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Nachruf "Toni" Guha Der Unermüdliche

Journalist, Publizist, Aktivist - der ehemalige FR-Redakteur "Toni" Guha ist tot. Er ist in der Nacht zum Montag nach langer, schwerer Krankheit in Frankfurt gestorben. Von Edgar Auth

08.02.2010 17:02
Edgar Auth
"Toni" Guha: Journalist, Publizist, Aktivist und ehemaliger FR-Redakteur. Foto: Kumpfmüller

Es war im Jahre 1967, als der junge Anton Andreas Guha mit dem Zug durch die Bundesrepublik unterwegs war. Er hatte gerade sein Studium abgeschlossen, eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent war ihm avisiert worden. Da stieg ein älterer Herr zu ihm ins Nichtraucherabteil - und zündete sich eine Zigarre an. Als Guha ihn auf das Verbotsschild aufmerksam machte, lautete die Gegenfrage: "Junger Mann, wissen Sie, wer ich bin?" Das wusste Guha nicht, und auch, als der Ältere ihm eröffnete: "Ich bin Karl Gerold", reagierte er unbeeindruckt. Er kannte den damaligen Herausgeber der Frankfurter Rundschau und profilierten Publizisten einfach nicht. Die beiden kamen ins Gespräch, an dessen Ende Gerold Guha in die Frankfurter Redaktion einlud.

Der Besuch gipfelte darin, dass Guha einen Redakteursvertrag unterschrieb. Gerold hatte ihn aus dem Elfenbeinturm herausgelockt und ihn überzeugt, dass er als Journalist mehr bewirken könnte. Es war der Beginn einer herausragenden journalistischen und publizistischen Laufbahn. Und es war der Start in eine Verbindung, die ein ganzes Berufsleben lang halten sollte: Die "Rundschau" wurde für Guha weit mehr als ein Arbeitsplatz - sie wurde ihm zum Lebensmittelpunkt.

Guha bekam einen Platz in der Nachrichtenredaktion, dem damaligen Kernstück der Rundschau. Seine Zuständigkeitsbereiche: Südamerika und Sicherheitspolitik. In der linksliberalen, eher von Norddeutschen dominierten Rundschau-Redaktion war er mit seinen nie verleugneten bajuwarisch-böhmisch gemischten Wurzeln ein Exot. Nicht wegzudenken sein "Teifi, Teifi", wenn er bei ungewöhnlichen Nachrichten oder Überraschungen unverdrossen den Satan beschwor. Oder sein fröhliches "Habe die Ehre" zum Gesprächsauftakt oder sein "Schau dass’d weidakommst", wenn eine Debatte beendet war. Seine politische Heimat waren damals die Jusos und lange Jahre danach noch die SPD, mit der er erst wegen des Schröder-Kurses brach.

Eine seiner ersten Auslandsreisen führte Guha nach Mittelamerika, wo damals berüchtigte Diktaturen herrschten. Er hatte sich zu Hause von einem Mitglied einer Oppositionsgruppe überreden lassen, einen Brief für dessen Genossen in El Salvador mitzunehmen. Doch am Ziel angekommen, stand statt eines Revolutionärs der Geheimdienst vor Guhas Hotelzimmertür. Er wurde festgenommen und in eine Zelle ohne jegliche sanitäre Ausstattung gesperrt, wo er eine gute Woche schmorte. Unterdessen ließ Karl Gerold seine Drähte in die deutsche Diplomatie heiß laufen - es war nicht das erste Mal, dass er ein Redaktionsmitglied aus dem Knast einer Diktatur herausholen musste. Guha kam frei, und seine Berichte aus Mittelamerika festigten den Ruf der Frankfurter Rundschau und Guhas selbst als unerschrockene Gegner von Ungerechtigkeit, Klüngelei und Gewalt.

Als später die Zeit der Nachrüstungsdebatte anbrach und die Friedensbewegung wuchs, hatten Deutschlands Ökopaxe in Guha einen ihrer profiliertesten Vertreter. Unermüdlich sammelte und veröffentlichte er Informationen und Argumente gegen die Atomrüstung. 1979 bekam er den Wächterpreis der deutschen Tagespresse, eine der höchsten Auszeichnungen für Journalisten hierzulande. Ob er sein Bundesverdienstkreuz zurückgeben sollte, überlegte er immer wieder, wenn die Regierung etwas gegen seine Grundsätze entschied. Längst war er gerne gesehener Gast auf den Pazifisten-Podien quer durch die Republik. "Teifi, Teifi" erscholl es oft, wenn der Toni, wie ihn längst die meisten nannten, wieder einmal in letzter Minute telefonisch daran erinnert wurde, dass in irgendeiner Stadt sein Publikum wartete. Er sprang dann auf wie von der Tarantel gestochen und hetzte zum Zug, um gerade noch pünktlich den versprochenen Vortrag zu halten.

Die Redaktion kannte ihren Toni als vielseitigen Mann, manche hielten ihn für einen begnadeten Saxophonisten. Unvergessen der von ihm organisierte Ausflug von Kollegen samt Familien in seine Heimatstadt Regensburg, wo sogar die damalige Oberbürgermeisterin den Gästen vom Main die Ehre gab.

Guha hatte sich eine der ersten elektrischen Schreibmaschinen in der Redaktion besorgt. Sie stand selten still, denn wenn er nicht gerade einen Leitartikel verfasste, schrieb er an einem Buch-Manuskript oder einem Beitrag für die Zeitschrift "Vorgänge", zu deren Mitherausgebern er nebenbei gehörte. Sein erstes Buch "Sexualität und Pornographie" basierte auf einer Artikelserie in der FR. Zugleich war er sich nie zu schade für das tägliche Nachrichten-Klein-Klein, und wenn kurz vor Redaktionsschluss einer der gestressten Koordinatoren vom News Desk mit irgendeiner Meldung zu ihm kam , knurrte er nur knapp: "Gib her", unterbrach sein Geklapper und redigierte geduldig und gewissenhaft.

Eines seiner frühen Bücher, "Ende", beschreibt den Zustand Deutschlands nach einem Atomschlag. Es wurde zu einem Bestseller in der Friedensbewegung und brachte Guha den Ruf ein, von der Apokalypse, vor der er so unermüdlich warnte, auch ein wenig fasziniert zu sein. Dies wiederholte sich bei einem seiner späten Werke: "Der Planet schlägt zurück". Darin beschrieb er die drohenden Folgen einer Umweltkatastrophe, lange bevor Hollywood sich dem Thema zuwandte.

Guhas journalistisches Spektrum war im Laufe der Jahre breiter geworden. Er schrieb Leitartikel zu den verschiedensten Themen, meist mit der Absicht, Grundlegendes zu sagen, Ursachenforschung zu betreiben, um die Übel bei der Wurzel zu packen. In diesem Sinne war er stets ein Radikaler, meist löste er einen Schwall von Leserbriefen aus - und Diskussionen in der Redaktion.

Toni Guha engagierte sich aber auch praktisch. Jahrelang war er im Betriebsrat, manchmal stöhnten die übrigen Redakteure, wenn er unversehens gerufen wurde, um irgendeinem Kollegen aus der arbeitsrechtlichen Patsche zu helfen. Und wenn die Redaktion in den regelmäßigen Tarifkämpfen wieder einmal darüber debattierte, ob denn ein Streik und damit das Nichterscheinen der Zeitung dem Blatt auf seinem überaus schwierigen Markt nicht schaden würde, hielt Guha den Zauderern entgegen: Die Rundschau-Leser würden es mehr schätzen, wenn ihre Redakteure nicht nur beherzte Artikel schrieben, sondern auch im praktischen Handeln ihren Mut bewiesen.

In gut 35 Redaktionsjahren war Guha übrigens selbst zum Raucher geworden. Und als das Qualmen in der Redaktion längst verboten war, zogen manchmal verräterische Schwaden aus seiner Schublade. "Teifi, Teifi", klagte er dann, wenn jüngere Kollegen ihn auf das Verbot hinwiesen.

Anton Andreas Guha ist in der Nacht zum Montag nach langer, schwerer Krankheit in Frankfurt gestorben.

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