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Netzwerk Recherche "So schlimm isses gar nicht"

Beim Jahrestreffen diskutiert das Netzwerk Recherche über seinen Berufsstand - und seine Fehler. Die selbstkritischen Journalisten fragen sich vor allem, warum keiner aus ihren Reihen eigenständig auf die Zwickauer Terrorzelle NSU gestoßen ist.

03.06.2012 18:03
Ulrike Simon
Alles sauber: Nach der Affäre in den eigenen Reihen bemüht sich das Netzwerk Recherche um Transparenz. Foto: REUTERS/Jacky Naegelen

Vielleicht fand sich einfach keiner, der darüber reden wollte, warum Journalisten im Berufe-Ranking regelmäßig so weit hinten stehen. Lautes Lachen provozierte NDR-Redakteur Kuno Haberbusch jedenfalls, als er am Sonnabend ankündigte, die Podiumsdiskussion „Toller Job, mieses Image – Warum mag uns keiner?“ entfalle. Man habe festgestellt: „So schlimm isses gar nicht“.

Die Jahreskonferenz des Vereins Netzwerk Recherche wäre nicht denkbar ohne kritische Selbstreflexion der rund 800 Journalisten, die am Wochenende nach Hamburg gepilgert sind. Auch ohne das eigens geplante Panel gab es genügend Anlass, sich kritisch mit dem eigenen Berufsstand auseinanderzusetzen.

Zum Beispiel jenen, dass kein Journalist aus eigener Recherchekraft auf die Zwickauer Terrorzelle NSU gestoßen ist, die Schuld am Versagen bei der Aufklärung der Mordserie in erster Linie jedoch beim Verfassungsschutz gesucht wurde. Recherchen im rechtsextremen Milieu, stellte die auf diesem Gebiet als Expertin ausgewiesene Journalistin Andrea Röpke fest, seien in Redaktionen meist erst dann gefragt, wenn wieder etwas passiert ist. Journalistische Themen unterliegen Moden. Diskutiert wurde beim Netzwerk Recherche aber auch, wann bei intensiver, kontinuierlicher Berichterstattung von Kampagne oder gar Hetze die Rede sein kann. Das hänge vom eigenen Standpunkt zum Thema ab, sagte Freitag-Verleger Jakob Augstein mit Blick auf den Fall des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff.

Einen anderen Grund gab Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo zu bedenken: Heutzutage informierten sich die Leser von frühmorgens auf dem Smartphone über Print, Online und Fernsehen bis in die Nacht und bekämen so laufend Nachrichten, die von den Medien immer weiter zugespitzt würden, Tag für Tag. Das führe zu einer Skandalverdichtung. Dass Leser dagegen protestierten, hänge auch damit zusammen, dass es Ziel der Medien ist, die Menschen aufzuklären und zur Kritik zu befähigen und mit dem Internet nun ein Rückkanal zur Verfügung stünde. Die Partizipation der Leser seien die Medien nicht gewöhnt. „Wir müssen unsere Autorität verteidigen“, sagte Mascolo.

Es gilt, die Unabhängigkeit zu verteidigen

Auch die Unabhängigkeit gelte es zu verteidigen, bekamen die Teilnehmer der Jahreskonferenz zu hören. Journalisten machten sich angreifbar, wenn sie an andere Maßstäbe anlegen, an denen sie sich selbst nicht messen lassen wollen, sagte die junge Autorin Julia Friedrichs: Vorteile in Form von Presserabatten „stehen uns nicht zu“, hätten jedoch zur Folge, dass sich bei Journalisten der fatale Eindruck festsetze, sie seien „Begünstigte“.

Es dürfe nicht sein, sagte Friedrichs, dass sich Journalisten von der PR querfinanzieren lassen, indem sie bei den Pressestellen von Unternehmen nach Rabatten fragen. Sie regte daher an, Standesvereinigungen wie das Netzwerk Recherche oder die Freischreiber seien gefordert, den Verzicht auf Rabatte in die Regularien für ihre Mitglieder aufzunehmen.

Davon war bei der Mitgliederversammlung dann keine Rede mehr. Auch die im Vorfeld von interessierter Stelle verbreiteten Mails eines (nicht anwesenden) Mitglieds mit Vorwürfen gegen das Netzwerk Recherche waren nur am Rande Thema. Gegen das pdf-Magazin v.i.s.d.p., das sie veröffentlicht hat, sind rechtliche Schritte geplant. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen Untreue und Betrugs gegen den ehemaligen Vorstand laufen derweil weiter, sie wurden zuletzt ausgeweitet. Bei der Vorlage der Finanzen im abgelaufenen Geschäftsjahr 2011 demonstrierte der neue Vorstand entsprechend Transparenz.

Mehr als 130?000 Euro hat die Aufklärung der Affäre um dem Verein nicht zustehende Förderungen durch die Bundeszentrale für politische Bildung gekostet. Anzeigenkunden und Sponsoren sind reihenweise abgesprungen, so dass unterm Strich trotz höherer Einnahmen durch neue Mitglieder ein Minus von 157?000 Euro steht. Damit ist das Vermögen auf 352?000 Euro geschrumpft. Ein Großteil hiervon ist für die Gründung einer Treuhandstiftung vorgesehen.

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