EPA

Es folgte ein jahrelanger Gerichtsstreit, bei dem sich die Unterlegenen schließlich durchsetzten und jetzt Neuwahlen erzwangen, die sie gewannen. Gleichzeitig traten im „Cumhuriyet“-Prozess vier kemalistische Vorstandsmitglieder als Zeugen der Anklage auf und behaupteten, dass die Redaktion die „Traditionslinie“ kriminell verfälscht und sich vom Kemalismus abgekehrt habe – ein groteskes Argument, das sich das Gericht gleichwohl zu eigen machte.

Artikel von „Cumhuriyet“-Webseite entfernt

Am Freitag wurde nun der 84-jährige „Kronzeuge“ Alev Coskun zum neuen Chef des Stiftungsrats gewählt, Vorstandsmitglied Aykut Kücükkaya zum neuen Chefredakteur bestimmt, ein Parlamentskandidat der ultranationalistischen Vatan-Partei neu in den Stiftungsvorstand berufen. Für Ultra-Kemalisten ein Grund zum Feiern. „Nun haben wir einen Grund, jeden Morgen mit Hoffnung aufzuwachen“, sagte Metin Feyzioglu, der Vorsitzende der Türkischen Anwaltsvereinigung.

Der Abschiedsartikel des Chefredakteurs Murat Sabuncu wurde am Samstag von der „Cumhuriyet“-Webseite entfernt, andere Kolumnen nicht mehr gedruckt. Yavuz Baydar, im Pariser Exil lebender früherer „Cumhuriyet“-Journalist und Chefredakteur der türkischen Internet-Nachrichtenseite Ahvalnews, hat einen ähnlichen Konflikt 1991 in der Redaktion miterlebt. „Leider hat sich der Türkei-typische Tribalismus wieder durchgesetzt. Die Sieger wollen ihren kleinen Mikrokosmos ,Cumhuriyet‘ regieren“, sagt er. „Dass sie damit Vielfalt von Meinungen zerstören, ist ihnen egal.“ Mehr als 95 Prozent der Medien würden jetzt von der Regierung kontrolliert, der Journalismus in der Türkei liege „auf dem Totenbett“.

In seinem Abschiedswort schrieb Chefredakteur Murat Sabuncu, der 17 Monate für seinen Arbeit im Gefängnis saß, das Engagement für das Blatt habe ihn immer „mit Stolz“ erfüllt. Deshalb werde niemand „ein böses Wort“ von ihm über „Cumhuriyet“ hören.

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