Lade Inhalte...

Netflix-Serie Unter Komödianten

In „Hibana: Spark“, der ersten japanischen Netflix-Serie, bleiben einige Details dem westlichen Zuschauer ein Rätsel.

Einer driftet ab, einer versucht, nach oben zu kommen: Kamiya (l.) und Tokunaga. Foto: Nippon Connection

Tokunaga will sich einen Papagei anschaffen. „Was willst Du denn damit?“ fragt sein Freund Yamashita. Er könne dem Tier das Sprechen beibringen und sich dann zu Hause mit ihm unterhalten, antwortet Tokunaga. Das sei doch total öde, findet Yamashita, Tokunaga widerspricht, und bald sind beide im schönsten Streit. So beginnt „Hibana: Spark“, die erste von Netflix produzierte Serie für Japan. Der TV-Serienproduzent aus den USA hat sein Netz inzwischen über den Globus geworfen, nur China und Saudi-Arabien fehlen noch.

Für den Einstieg in den japanischen Markt ist das Unternehmen auf Nummer sicher gegangen. „Hibana: Spark“ entstand nach dem gleichnamigen Buch von Naoki Matayoshi, der im Januar 2015 dafür den begehrten Akutagawa Preis (mit einer Million Yen, etwa 8200 Euro dotiert) erhielt. Woraufhin das Buch zum Bestseller wurde. Ungewöhnlich daran: Matayoshi ist Komiker, Teil eines Duos namens „Peace“, und er erzählt von eigenen Erfahrungen. Tokunaga und Yamashita sind aufstrebende Komödianten, die sich an „Manzai“ versuchen, einer japanischen Spielart des Komiker-Duetts, wie es im US-Kino etwa Dick & Doof praktiziert haben.

Tokunaga will sich also gar keinen Papagei kaufen, die beiden proben nur ihre nächste Nummer – ein eleganter Einstieg in die Serie. Das Duo übt meist auf einem Spielplatz, und obwohl die „Sparks“ schon in den Zwanzigern sind, erzählen die Filmemacher um Regisseur Ryuichi Hiroki und Autor Masato Kato so etwas wie eine verspätete Coming-of-Age-Geschichte, die mit dem Versuch einer gemeinsamen Karriere beginnt und nach zehn Jahren mit dem Scheitern und der Anpassung an eine bürgerliche Existenz endet.

Hauptfigur dieses klassischen Drehbuch-Topos der „Heldenreise“ ist Tokunaga, 23, Autor der „Sparks“-Texte und wie sein reales Vorbild Matayoshi der „boke“, der Trottel bei den Auftritten. Als er den etwas älteren Kollegen Kamiya (Kazuki Namioka) kennenlernt, beeindruckt ihn dessen Unangepasstheit so sehr, dass er ihn bittet, sein Lehrling werden zu dürfen, was der andere unter der Bedingung annimmt, dass Tokunaga seine Biografie schreibt. Der kauft noch in der Nacht Schreibheft und Stifte. So entwickelt sich eine Freundschaft, bei der Kamiya den Jüngeren während ihrer Treffen in Restaurants (es wird viel gegessen und getrunken in „Hibana“) mit Lebensweisheiten und philosophischen Betrachtungen zur Existenz eines Manzai-Komikers füttert. Er selbst ist Teil des Duos „Ahondara“ (im Untertitel übersetzt als „Knucklehead“, also „Schwachkopf“) und mag ganz entfernt an Jack Kerouacs Begleiter Dean Moriarty erinnern.

Während „Sparks“ sich im Laufe der Zeit mühsam nach oben arbeiten, gerät Kamiya ebenso langsam ins Abseits, was Tokunaga bei den diversen Trinkgelagen aber verborgen bleibt. Erst als der Lehrling sich die Haare silbergrau färbt und der Meister das nachahmt, dämmert es Tokunaga, dass sein Freund so souverän nicht ist. „Du wolltest eher sterben als jemals jemanden nachzuahmen“ brüllt er ihn an. Hatte er ihn doch dafür bewundert, dass „er nicht zweimal darüber nachgedacht hat, nein zur Welt zu sagen“.

Die Tiefe der Enttäuschung verrät den Kern der Beziehung der Männer: Es ist eine kaum verschleierte Liebesgeschichte. So bittet Kamiya den Freund eines Tages um einen Gefallen. Er muss bei seiner Freundin ausziehen. Tokunaga soll ihm helfen – indem er vor beider Augen masturbiert, während sie die Sachen aus der Wohnung holen.

Melancholische Grundfarbe

Das ist die vielleicht seltsamste Szene einer an Merkwürdigkeiten zumindest für europäische Zuschauer reichen Serie. Vor allem die Nummern der Komiker wirken in den englischen Untertiteln nicht eben witzig. Einmal extemporiert Tokunaga bei einem Sparks-Auftritt über Curry, indem er jede Antwort seines Partners zum Anlass nimmt, „Ich will ein Curry essen“ zu brüllen – das kommt einem Schüler-Scherz doch nahe. Warum Kamyia dem grüblerischen und von Versagensängsten geplagten Freund später sagt, nur er könne „ein bestimmtes Lachen schaffen“, bleibt dem westlichen Zuschauer ein Rätsel.

Netflix hat die Serie gleichwohl auch für den europäischen Markt freigegeben (sie lief bereits beim Frankfurter Filmfestival Nippon Connection und kann nun von Abonnenten gesehen werden), und abgesehen von fernöstlichen Eigenheiten vermag das Publikum hier den klar strukturierten Teilen (jede Folge spielt in einem Jahr, bis 2010) mit dem hübschen Helden – Schauspieler Hayashi Kento mit seinen dunklen Augen erfüllt alle Bedingungen für einen Mädchenschwarm – auf seinen Wegen durch Tokio problemlos zu folgen. Bisweilen wirkt Tokunagas Versuch, ein erfolgreicher Komiker zu werden, ähnlich dem romantischen Prinzip der Suche nach der Blauen Blume – nur dass die Pflanze hier der Erfolg ist.

Und für den Start auf einem neuen TV-Markt auch eher überraschend ist die melancholische Grundfarbe der Geschichte, die in den letzten beiden Teilen von tränenreichen Abschieden geprägt ist, aber dem Gesetz des Geschäfts folgend die Möglichkeit einer Fortsetzung lässt. Und optimistisch ausklingt, wenn am Ende zwei Männer nackt um einen Hotelpool tanzen, wobei einer der beiden nun üppige Brüste hat...

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum