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Neue taz-Chefin Ines Pohl Seltsame Sehnsucht

Ines Pohl tritt als taz-Chefredakteurin und Nachfolgerin von Bascha Mika an. Einen Masterplan hat sie nicht, aber Respekt vor der neuen Aufgabe. Von Ulrike Simon

13.07.2009 00:07
Ulrike Simon

Ines Pohls Stimme ist tief und klangvoll. Auch wenn sie in dem Café in Berlin-Mitte nicht laut redet, bekommt man eine Ahnung, wie sie ihre Stimme in großen Räumen und Konferenzen einsetzen kann. Wie hell, zerbrechlich und leise spricht dagegen Bascha Mika. Das Erscheinungsbild der beiden Frauen, die eine noch, die andere bald Chefredakteurin der taz, verstärkt den Eindruck der Gegensätzlichkeit. Mika, eine kleine, zierliche, blonde 55-Jährige mit blauen Augen Pohl, eine große, sportliche 42-Jährige mit ungefärbtem dunklem Kurzhaar und braunen Augen, die dem Gegenüber nicht ausweichen. Nur selten senkt Pohl den Blick wenn sie etwa erzählt, dass sie sich manchmal, nach langen Tagen, ein Chanson vorsingt und dazu Akkordeon spielt.

Ende Juni wurde bekannt, dass Mika nach 21 Jahren, davon elf als Chefredakteurin, die taz verlässt und Pohl ihre Nachfolgerin wird. Mikas Zeitplan war durchkreuzt. Erst Mitte Juli wollte sie die Redaktion informieren, zur Abschiedsfeier einladen und zwei Tage später in den Finnland-Urlaub fahren. Am 20. Juli sollte Pohl antreten. Stattdessen war die Neue nun da, die Ehemalige aber noch nicht weg.

Pohl kommt von außen. Ihr mag nicht bewusst gewesen sein, wie ihr kurzes Spiegel-Interview wirkte: Jedenfalls stach sie in gleich zwei Wespennester. Sie sagte, ihr erster Platz sei in der Redaktion und nicht auf Podien quer durch die Republik. Damit traf sie Mika. Und sie sagte, die taz müsse aufpassen, nichts zu verschlafen, müsse frecher sein. Damit traf sie die Redaktion. Die revanchierte sich prompt. Ein tazler schrieb im "verboten"-Kasten auf der ersten Seite: "Chrrrrrr, chrrrrrr Was? Wer? Wie? Warum? Äh, tut uns verdammt leid, wir müssen hier kurz eingenickt sein. Aber nur kurz! Das waren höchstens zehn Jahre! Na gut, vielleicht warens elf. Dieser muffige Stallgeruch hier hatte uns ganz rammdösig gemacht ()." Pohl lacht. Genau so müsse die taz sein. Frech.

In der Branche ist Pohl unbekannt. Erst seit einem halben Jahr ist sie in Berlin. Da wurde sie Korrespondentin der Zeitungen von Dirk Ippen, unter anderem der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (HNA). Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie Vater Facharbeiter, Mutter Kindergärtnerin , wächst in Mutlangen auf, wo man in den Achtzigern automatisch politisiert wird. Bis 1990 sind dort Pershing-II-Raketen stationiert. Auch Pohl demonstriert, geht zu Treffen in der Friedenshütte. Wegen ihres Talents besucht sie ein staatliches Internat, das Musik-Gymnasium in Schwäbisch Gmünd. Dort hat die 16-Jährige die taz abonniert. Nach dem Abitur reist sie mit 2000 Mark nach Neuseeland. Das Geld ist bald verbraucht, sie jobbt, markiert Schafe, in jeder Hand eine Spraydose.

Ein Jahr später studiert sie in Göttingen Skandinavistik und Germanistik. Ihre schwedische Gesangslehrerin hatte sie so sehr geprägt, dass sie in Schweden Deutschlehrerin werden will. Stattdessen wird sie an ihrer Uni Frauenbeauftragte, geht zu radio ffn und landet vielleicht wegen der vielen Flugblätter, die sie als Studentin schrieb bei der HNA, wo sie volontiert und binnen zehn Jahren zur Politikchefin aufsteigt. Die klassische Ochsentour. Am meisten prägten sie die zehn Monate, in denen sie sich als Stipendiatin der Nieman Foundation in Harvard fortbildet. Sie erfährt, was Pressefreiheit heißt und wie Journalisten anderer Länder um ihre Unversehrtheit fürchten.

Ines Pohl wird als zupackend, bisweilen reserviert beschrieben. Sie wirkt offen und fröhlich. Ihre Mimik ist lebhaft. Oft zieht sie ihre linke Augenbraue hoch. Darüber, wie sie zur konservativen HNA passte, mag sie nicht reden. Sie verzichtet als taz-Chefin auf die Hälfte ihres bisherigen Gehalts, das muss als Antwort reichen. Zudem bewarb sie sich bei der taz schon einmal als Politikchefin. Mika, auf deren rotem Sofa sie damals saß, bestätigt, dass Pohl wegen eines besseren Angebots bei der HNA blieb.

Jetzt folgt sie Mika und weiß, es stimmt, was ihre Vorgängerin sagt: Dass es in der Redaktion die seltsame Sehnsucht nach jemandem gebe, der führt, aber keine unangenehmen Entscheidungen treffen soll. Immerhin ist das erste Misstrauen gegenüber Pohl geschwunden, nachdem sie sich der Redaktion vorgestellt und bis zum späten Abend diverse Weizenbiere und Slibowitz geleert waren. Der Respekt vor der Aufgabe ist Ines Pohl anzumerken. Sie wird in vieles hineinwachsen müssen. Den Berliner Betrieb, in dem selbst natürliche Feinde kungeln, lehnt sie ab und weiß doch, dass es ohne Nähe nicht geht.

Bei der taz will Pohl das Pluralistische von Mika bewahren. Mehr Entschiedenheit wünscht sie sich jedoch. Bei den Kernthemen Ökologie, Globalisierung, soziale Gerechtigkeit gelte es, Haltung zu zeigen und sich für die Schwächeren zu positionieren. Und es dürfe kein Castor-Transport, keine Groß-Demo stattfinden, ohne dass taz online Informationen und Debatten biete.

Einen Masterplan hat sie nicht. Wenn Ines Pohl durch Kreuzberg radelt oder abends Bach hört, dürften ihre Gedanken viel um die taz kreisen.

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