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„Alias Grace“ und „The Sinner“ Käfig der patriarchalen Welt

Die Protagonistinnen in „Alias Grace“ und „The Sinner“ greifen zu drastischen Mitteln, um aus der Situation der Unterdrückung auszubrechen. Der achte Teil unserer Kolumne „Nächste Folge“.

Alias Grace
Lebenslang für einen Doppelmord in Haft: Grace Marks (Sarah Gadon). Foto: Imago

Was haben ein Dienstmädchen im England des 19. Jahrhunderts und eine junge Mutter in den USA der Gegenwart miteinander gemein? Beide nehmen die Hauptrolle in aktuellen Miniserien auf Netflix ein, die auf literarischen Vorlagen basieren. Beide haben in der Folge traumatischer Erlebnisse ein gestörtes Verhältnis zu Sexualität, werden wegen grausamer Morde zu lebenslanger Haft verurteilt – und bringen dem Zuschauer vor dem Hintergrund der Debatte um sexuelle Gewalt in Hollywood die weibliche Perspektive näher.

Doch der Reihe nach. In „Alias Grace“, nach „The Handmaid’s Tale“ die zweite von Margaret Atwoods Romanen inspirierte Serie in diesem Jahr, stellt sich das Dienstmädchen Grace Marks den Fragen ihres Nervenarztes Dr Jordan. Der will eigentlich nur herausfinden, wie es um die psychische Verfassung der verurteilten Mörderin bestellt ist, lässt sich von ihrem Unschuld-vom-Lande-Charme aber schnell um den Finger wickeln. Die Aura des verletzlichen Mädchens kommt nicht von ungefähr, war Grace doch früh Opfer eines übergriffigen Vaters und später übergriffiger Dienstherrn. Was es für ein Dienstmädchen bedeuten kann, sich mit den Ranghöheren einzulassen, lernt sie am Beispiel ihrer besten Freundin Mary, die nach einer verpfuschten Abtreibung stirbt.

Nach diesem Trauma sucht Grace ihr Glück in einer neuen Anstellung, doch auch dort droht das Unheil: Die oberste Haushälterin Nancy teilt das Bett mit Mr. Kinnear, dem feinen Gentleman des Hauses, der von ihrer Schwangerschaft nichts wissen darf. Die beiden Turteltäubchen werden tot im Keller aufgefunden, und Grace kann sich beim Prozess partout nicht daran erinnern, wie das passieren konnte. Während der Stallbursche McDermott für den Mord hängen muss, kommt sie mit lebenslanger Haft davon – die Frage ihrer Schuld oder Unschuld bleibt in sechs Folgen à 45 Minuten zu klären.

In „The Sinner“ (nach dem Roman „Die Sünderin“ von Petra Hammesfahr) käme die Frage der Schuld etwas seltsam daher: Nach nur 15 Minuten Spielzeit sticht die Protagonistin Cora Tannetti ohne ersichtlichen Grund und vor den Augen von Ehemann und Sohn am Strand einen Badegast ab – mit jenem Messer, mit dem sie gerade noch ihre Birne schälte. Wer nach dieser außerordentlich brutalen Szene dranbleibt, stellt nicht nur fest, dass Jessica Biel erstaunlich gut schauspielern kann, sondern erhält auch fein portionierte Hinweise und letztlich die erlösende Antwort auf die quälende Frage: warum?

Wobei es eigentlich niemanden interessiert, warum Cora so ausgetickt ist – Hauptsache, die Mörderin wird ihrer gerechten Strafe zugeführt. Nur der Hartnäckigkeit von Ermittler Harry Ambrose (Bill Pullman) ist es zu verdanken, dass allmählich Licht ins Dunkel kommt. Dabei hat der bärtige Kauz eigentlich genug mit sich selbst zu tun, tröstet sich über seine zerbrechende Ehe hinweg, indem er sich von seiner Lieblingsdomina strangulieren oder auf den Fingernägeln herumtrampeln lässt. Sex kommt in „The Sinner“ selten ohne Gewalt aus, und Ambrose berauscht sich in seiner Freizeit an der Opferrolle, während er es sich zur beruflichen Aufgabe gemacht hat, Coras gewalttätige Erfahrungen aufzuarbeiten. Die Puzzleteile für seine Recherche, so viel sei verraten, bestehen aus einem streng religiösen Elternhaus (in dem Cora als Sündenbock herhalten muss, „The Sinner“ eben), einer herzkranken Schwester, einer dubiosen Sexparty inklusive Drogendealer und einem Maskenmann mit Heroinspritze – und trotzdem ist alles ganz anders, als man am Anfang denkt.

Die Protagonistinnen in aktuellen Miniserien greifen jedenfalls zu drastischen Mitteln, um endlich aus dem Käfig der patriarchalen Welt auszubrechen. Damit Opfer nicht zu Tätern werden, muss die Gesellschaft zuerst aufhören, sie zu Opfern zu machen.

„Alias Grace“ und „The Sinner“ sind auf Netflix verfügbar.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Serien

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